09.09.2004

Appell an Putin: Freie Berichterstattung zulassen, für Sicherheit von Journalisten sorgen

 

Zwei Journalisten ermordet, 15 Journalisten angegriffen und 18 verhaftet sowie zahlreiche Medien zensiert oder geschlossen – das ist die Bilanz von Reporter ohne Grenzen zur Pressefreiheit in Russland allein für dieses Jahr. Russland gehört zu den wenigen Ländern in Europa, in denen kritische Journalisten um ihre Freiheit, ihre Gesundheit oder im Extremfall um ihr Leben fürchten müssen.

Anlässlich des Petersburger Dialogs, der heute und morgen in Hamburg stattfindet, hat Reporter ohne Grenzen (RoG) sich daher in einem offenen Brief an Russlands Präsidenten Wladimir Putin gewandt und fordert ihn auf, sich dringend für eine unabhängige Berichterstattung sowie für die Sicherheit von Journalisten in seinem Land einzusetzen. Auch soll Putin sich wirtschaftlich und politisch für unabhängige Medien engagieren anstatt sie gezielt zu schwächen.

„Das Geiseldrama von Beslan hat gezeigt: Wer - wie Raf Schakirow von der Zeitung Iswestija - von der staatlichen Linie abweicht, kritisch berichtet und emotionale Bilder bringt, verliert seinen Job", sagte Alexej Simonow von der Moskauer Stiftung Glasnost Defense auf der heutigen Pressekonferenz von RoG zum Auftakt des Petersburger Dialogs in Hamburg. „Die staatlichen Fernsehsender indessen stehen einem solchen Ereignis ängstlich und hilflos gegenüber. über die entscheidenden Momente haben sie nicht informiert."

Auch die russische Journalistin Olga Kitowa berichtete auf dem RoG-Podium von den Grenzen der Pressefreiheit in Russland. Sie hat am eigenen Leib erfahren, was auf kritische Artikel über Korruption, Amtsmissbrauch und Justizwillkür folgt: Festnahme, Schläge, Verhöre, zwei Jahre Gefängnis auf Bewährung. Eine häufige Konsequenz der Journalisten sei daher Selbstzensur, so Kitowa.
Aus Sicht von RoG eine bedenkliche Entwicklung für eine Gesellschaft auf dem Weg zu einer Demokratie.

über die Arbeit der ausländischen Journalisten unter diesen Bedingungen sprach Dirk Sager, langjähriger Korrespondent für das ZDF in Moskau: „Die Entwicklung weist den Weg zum Obrigkeitsstaat und man kann das Modell im Sowjetsystem suchen oder im vorrevolutionären Russland. Das lässt den Korrespondenten nicht unberührt – weder als Berichterstatter noch als Person.“

Seit Putins Amtsantritt sind gerade unabhängige und freie Medien unter Druck geraten, täglich werden Journalisten eingeschüchtert und bedroht - vor allem in den Provinzen. Besonders alarmiert ist Reporter ohne Grenzen über die Versuche, eine unabhängige Berichterstattung vom Geiseldrama in Beslan zu verhindern: Material wurde beschlagnahmt, mindestens drei kritische Journalisten wurden verhaftet, und die Tschetschenien-Expertin Anna Politkowskaja musste ihre Reise nach Beslan wegen einer Vergiftung abbrechen. Reporter ohne Grenzen fordert eine umgehende Aufklärung von Politkowskajas Vergiftung sowie die Freilassung der festgehaltenen Journalisten.

 

 

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Weitere Informationen:
Reporter ohne Grenzen - Katrin Evers
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