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Negin Behkam aus dem Iran

Eine Frau steht vor dem Kultusministerium in Teheran und wartet. Ihre Aufregung ist für einen außenstehenden Beobachter nicht sichtbar. Als ein rotbärtiger von Leibwächtern begleiteter Mann das Gebäude verlässt, geht sie entschieden auf ihn zu. Der Mann, seit November 2009 stellvertretender Minister für Kultur und Presseangelegenheiten im Iran, heißt Mohammed Ali Ramin. Von ihm erwartet sie Auskunft über den Aufenthaltsort ihrer unbegründet festgenommenen Kollegen Abdolresa Tadschik, Badrolsadat Mofidi, Mohammed Ressa Nurbachsch und vielen anderen, die spurlos verschwanden. Sie sucht nach einer Erklärung, warum Menschen in ihrer Heimat auf der Straße willkürlich verhaftet und dann im Gefängnis vergewaltigt, mit Zigaretten verbrannt und mit Knüppeln bewusstlos geprügelt werden. Sie will trotz der Repressionen nach der Wahl von Mahmud Ahmadinedschad 2009 zum Präsidenten für Meinungs- und Pressefreiheit in ihrem Land kämpfen.

Sie eilt auf Ramin zu. Seine Leibwächter sind aber schneller, versperren ihr den Weg und schieben sie davon. Dass sie ihnen ihren Presseausweis vor den Augen hält, interessiert die Männer nicht. Ein Gefühl von Ohnmacht breitet sich in ihr aus. „Nieder mit der Diktatur!“, schreit sie dem ins Auto einsteigenden Vizeminister hinterher und erhebt ihre Hand zum Siegeszeichen der „Grünen Bewegung“. Die Frau ist die Journalistin Negin Behkam.

Negin, im Jahr 1984 in Iran geboren, wuchs in einer Lehrerfamilie auf. Ihre Eltern wurden im Zuge der „Kulturrevolution“ als „Andersdenkende“ identifiziert und aus dem öffentlichen Dienst entlassen. Negin beginnt schon während ihres Studiums an der privaten „Freien Universität“ in Teheran diverse Artikel zu Themen aus Wirtschaft und Politik, zu veröffentlichen. Sie schreibt über zurückbleibende Wirtschaftsentwicklung, hohe Inflation, Arbeitslosigkeit und Korruption. Während der vorletzten Präsidentschaftswahl von 2005 unterschreibt sie eine Petition, die aus Protest gegen den ultrakonservativen Mahmud Ahmadinedschad entstand. Darin erklären iranische Journalisten und Filmemacher ihre Unterstützung mit dem zweiten Präsidentschaftskandidaten Ali Akbar Haschemi Rafsandschani, der von 1989 bis 1997 iranischer Präsident war und als liberal angesehen wird. Er verliert jedoch die Wahl. Mit dem Sieg von Ahmadinedschad verstärken sich Repressionen gegen oppositionelle Medien wie Kargozaaran, Farhikhtegan, Donyay-e-Eghtesad oder Bahar, für die Negin arbeitet.

 Nach dem von Fälschungsvorwürfen begleiteten Wahlsieg von Ahmadinedschad und der brutalen Niederschlagung der „grünen“ Protestbewegung 2009 spitzt sich die Situation für unabhängige Journalisten und Oppositionelle nochmals zu. Viele werden misshandelt, gefoltert und zu langjährigen Strafen verurteilt. Redaktionen kritischer Zeitungen Schritt für Schritt geschlossen.

Nach der Begegnung mit Mohammed Ali Ramin fährt Negin nicht nach Hause, sondern zu einer alten Bekannten, Ajdin*, die mit ihrer Familie in einem dicht besiedelten Bezirk von Teheran wohnt, und bittet sie um Unterkunft. In den nächsten Tagen erfährt sie, dass die Polizei wegen ihres „Verstoßes“ ihr Zuhause durchsuchte und Negins Laptop, Bücher sowie Wahlkampfunterlagen als Beweise konfiszierte. Negin bleibt bei Ajdin. In der Nacht liegt sie aber im Bett wach, bei den seltenen Ausgängen aus dem Haus trägt sie Tschador. Die Hoffnung auf Verbesserung ihrer Situation verliert sie und beschließt infolgedessen, Iran zu verlassen.

Erst der dritte Fluchtversuch gelingt und sie landet an einem kalten Herbsttag des Jahres 2010 in Deutschland.

Mit Unterstützung von Reporter ohne Grenzen wird sie als politischer Flüchtling in Deutschland anerkannt.

Reporter ohne Grenzen half mir nicht nur mit der Kommunikation während meines Asylverfahrens mit der Regierung. Die Organisation hilft mir auch bei so alltäglichen Dingen wie Deutschkurs- und Wohnungsuche oder Laptopfinanzierung“, erzählt Negin in etwas gebrochenem Deutsch.

Und was wünscht sich die 27-jährige außer anderen Lebensumständen in ihrer Heimat für die Zukunft?

„Meinem Beruf nachgehen. Ich denke über ein Journalistik-Studium nach. Deshalb lerne ich weiter Deutsch.“

 

* Name verändert

 

 

Kaveh Ghoreishi aus dem Iran

Als Mitglied der diskriminierten kurdischen Minderheit entwickelt Kaveh Ghoreishi schon als Jugendlicher eine tiefe Ernsthaftigkeit, die ungewöhnlich für sein Alter ist. In diesen Jahren entsteht auch sein Wunsch, als Journalist über Benachteiligung und Unterdrückung in seinem Land zu berichten. Als er aufgrund seiner Überzeugung den im Iran obligatorischen Kriegsdienst verweigert, verschlimmert sich seine Situation weiter.

