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Marokko

Zwölf Jahre nach der Liberalisierung des marokkanischen Fernseh- und Radiomarkts spielt der Staat immer noch eine Schlüsselrolle in der Medienlandschaft des nordafrikanischen Landes. Die Königsfamilie und einige Geschäftsleute sind zu wichtigen Medienunternehmern aufgestiegen. Das zeigen die Ergebnisse des Projekts Media Ownership Monitor, die Reporter ohne Grenzen und der marokkanische Projektpartner Le Desk am Freitagabend in Casablanca vorgestellt haben. Das Ergebnisse ist die erste umfassende Bestandsaufnahme des marokkanischen Medienmarkts einschließlich Hintergrundinformationen zu seinen Hauptakteuren und deren Interessen.

Rangliste der Pressefreiheit — Platz 133 von 180

Staat behält Schlüsselrolle in Medienlandschaft

Zwölf Jahre nach der Liberalisierung des marokkanischen Fernseh- und Radiomarkts spielt der Staat immer noch eine Schlüsselrolle in der Medienlandschaft des nordafrikanischen Landes. Die Königsfamilie und einige Geschäftsleute sind zu wichtigen Medienunternehmern aufgestiegen. Das zeigen die Ergebnisse des Projekts Media Ownership Monitor (MOM), die Reporter ohne Grenzen (ROG) und der marokkanische Projektpartner Le Desk am 17.11.2017 in Casablanca vorgestellt haben.

Die Ergebnisse sind ab sofort auf Englisch, Französisch und Arabisch auf der Projektwebseite abrufbar und stellen die erste umfassende Bestandsaufnahme des marokkanischen Medienmarkts einschließlich Hintergrundinformationen zu seinen Hauptakteuren und deren Interessen dar.

Medieneigentümer mit politischem Einfluss spielen insgesamt eine erhebliche Rolle: Neun der 36 Unternehmen hinter den beliebtesten landesweiten Nachrichtenmedien haben direkte oder indirekte Verbindungen zum Staat, zur Regierung oder zur Königsfamilie. Vier davon – SOREAD, SNRT, EcoMedias und Horizon Press – gehören zu den umsatzstärksten Medienunternehmen Marokkos. Allein die Königsfamilie hält über ihre Holdinggesellschaft Société Nationale d’Investissement (SNI) Anteile an vier Medienunternehmen, darunter drei der fünf insgesamt reichweitenstärksten: Soread, EcoMedias und Radio Méditerranée Internationale.

Einige Unternehmer leisten sich unprofitable Printmedien, was Fragen nach ihren Motiven aufwirft. So zählen zu den Besitzern von fünf der neun untersuchten französischsprachigen Tages- und Wochenzeitungen (Aujourd’hui le maroc, La Vie Eco, Les Inspirations Eco, La Nouvelle Tribune und l’Economiste) mehrere der reichsten Marokkaner. Zwei davon gehören der aktuellen Regierung als Minister an: Aziz Akhannouch und Moulay Hafid Elalamy.

Auffällig ist auch die wichtige, aber intransparente Rolle des Werbemarkts, der staatlichen wie privaten Akteuren einen mächtigen Hebel an die Hand gibt, um Medien zu fördern oder zu sanktionieren. Daneben haben die MOM-Recherchen Defizite bei der Reichweitenmessung der Medien offengelegt.

Der Staat dominiert das Fernsehen

 „Die Ergebnisse zeigen, dass Medienvielfalt nicht automatisch Meinungspluralismus bedeutet“, sagte Ali Amar, Chefredakteur des marokkanischen MOM-Partners Le Desk. „Unsere Untersuchung macht deutlich, dass wirtschaftliche und politische Interessen in besorgniserregender Weise in den marokkanischen Medienmarkt hineinspielen – zulasten von Pluralismus und Unabhängigkeit der Medien.“

Die dreimonatigen MOM-Recherchen konzentrierten sich auf die 46 beliebtesten landesweiten Medien in Marokko und die 36 Unternehmen, denen sie gehören. Dabei wurde deutlich, dass mit den verschiedenen Mediengattungen unterschiedliche Arten von Eigentümern korrespondieren: Der Fernsehmarkt wird immer noch vom Staat dominiert, ergänzt durch die Königsfamilie und einige der reichsten Geschäftsleute Marokkos. Auch auf dem Radiomarkt spielt der Staat nach wie vor eine wichtige Rolle als Medienbesitzer, daneben haben sich in den vergangenen zehn Jahren aber auch kleinere Unternehmen etabliert.

