Meine Zeit in Berlin | Reporter ohne Grenzen für Informationsfreiheit

"Wir haben gelernt, die Gefahren richtig einzuschätzen"

Marine Madatyan über ihre Zeit als Stipendiatin.

"Bevor ich an dem Programm teilgenommen habe, hatte ich schon mehrere kurze digitale Sicherheitstrainings durchlaufen. Jedoch als wir begonnen haben, tiefer in diesen Bereich einzudringen, merkte ich, dass es kontraproduktiv ist, an zu kurzen Trainings teilzunehmen. Denn in ihnen wurden oft ungenaue oder falsche Informationen zum Thema der digitalen Sicherheit vermittelt – diese zu „löschen“ ist schwieriger, als sich komplett neu in das Feld einzuarbeiten.

Seit dem Berliner Stipendienprogramm dreht sich für mich digitale Sicherheit  nicht mehr nur um die Sicherheit von Passwörtern und um PGP oder den Schutz von Daten und Quellen. Nun weiß ich, dass es für mich wichtiger ist zu verstehen, in welchen Situationen ich welche Tools nutzen sollte, als alle möglichen Sicherheitstools zu kennen – auch weil es keine „sicheren“ Tools in dem Sinne gibt. Was benötigt wird, ist ein gut durchdachter Sicherheitsplan. Das Stipendienprogramm hat mich somit gelehrt, keine endgültigen Meinungen zu Tools und digitalen Ressourcen zu haben, sondern die Gefahrenlage richtig einzuschätzen und mein Wissen entsprechend zu nutzen.

Während des Stipendienprogramms haben wir auch mehrere Verlage und Medienunternehmen besucht, was mir viel gebracht hat. Diese Besuche waren nicht nur hilfreich, um die Arbeitsbedingungen kennenzulernen, sondern auch um Kontakte zu knüpfen, die in Zukunft nützlich sein können.

In Bezug auf meine Mitstipendiat*innen kann ich sinnbildlich davon erzählen, wie schwer uns der Abschied gefallen ist. Wir haben mehrere „letzte Abendessen“ organisiert, weil wir es nicht übers Herz gebracht haben, uns zu verabschieden. Das letzte „letzte Abendessen“ war am Abend vor unserer Abreise. Das Stipendienprogramm hat uns näher zusammengebracht, als ich erwartet hätte. Wir haben viel über uns und unsere Heimatländer gelernt und unsere Erfahrungen ausgetauscht. Journalistische Arbeit stößt fast überall auf ernsthafte Hindernisse, auch wenn diese möglicherweise von unterschiedlicher Art sind. Das Bewusstsein über die Arbeitsbedingungen, Herausforderungen und Schwierigkeiten der anderen hat uns sehr verbunden.

Durch die Länge des Programms haben wir uns gegenseitig auf beruflicher Ebene kennengelernt, was dazu geführt hat, dass einige von uns auch nach Ende des Programms zusammen zu wichtigen Themen in den jeweiligen Ländern arbeiten werden. Dieses Stipendienprogramm liefert durch den Kontakt zu Kolleg*innen aus mehreren Ländern großartige Ideen für grenzüberschreitende Berichterstattung. Für mich ist das einer der wichtigsten Erfolge des Aufenthalts. Auf diese Weise wird das Stipendienprogramm für uns über die vier Monate hinweg bestehen bleiben."

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