Der Sohn Habyarimanas (Gründer von Radio Milles
Collines) hat die Tochter von Kabuga geheiratet.
Gab es Geschäftsverbindungen zwischen den beiden
Familien?
Kabuga ist zu einem der größten Importeure des Landes
geworden, ohne daß seine Lastwagen jemals kontrolliert
wurden. Er konnte auf diese Weise alles transportieren,
ohne Überprüfung. Als Gegenleistung erwies er der
Familie des Präsidenten Dienste, verteilte er Geschenke.
Er war auch der Hauptfinanzier von Radio Television
Libre des Mille Collines (RTLM)?
Ich bin absolut überzeugt, daß er im Auftrag der Familie
Habyarimana handelte. In dem Augenblick, in dem das
Radio gestartet wurde, haben seine Initiatoren versucht,
eine ganze Menge Leute einzubeziehen. Jeder mußte
5.000 (ruandische) Francs bezahlen. Es ist auch bekannt,
daß der Präsident der Republik den ehemaligen
Präsidenten der Orinfor, Ferdinand Nahimana,
Führungskraft bei RTLM empfangen hat: Letzterer soll
ihm angeboten haben, Aktien des freien Radios zu
kaufen, "damit er Hauptanteilseigner werde".
Ich glaube daß dann die Berater des Präsidenten
Bedenken gegen seine öffentliche Teilnahme an RTLM
anmeldeten und daß er keine Aktien gekauft hat.Sie
waren, glaube ich, fünf. Es war ein Initiavkomitee. Sie
haben ein Dokument verteilt, den Plan der
RTLM-Gründung. Ich hatte ihn selbst in den Händen.
Diese Verrsammlung fand einige Zeit vor der Gründung
der politischen Parteien statt,
1991. Es gab damals Zeitungen, die von der Partei MRND
finanziert wurden, aber die Leute haben sie nicht gelesen,
sie wurden als qualitativ schlecht beurteilt. Darum haben
sie ans Radio gedacht. Auch mit Vorausblick auf den
Wahlkampf, fur den Fall, daB Friedensvertrage mit der
FPR abgeschlossen wurden. Sie sagten: "Wir brauchen
ein eigenes Radio."
Wie haben sich die Gründer die Radioausstattung
beschafft?
Das Material wurde in Deutschland gekauft. Ferdinand
hat eine Marktstudie gemacht. Ihm wurde von Joseph
Serugendo geholfen, der beim nationalen Radio für die
Technik verantwortlich war. Er war übrigens gleichzeitig
der Leiter der Technik bei Radio des Mille Collines.
Zu welchem Zeitpunkt hat RTLM eine Sprache benutzt, die
zum Haß aufrief?
Schon bei seiner Gründung war der Ton schrecklich. Und
er wurde zunehmend schlimmer. Sie sagten, daß es ein
Radio für die Hutus sei.
Warurn war dieses Radio 50 erfolgreich? Weil es gut
gemacht war? Anders als das Nationalradio?
Ich habe es ständig gehört, denn immer wenn RTLM eine
Person besonders hervorhob, konnte man sicher sein,
daß kurze Zeit später die Interahamwe
(Regierungsmilizen) auftauchen würden. Daher mußten
vorsichtige Leute unbedingt dieses Radio hören, für den
Fall, daß sie genannt wurden. Dann wußte man, daß
man noch am selben Tag die Adresse wechseln mußte.
Das war wie mit der Zeitung Kangura.
Das erklärt nicht den Erfolg von Radio des Mille Collines...
Die Mannschaft von RTLM war Experte darin
volkstümliche Programme zu erfinden. Es spielte zum
Beispiel Musik, die im offiziellen Radio nicht gesendet
werden durfte, wie etwa sehr extremistische Lieder von
Simon Bikinde. Dieser - er sang sehr gut, in der Tradition
der Volkslieder - rief die Hutus dazu auf, wachsam zu
sein, Tutsis zu töten. Ein und dasselbe extremistische
Lied konnte bis zu 10 oder 15mal am Tag gesendet
werden, damit die Leute es auswendig lernten.
Andererseits hat sich Ferdinand Nahimana in der
Rekrutierung seiner Mitarbeiter sehr geschickt gezeigt.
Können Sie uns die Moderatoren von RTLM beschreiben?
Da war der beruhmte Kantano Habimana. Er war ein
gefürchteter Moderator. Ich persönlich habe noch nie
einen vergleichbaren Moderator gehört. Er hatte vorher
für die Presse gearbeitet, für Imvaho, eine Zeitung des
Staates. Dann für die Einheitspartei MRND - er hat für
die Murwanashyaka geschrieben. Danach war er im
Regionalbüro der MRND in Butare tätig, wo er so etwas
wie ein Parteisekretär der MRND war.
Man sagt, daß der Erfolg des extremistischen Radios von
der Auswahl an Sportmoderatoren herrührte, die politische
Komrnentare verfaßten.
Es ist komplizierter. Ferdinand Nahimana hat eine große
Leidenschaft fur den Fußball. Einen Akademiker, der das
runde Leder so sehr liebt, trifft man selten. Man sah ihn
mit Kindergruppen: Trommlern und Leuten in
traditionellen Kostümen zu den Spielen gehen, um eine
Mannschaft zu unterstützen. Das machte ihn sehr
beliebt.
Kantano teilte diese Leidenschaft. Er war überdies sehr
professionell. Er ließ nie Sendepausen entstehen, das
Reden fiel ihm sehr leicht. Er fand immer die Worte, um
die Leute zum Lachen zu bringen, auch die, die ihn nicht
mochten. Selbst während des Krieges kam man nicht
umhin, ihm zuzuhören. Über mich sagte er zum Beispiel:
"Ich habe gerade erfahren, daß die Leute, die zu ihm
gegangen sind, ihn nicht angetroffen haben. Wo konnte er
sein? Sucht weiter das Viertel nach ihm ab." Das sagte er
auf eine komische Art, man hatte Lust darüber zu lachen,
als wäre es ein Spiel. Ich wollte ihm weiter zuhören. Es
war faszinierend.
Erinnern Sie sich an andere Moderatoren dieser Art?
Eine Frau namens Valerie. Ich habe ihren Nachnamen
vergessen. aber den kann Ihnen jeder sagen. Sie war
ziemlich aufgeregt. sie sprach mit einer gewissen
Nervositat. Sie war eine. die die Tutsis nicht mochte und
es schaffte, das mit jedem Satz zu zeigen. Wenn sie zum
Beispiel das Massaker an einer Tutsi-Familie
kommentierte, war sie im siebten Himmel Man spurte
da,B sie uber den Sender iubilierte. Sie sa~te: "lhr Jungen
aus dem und dem Vierter, ihr seid wirklich sehr mutig.
Ich habe die Arbeit gesehen, die ihr getan habt, ihr habt
der ganzen Jugend als Vorbild gedient. Diese Leute
muBten getotet werden, und ihr habt sie getotet. Der
Vater durfte nicht durch eine Kugel in den Kopf getotet
werden, man muBte ihn in kleine Stücke schneiden." Sie
werden diese Aussagen wiederfinden. wenn sie
Mitschnitte von RTLM haben.
Das Gespräch führten Jean-Pierre Chrètien
Jean-Francols Dupaquier und Robert Mènard.
Ubersetzt wurde es von Nadine Runge.
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