Bei den Printmedien gibt es deutliche Unterschiede zwischen der florierenden arabischsprachigen Presse, die sich überwiegend im Besitz von Journalisten befindet, und der französischsprachigen Presse, die von reichen Unternehmern dominiert wird. Am vielfältigsten ist der Besitz bei den Online-Medien gestreut.

Der Media Ownership Monitor basiert auf einer standardisierten Methodik, die anhand einer Reihe von Indikatoren die Risiken für den Medienpluralismus länderübergreifend vergleichbar macht. Marokko schneidet dabei durchschnittlich ab und weist ein insgesamt mittleres Risiko aus.

„Auch wenn die Risiken für den Medienpluralismus in Marokko nicht so groß sind wie in manch anderem Land, zeigen die Ergebnisse des Media Ownership Monitors, dass Reformen nötig sind“, sagte ROG-Vorstandssprecher Michael Rediske. „Königsfamilien, Minister und reiche Geschäftsleute sollten nicht in der Lage sein, wesentliche Teile der Nachrichtenmedien zu kontrollieren. Damit sie glaubwürdig als politische Kontrollinstanz dienen können, müssen Marokkos Medien noch viel unabhängiger von politischen und wirtschaftlichen Interessen werden.“

Die MOM-Recherchen haben auch gezeigt, dass die verfügbaren Informationen über die Eigentumsverhältnisse marokkanischer Medien oft veraltet und teils widersprüchlich sind. Offenlegungs- und Transparenzpflichten stehen zwar im Gesetz, werden aber oft ignoriert oder umgangen. Nur 17 der 36 vom MOM-Team angefragten Medienunternehmen antworteten auf Fragen zu ihren Eigentümern

Langer Schatten des staatlichen Fernsehmonopols

Mit der 2005 begonnenen Liberalisierung des Rundfunkmarkts hätte das staatliche Fernseh- und Radiomonopol eigentlich verschwinden sollen. Dennoch bleibt der Einfluss des Staats auf diese Medien beträchtlich. Die staatliche Rundfunkgesellschaft erreicht mit ihren Radiosendern insgesamt 26,73 Prozent des Publikums, mit ihrem Fernsehangebot 8,67 Prozent. Das Medienunternehmen SOREAD, an dem die Regierung über das Wirtschaftsministerium 72 Prozent und die königliche Holding SNI 20 Prozent hält, erreicht 5,62 Prozent des Radio- und mit seinem einzigen TV-Sender 33 Prozent des Fernsehpublikums.

Obwohl SNRT 88 Prozent der staatlichen Ausgaben für die Medienbranche erhält und SOREAD viel Werbung anzieht, haben beide Unternehmen so große finanzielle Probleme, dass sich die Frage nach ihrer wirtschaftlichen Überlebensfähigkeit stellt.

Einflussnahme durch Werbebudgets

Intransparenz kennzeichnet auch den marokkanischen Werbemarkt. Da es keinen Mechanismus gibt, der eine faire Verteilung der Werbebudgets von staatlichen Stellen oder privatwirtschaftlichen Unternehmen gewährleisten würde, ist dieser Markt jeder öffentlichen Kontrolle entzogen. Große Unternehmen können deshalb beliebte und erfolgreiche Zeitungen boykottieren und finanziell austrocknen. Anfang der 2000er Jahre haben sie dies anhand der Zeitungen Telquel, Nichane und Le Journal Hebdo unter Beweis gestellt.

Am attraktivsten für Werbekunden bleibt der Fernsehmarkt, der im laufenden Jahr (bis Ende August) allein 39,8 Prozent der Budgets auf sich zog. An zweiter Stelle folgte Plakatwerbung (29,10 Prozent), während Radio (16,7 Prozent) und Printmedien (13,2 Prozent) deutlich weniger Werbegelder abbekamen.

