





| PRESSEMITTEILUNG | Berlin, 31.5.99 |
Zensur, Gefängnis, Repressalien - eine "angemessene Reaktion"?
Vor dem zehnten Jahrestag des Tiananmen-Massakers stehen die Medien in
China unter verschärftem Druck.
In den vergangenen zehn Jahren mußten 56 chinesische Journalisten ins
Gefängnis, 40 ausländische Korrespondenten wurden verhaftet.
Am 4. Juni 1989 rückten Panzer der chinesischen Armee auf den
Tiananmen-Platz in Peking vor. Die Soldaten schossen wahllos, aber auch
gezielt auf die dort versammelten Demonstranten und machten die während
des "Pekinger Frühlings" entstandene Hoffnung auf demokratische Reformen
zunichte - zu denen auch Presse- und Informationsfreiheit gehörten. Die
Anwort der Regierung war eine Welle verschärfter Repression, unter der die
Medien bis heute zu leiden haben.
- Mindestens 56 Journalisten wurden seit 1989 aufgrund ihrer
beruflichen Tätigkeit inhaftiert, einige für wenige Wochen, andere für
Jahre. 43 von ihnen waren direkt an Aktionen der Demokratiebewegung
beteiligt, fünf sitzen noch immer im Gefängnis:
- Yu Dongyue, Kunstkritikerin für The News of Liuyang (verhaftet am
23. Mai 1989, 20 Jahren Gefängnis); Hu Liping, Journalist der Beijing
Daily (verhaftet am 7. April 1990, 10Jahre Haft; Chen Yanbin,
Mitherausgeber der Untergrundzeitung Tielu (Ende 1990 verhaftet, 15 Jahre
Gefängnis); Zhang Yafei, ebenfalls Herausgeber der Tielu (im September
1990 verhaftet, 12 Jahre Gefängnis); Liu Jingsheng, Mitarbeiter der
Untergrundzeitung Tansuo (verhaftet im Mai 1992, 15 Jahre Haft).
- Gao Yu, eine führende Figur der Studentenproteste und Journalistin
der Economic Weekly, wurde bereits am 3. Juni 1989 inhaftiert und kam am
15. Februar dieses Jahres "aus medizinischen Gründen" frei, darf aber
Peking nicht verlassen und keinen Kontakt zu ausländischen Medien
aufnehmen. Manche Journalisten stehen unter Hausarrest, andere wurden ins
Exil gezwungen wie Wang Juntao, Träger des Menschenrechtspreises 1993 von
Reporter ohne Grenzen. Etwa 20 Journalisten mußten ihren Beruf ganz
aufgeben, rund 50 weitere wurden Opfer disziplinarischer Sanktionen.
- Auch heute ist es riskant, an den "Pekinger Frühling" zu erinnern
oder die Regierungs-Version der Ereignisse in Frage zu stellen - die
Behörden sprechen noch immer von einer "angemessenen Antwort" auf die
Proteste. So wurde Cao Jiahe, Chefredakteur der Zeitung Dong Fang
beschuldigt, in einem öffentlichen Papier zur Neubewertung der offiziellen
Darstellung des Tiananmen-Massakers aufzurufen. Er wurde verhaftet und
Berichten zufolge drei Tage lang mit Schlägen und systematischem
Schlafentzug gefoltert, bevor man ihn am 14. Mai wieder entließ.
- Ausländische Journalisten sehen sich seit Juni 1989 verschärfter
Überwachung ausgesetzt - besonders bei Kontakten zu chinesischen
Dissidenten. Mehr als 40 Korrespondenten sind in den letzten zehn Jahren
vorübergehend festgenommen worden, acht wurden ausgewiesen - darunter die
deutschen Journalisten Jürgen Kremb, (u.a. Spiegel) und Henrik Borg
(Frankfurter Rundschau, Tagesspiegel).
Aktuelle Situation:
Die chinesischen Behörden versuchten bereits im Vorfeld, die
Berichterstattung zum zehnten Jahrestag des Tiananmen-Massakers zu
behindern.
- Alle Verantwortlichen in Hotels und Appartment-Blocks, die über
Satellit ausländische Fernsehprogramme empfangen können, wurden Ende
April angewiesen, Sendungen aus Frankreich, Italien, Spanien, Südkorea und
Deutschland aus dem Netz zu nehmen. Nach Informationen von Reporter ohne
Grenzen forderten die Behörden in Shanghai am 24. Mai alle Unternehmen,
die Nachrichten für Computernetzwerke bereitstellen, ohne Angabe von
Gründen auf, ihre Aktivitäten vorübergehend einzustellen. Seit Mitte Mai
sind chinesische Kabelbetreiber aufgefordert, die Programme der Hongkonger
Phoenix Satellite Television Company nicht weiterzuverbreiten - bis nach
dem 4. Juni.
- Seit Anfang des Jahres ergingen mehrere Direktiven, um die Medien
bei der Berichterstattung über den 4. Juni auf offizielle Linie zu
bringen. Am 22. Januar forderte Präsident Jiang Zemin alle für
Öffentlichkeitsarbeit Verantwortlichen auf, "sozialer Ordnung und
politischer Stabilität" besondere Beachtung zu schenken. Jeder Versuch zur
Destabilisierung werde "im Keim erstickt". Die Volkszeitung, Organ der
Kommunistischen Partei Chinas, berichtete, nach neuen Erlässen werde
"jeder bestraft, der Material druckt, kopiert oder verbreitet, das zum
Umsturz der Regierung und des sozialistischen Systems oder der Teilung des
Landes anstiftet". Im März verschoben die Behörden die Neuvergabe aller
Lizenzen für Zeitungen auf die zweite Jahreshälfte. Zahlreiche Medien
wurden in den letzten Monaten mit Erscheinungsverboten belegt. Und auch
das Internet ist nicht vor Zensurmaßnahmen gefeit: Im Mai plazierten
Computer-Hacker auf den dem Gedenken an das Tiananmen-Massaker gewidmeten
Web-Seiten des Journalisten Wang Dan obszöne Bemerkungen und Beleidigungen.
Reporter ohne Grenzen fordert von der chinesischen Regierung:
- die sofortige und bedingungslose Freilassung von 12 derzeit inhaftierten
Journalistinnen und Journalisten, von denen fünf an der Demokratiebewegung
teilgenommen hatten;
- die Wiederzulassung zum Beruf für alle Journalisten, die wegen ihrer
Unterstützung für die Studentenproteste zum Rücktritt gezwungen wurden;
- das Ende der Repressalien wie Hausarrest, Telefonüberwachung und
Beschattung gegen in der Demokratiebewegung engagierte Journalistinnen und
Journalisten;
- die sichere Rückkehr für die ins Exil gezwungenen Journalisten;
- die Möglichkeit zur freien Berichterstattung über die Aktivitäten
oppositioneller Gruppen für alle chinesischen Medien.
Reporter ohne Grenzen
Skalitzer Straße 101,
D-10997 Berlin
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rog@berlin.snafu.de
Tel.: 49 - 30 - 615 85 85
Fax: 49 - 30 - 614 34 63
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