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Kolumbien

Rangliste der Pressefreiheit — Platz 134 von 180
Kolumbien 07.06.2021

Beispiellose Gewalt gegen Journalisten

Polizist mit Waffe
© Leonard Mikoleit

Reporter ohne Grenzen ist entsetzt über eine nie dagewesene Welle der Gewalt gegen Medienschaffende bei den anhaltenden Protesten in Kolumbien. Seit Beginn der landesweiten Unruhen am 28. April gab es rund 220 Übergriffe auf Journalistinnen, Journalisten und Medien, so viele wie noch nie in Kolumbien. Etwa die Hälfte davon wurden von Sicherheitskräften verübt.

„Es ist sehr beunruhigend, dass die Gewalt gegen Medienschaffende in Kolumbien bereits seit mehr als einem Monat unvermindert anhält. Noch empörender aber ist, dass die Behörden bis heute nichts unternommen haben, um die Angriffe zu verurteilen und zu ahnden und Journalistinnen und Journalisten bei ihrer Berichterstattung über die Proteste zu schützen“, sagte RSF-Geschäftsführer Christian Mihr.

In den knapp sechs Wochen seit Beginn der Proteste hat die kolumbianische Stiftung für Pressefreiheit FLIP 222 Übergriffe auf Journalistinnen, Journalisten und Medien dokumentiert, darunter 87 gewalttätige Attacken und 42 Bedrohungen. Rund die Hälfte der Übergriffe wurde von Sicherheitskräften begangen. Noch nie hat FLIP so viele Übergriffe in einer Phase sozialer Unruhen in Kolumbien registriert. Beim Agrar-Streik im Jahr 2013 hatte die Organisation 24 Übergriffe dokumentiert, beim Generalstreik 2019 waren es 76.

Medienschaffende von Sicherheitskräften und Demonstrierenden attackiert

Zuletzt wurden beispielsweise die Journalisten José Alberto Tejada und Jhonatan Buitrago vom Community-Fernsehsender Channel 2 am Freitag (4. Juni) inmitten ihrer Berichterstattung von den Protesten in Cali von Beamten der Spezialeinheit ESMAD beschossen. Wie alle in der Folge genannten Medienschaffenden waren die beiden eindeutig als Pressevertreter zu erkennen. Mitarbeitende von Channel 2 waren zuvor schon mehrfach ins Visier der Sicherheitskräfte geraten.

In der Stadt Popayán wurden am 12. Mai die Journalisten Juan Ortega, Óscar Solarte und Kevin Acosta angegriffen und bedroht. Acosta, der für das Online-Medium Red Alterna arbeitet, wurde von etwa sechs Polizisten attackiert. Er hatte gefilmt, wie einer der Uniformierten einen jungen Demonstranten geschlagen hatte. Bereits am ersten Tag der Proteste, dem 28. April, war Acosta von Sicherheitskräften verletzt worden und musste medizinisch versorgt werden. Juan Ortega vom Online-Medium Periódico Virtual und Óscar Solarte von den Medien Diario Cauca und Extra wurden von vermummten Demonstrierenden attackiert.

Am 6. Mai wurden drei Journalisten des lokalen alternativen Online-Mediums Loco Sapiens von der Polizei mit Gummigeschossen attackiert, als sie von einem Protest in der Kleinstadt Sibaté berichteten. Die Beamten der Spezialeinheit ESMAD schossen direkt auf die Journalisten, obwohl diese ihre Arme hoben und laut riefen, dass sie Pressevertreter seien. Zwei der drei wurden verletzt.

Der deutsch-kolumbianische Fotograf Leonard Mikoleit, der inzwischen aus Sicherheitsgründen das Land verlassen hat und sich in Deutschland aufhält, wurde bereits am ersten Tag der Proteste am 28. April in seiner Heimatstadt Cali ins Visier genommen, wie er RSF erzählte. Ein ESMAD-Beamter zielte auf ihn, verfehlte ihn jedoch, weil ein Demonstrant mit einem Stein auf ihn warf. Stattdessen wurde der Demonstrant von dem Gummigeschoss getroffen und verletzt. Mikoleits Foto vom Moment des Zielens sowie andere Fotos von den Protesten in Cali veröffentlicht Reporter ohne Grenzen in einer Bildstrecke unter https://www.reporter-ohne-grenzen.de/kolumbien. Am Mittwoch (9. Juni, 13 Uhr) erzählt Mikoleit auf dem Instagram-Account von Reporter ohne Grenzen (@reporterohnegrenzen) von seinen Erlebnissen.

RSF unterstützt Medienschaffende auf mehreren Wegen

Seit kurzem verleihen RSF und FLIP kostenlos Schutzwesten, Atemschutzmasken und Helme an Journalistinnen und Journalisten, die sich bei ihrer Berichterstattung in Kolumbien körperlichen Risiken aussetzen.

Am 26. Mai haben RSF und FLIP zudem gemeinsam die Vereinten Nationen, die Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) und die UNESCO über die Eskalation der Gewalt gegen Medienschaffende im Umfeld der Proteste informiert. Der Appell an die UN richtete sich speziell an die Sonderberichterstatterin zur Meinungsfreiheit, den Sonderberichterstatter zu Versammlungs- und Organisationsfreiheit, die Hohe Kommissarin für Menschenrechte und den Generalsekretär der Vereinten Nationen. Er ging zudem an den Sonderberichterstatter für Meinungsfreiheit der Interamerikanischen Menschenrechtskommission (IACHR) und an die Unesco.

Angesichts dieser beispiellosen Zahl von Übergriffen und der Unfähigkeit der kolumbianischen Regierung, die Sicherheit von Medienschaffenden zu garantieren, appellierten RSF und FLIP an die Sonderberichterstatter und die Unesco, sich gegenüber den kolumbianischen Behörden eindeutig zu positionieren. RSF und FLIP schlugen den internationalen Organisationen unter anderem vor,

  • Kolumbiens höchste Funktionsträger inklusive des Präsidenten aufzufordern, Angriffe gegen die Presse durch staatliche Vertreterinnen und Vertreter öffentlich zu verurteilen;
  • transparent über Gewalttaten gegen Medienschaffende durch Sicherheitskräfte sowie deswegen eingeleitete strafrechtliche Ermittlungen zu informieren; Schutzmaßnahmen für Medienschaffende, die über Proteste berichten, offenzulegen;
  • und eine unabhängige Expertenkommission einzuberufen, die die Übergriffe auf Medienschaffende aufarbeiten soll.

Auf der Rangliste der Pressefreiheit steht Kolumbien auf Platz 134 von 180 Staaten. 

Am Mittwoch, 09.06., spricht RSF von 13:00 bis 14:00 Uhr in einer Instagram-Live-Diskussion unter @reporterohnegrenzen mit dem deutsch-kolumbianischen Fotografen Leonard Mikoleit (@mikolente) über die Bedingungen für Berichterstattende bei den Protesten und über seine Geschichte. Der 20 Jahre alte Student fotografierte seit 2019 die Proteste und die Polizeigewalt in der Stadt Cali. Vor einigen Wochen verließ er das Land, nachdem unter anderem Polizisten ihm angedroht hatten, ihn verschwinden zu lassen, sollte er weiter fotografieren.

Bildstrecke von den Protesten in Cali mit Fotos von Leonard Mikoleit: https://www.reporter-ohne-grenzen.de/kolumbien



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