Unverlässliche Reichweitenzahlen

Obwohl mehrere renommierte Institutionen die Reichweiten der verschiedenen Mediengattungen erheben, sind die Zahlen zum Teil nicht erhältlich oder aber widersprüchlich. Hinzu kommt, dass die Marktforschung von wirtschaftlichen Interessen beeinflusst zu sein scheint.

Für den Fernsehmarkt erhebt ein Gemeinschaftsunternehmen von SNRT, SOREAD, Médi1TV und der Werbeagentur Régie3 die Reichweitenzahlen; für den Radiomarkt gibt es ein ähnliches Modell. Die Reichweitenzahlen für den Print-Markt beruhen auf freiwilligen Meldungen der Medien; dabei wurden Auflagenzahlen mitunter durch Freiexemplare stark aufgebläht, um höhere Anzeigenpreise zu erzielen.

Für den Markt der Online-Medien gibt es wie in den meisten Ländern bislang keine verlässlichen Reichweitenmessungen. Nur wenige Website-Betreiber haben sich entschieden, ihre Google-Analytics-Daten öffentlich zugänglich zu machen.

Intransparente Eigentumsverhältnisse

 Der Media Ownership Monitor hat auch untersucht, inwieweit Informationen über die Eigentumsverhältnisse von Medien öffentlich zugänglich sind und wie detailliert und glaubwürdig diese Angaben sind. Zwar waren in Marokko alle außer zwei der untersuchten Medien registriert, aber die meisten Eigentümerinformationen waren veraltet.

Darüber hinaus sind die finanziellen Verhältnisse auf dem Medienmarkt ebenso intransparent wie auch in anderen Branchen in Marokko: Nach Angaben des Handelsregisters reichen rund 40 Prozent der Unternehmen keine Bilanzen ein. Ungeachtet gesetzlicher Pflichten legten im Rahmen der MOM-Recherchen 16 von insgesamt 40 untersuchten Unternehmen ihre wirtschaftlichen Kennzahlen wie Umsatz, Gewinn und Angaben zu den Anteilseignern nicht offen. Bei drei der Unternehmen, die die Fragen des MOM-Teams beantworteten, stimmten die öffentlich verfügbaren Informationen nicht mit den tatsächlichen Eigentumsverhältnissen überein, wie sie die Unternehmen beschrieben.

Für einige der Unternehmen liegen in der Online-Datenbank der zuständigen Behörde OMPIC keine aktuellen Angaben vor, obwohl Änderungen ihrer Eigentumsverhältnisse öffentlich bekannt oder Gegenstand von Gerüchten sind. Die Rundfunkaufsicht HACA weigerte sich, entsprechende Informationen für ihren Zuständigkeitsbereich herauszugeben, obwohl sie dort vorliegen und obwohl die betreffenden Medien ihre Angaben bei der Behörde jährlich aktualisieren müssen.

Media Ownership Monitor - Ein globales Rechercheinstrument

Der Media Ownership Monitor ist ein internationales Projekt von Reporter ohne Grenzen, das mit Mitteln des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung umgesetzt wird. Gemeinsam mit lokalen Partnerorganisationen wurde er erstmals 2015 in Kolumbien und Kambodscha durchgeführt. MOM-Ergebnisse liegen außerdem bereits aus Tunesien, der Türkei, der Ukraine, Peru, den Philippinen, der Mongolei, Serbien, Ghana und Brasilien vor. Die nächsten Projektländer sind Mexiko und Albanien.

Le Desk wurde 2015 als investigative Online-Zeitung gegründet, die sich aus Leser-Abonnements finanzieren wollte, um ihre Unabhängigkeit sicherzustellen. Nachdem dieses Finanzierungsmodell scheiterte, hat Le Desk den Unternehmer und Politiker Ali Belhaj als Kapitalgeber gewonnen. Um die redaktionelle Unabhängigkeit weiterhin zu wahren, hat Le Desk sich einen Redaktionskodex gegeben und mit Belhaj eine Vereinbarung über die beiderseitige Rollenverteilung geschlossen. Beide Dokumente sind auf der Webseite der Zeitung nachlesbar.