„Mit einem Schlag verlierst du alle deine Bürgerrechte. Du darfst nicht heiraten, keinen Führerschein machen, nicht umziehen, nicht studieren und du bekommst auch keinen Pass“, schildert der 29-jährige Journalist und Blogger.

Nach seiner Verhaftung im Jahr 2005 während einer Demonstration für Menschenrechte lernt Kaveh in darauf folgenden zehn Tagen die Verhörmethoden der iranischen Sicherheitskräfte kennen. Gegen Abgabe einer Unterlassungserklärung gelangt Kaveh zurück in die zensierte iranische Freiheit. Um sein Soziologiestudium fortsetzen zu können, geht Kaveh im Jahr 2008 in den Nordirak. Dort angekommen, entdeckt er den besten Raum für seine brisanten politischen Meinungsäußerungsaktivitäten – das Internet.

Seine professionelle Zusammenarbeit mit dem kurdischen Onlineportal Roozonline beginnt. Jedoch auch im Irak gerät er wegen seiner kritischen Berichterstattung ins Visier der iranischen Machthaber. Er lässt sich nicht einschüchtern und kehrt im November 2009 sogar nach Teheran zurück. Vorsichtig und unauffällig auftretend, beobachtet er die erbitterten Protestdemonstrationen und erlebt, wie die Grüne Bewegung blutig niedergeschlagen wird. Im Internet schreibt er über all die Ereignisse. Als es für ihn zu riskant wird, entschließt er sich im Januar 2010, erneut ins Ausland zu flüchten und strandet wieder im Nordirak. 

Eine sichere Zuflucht im Exil kann Kaveh erst erlangen, als sich ROG für ihn bei der Bundesregierung in Deutschland engagiert und Berlin dank eines Nothilfevisums sein neues Zuhause wird.

Kaum in Sicherheit angekommen, sucht Kaveh nach einem Internetanschluss. So viel ist während seiner Flucht im Iran passiert. Er muss sich informieren. Er muss weiter über die Geschehnisse in seiner Heimat berichten. Über soziale Netzwerke hält er den Kontakt zu seinen iranischen Freunden und Bekannten.

Noch sitzt er dabei zwischen zwei Welten, wie zwischen zwei Stühlen. Er hat sich fest vorgenommen, die deutsche Sprache zu lernen.

Facebook ist wie eine Art Wohnzimmer für mich geworden. Ich kann – eingetaucht in die Musik meiner Heimat - zwischen den beiden Welten pendeln.“

 

 


Bashana Abeywardane aus Sri Lanka

Vor seiner Flucht aus Sri Lanka Ende 2006 war der Zeitungsjournalist Bashana Abeywardane eine bekannte Persönlichkeit in der sri-lankischen Presselandschaft. Er gehört zu den wenigen Journalisten, die sich trauen, parteiunabhängig und ausgewogen über den Bürgerkrieg zwischen Armee und Paramilitärs auf der einen und den tamilischen Rebellen auf der anderen Seite zu berichten.

In seinen Artikeln für Zeitungen wie „Lakdiva“, „Hiru“ und „Mawbima“ kritisiert der heute 39-Jährige unter anderem die Militäraktionen und Gräueltaten der singhalischen Regierung gegenüber der tamilischen Landbevölkerung. Er setzt sich zudem für die Aussöhnung zwischen der singhalesischen Mehrheitsbevölkerung und der tamilischen Minderheit ein.

Seine unabhängige und ausdrücklich nicht-nationalistische Berichterstattung bringen Bashana zahllose Anfeindungen – verbaler wie tätlicher Angriffe und Todesdrohungen – ein. Lange Zeit lässt sich der Journalist, der selbst der singhalesischen Bevölkerungsgruppe angehört, nicht zum Schweigen bringen. Nach Wiederausbruch des Bürgerkriegs im Jahr 2006 nehmen die Übergriffe gegen kritische Journalisten jedoch massiv zu und Bashana entscheidet sich, vorübergehend das Land zu verlassen. Daraus wurde ein bis heute andauerndes Exil.

Seit 2007 lebt er in Deutschland, zunächst als Stipendiat der Heinrich-Böll-Stiftung und des P.E.N. – bis er 2010 offiziell als politischer Flüchtling anerkannt wird. Reporter ohne Grenzen hat ihn bei der Beantragung eines Asylgesuchs unterstützt.

Heute gehört er zu den führenden Köpfen der sri-lankischen Exilbewegung. Damit die Probleme in seiner Heimat nicht in Vergessenheit geraten, gründet Bashana zusammen mit anderen Exiljournalisten die Journalist for Democracy in Sri Lanka. Das Netzwerk berichtet auf seiner Webseite als erstes Medium über grausame Hinrichtungen der Regierung und trägt damit dazu bei, dass diese Thema in der weltweiten Öffentlichkeit werden.

Den Glauben daran, dass er irgendwann wieder in seine Heimat zurückkehren kann, gibt Bashana nicht auf. „Wenn wir diese Hoffnung verlieren, verlieren wir auch die Hoffnung zu leben. Wie wir an den jüngsten Ereignissen in der Welt gesehen haben, wehrt sich das Volk früher oder später gegen die Unterdrückung durch autoritäre Regime. Wir hoffen, dass wir mit unserer Arbeit dazu beitragen können, auch die sri-lankische Bevölkerung in so eine Richtung zu bewegen.“

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