Afghanistan 01.06.2017

Anschlag tötet zwei Medienmitarbeiter

Anschlag in Kabul am 31. Mai © picture alliance/abaca

Bei dem schweren Anschlag in der afghanischen Hauptstadt Kabul am Mittwochmorgen (31. Mai) sind auch zwei Medienmitarbeiter getötet und mindestens sechs Journalisten verletzt worden. Damit steigt die Zahl der allein in den vergangenen zwei Wochen getöteten Medienschaffenden auf fünf. Im Mai starben vier Medienmitarbeiter durch einen Anschlag auf das Gebäude der staatlichen Rundfunkgesellschaft in der östlichen Provinzhauptstadt Dschalalabad. Trotz der anhaltenden Gewalt auch gegen Journalisten im Land geht die Bundesregierung davon aus, dass es in Afghanistan immer noch sichere Regionen gibt.

„Der Anschlag zeigt einmal mehr, dass Journalisten in Afghanistan täglich ihr Leben riskieren. Gleichzeitig schafft es die Regierung offensichtlich nicht, für einen angemessenen Schutz von Journalisten zu sorgen“, sagte ROG-Geschäftsführer Christian Mihr. „Angesichts der extremen Gefahren sind insbesondere Journalisten nirgends im Land sicher.“

Die Bombe explodierte im Diplomatenviertel Wasir Akbar Chan, in dem auch viele Medien ihren Sitz haben. Nach ROG-Informationen sind Asis Nowin, Mitarbeiter beim afghanischen Nachrichtensender Tolo News, und Mohammad Nasir, Fahrer beim britischen Sender BBC, unter den Todesopfern. Vier BBC-Journalisten und zwei Journalisten des afghanischen Fernsehsenders TV1 wurden verletzt. Zudem wurde der Hauptsitz des Senders schwer beschädigt.

Bei dem Anschlag auf den lokalen Ableger des staatlichen Rundfunksenders in der östlichen Provinz Nangarhar Mitte Mai starben vier Mitarbeiter: Abdollatif Amiri, Mohammad Amir Chan Schinwari, Naghdi Ghani und Seinollah Chan Mollachil. Zu dem Angriff bekannte sich der Islamische Staat.

Im Januar starben bei einem Doppelanschlag auf das Parlament in Kabul ein Kameramann und eine Mitarbeiterin des parlamentarischen Fernsehsenders. Zwei weitere Mitarbeiter des Senders und ein Journalist der Wochenzeitung Kerad wurden verletzt. Die Taliban übernahmen die Verantwortung für die Tat.

Steigende Zahl an Nothilfefällen

Afghanistan gehört zu den gefährlichsten Ländern für Journalisten weltweit. Im vergangenen Jahr wurden dort mindestens zehn Medienschaffende wegen ihrer Arbeit getötet. ROG zählt die Organisationen Taliban und Islamischer Staat zu den weltweit größten Feinden der Pressefreiheit.

Die Zahl der Journalisten aus Afghanistan, die sich mit der Bitte um Unterstützung an das ROG-Nothilfereferat wenden, ist 2016 im Vergleich zum Vorjahr deutlich gestiegen. Momentan steht ROG mit zehn afghanischen Journalisten in Kontakt, die Hälfte von ihnen sind Frauen. Vor rund drei Jahren lehnten die deutschen Behörden den Asylantrag einer afghanischen Journalistin ab, die ROG unterstützt hat. Als Begründung gaben sie an, sie könne ihren Beruf aufgeben, dann sei sie in ihrem Land sicher.

Derzeit ist eine afghanische Journalistin im Rahmen des dreimonatigen Auszeit-Stipendiums bei Reporter ohne Grenzen zu Gast.

Gewalt gegen Journalistinnen

Zum Internationalen Frauentag im März 2017 hat Reporter ohne Grenzen in Kabul das Zentrum für den Schutz von Journalistinnen in Afghanistan (CPAWJ) eröffnet. Unter der Federführung der bekannten afghanischen Journalistin Farida Neksad setzt sich das CPAWJ für die Sicherheit von Frauen in Medienberufen ein.

Journalistinnen in Afghanistan sind besonders gefährdet. Neben dem hohen Sicherheitsrisiko stehen sie vor gesellschaftlichen Hürden. Viele werden von ihren eigenen Familien unter Druck gesetzt, weil diese um die Sicherheit der Frauen fürchten. Seit 2002 wurden mindestens vier Journalistinnen von Verwandten getötet, darunter die Tolo TV Moderatorin Schaima Resaji im Jahr 2005 und zwei Jahre später die Moderatorin des Senders Schamschad TV, Schakiba Sanga Amadsch.

Von den im vergangenen Jahr weltweit getöteten fünf Journalistinnen kamen drei aus Afghanistan. Die drei beim privaten afghanischen Fernsehsender Tolo TV angestellten Journalistinnen Mariam Ebrahimi, Mehri Asisi und Sainab Mirsai kamen ebenso wie vier ihrer männlichen Kollegen im Januar 2016 bei einem Selbstmordanschlag auf einen Kleinbus des Senders in der Hauptstadt Kabul ums Leben.

Auf der jährlichen Rangliste der Pressefreiheit steht Afghanistan auf Platz 120 von 180 Staaten.



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