08.03.2007

Für Journalistinnen kein Grund zum Feiern

Reporter ohne Grenzen erinnert anlässlich des Internationalen Frauentages am 8. März an das Schicksal all jener Frauen, die wegen ihrer Arbeit als Journalistinnen bedroht, eingeschüchtert, verhaftet oder gar ermordet werden.

Alleine im Jahr 2006 verloren elf Reporterinnen in Ausübung ihres Berufes ihr Leben, sieben Journalistinnen müssen den 8. März hinter Gittern verbringen.

„Das beste Beispiel für die Gefährdung von investigativen Journalistinnen ist der Mord an Anna Polikowskaja vom vergangenen Oktober. Die zweifache Mutter bezahlte ihre kritische Haltung zur Tschetschenien-Politik der russischen Regierung mit ihrem Leben“, so ROG. „Wir zollen ihr und all den anderen Frauen, die oft weit über ihre berufliche Verpflichtung hinaus das Recht auf freie Meinungsäußerung verteidigen, große Anerkennung.“

Mordanschläge auf Journalistinnen nehmen zu
Von den 82 Reporterinnen und Reportern, die 2006 in Ausübung ihres Berufes getötet wurden, waren elf Frauen, das sind neun Prozent. Im Jahr 2005 waren es beinahe 13 Prozent – noch nie war dieser Anteil so hoch. 2004 war er 7,5 Prozent, 2003 lag er bei 2,5 Prozent. Die einzig gute Nachricht: In diesem Jahr kam bisher keine Journalistin ums Leben.

Zentralasien erwies sich 2006 als besonders gefährlicher Dienstort für Journalistinnen. Ogulsapar Muradova, „Radio Free Europe“-Korrespondentin in Turkmenistan, kam im September im Gefängnis um. Sie war im Juni verhaftet worden, nachdem sie behördenkritische Berichte veröffentlicht und einer französischen Journalistin bei ihrer TV-Dokumentation über Turkmenistan geholfen hatte. Im benachbarten Usbekistan ist die Journalistin und Menschenrechtsaktivistin Umida Niyazova seit 22. Januar hinter Gittern. Ihr drohen zwischen fünf und zehn Jahren Haft, weil sie Zeugenaussagen über das Massaker in Andischan im Jahr 2005 in Umlauf gebracht hatte.

Reporterinnen wurden auch Opfer der Gewalt, die von bewaffneten Gruppen im Irak ausgeht. Atwar Bahjat vom Fernsehsender „Al-Arabiya“ wurde mit ihrem Team entführt und später ermordet, nachdem sie über das Bombardement eines schiitischen Schreins in Samarra im Februar 2006 berichtet hatte. Ungewöhnlich für den Irak ist, dass ihr Mörder festgenommen und einige Monate später zum Tode verurteilt wurde.

Reem Zeid vom irakischen „Sumariya TV“ wurde gemeinsam mit ihrem Kollegen Marwan Khazaal am 1. Februar 2006 entführt. Seitdem gibt es keine Nachrichten von den beiden. Insgesamt wurden seit dem Beginn des Irakkrieges im März 2003 acht Frauen, darunter sechs Auslandskorrespondentinnen, als Geiseln genommen. Eine von ihren, die irakische Nachrichtenmoderatorin Raeda Wazzan, wurde von ihren Entführern hingerichtet.

Im Libanon wurde im September 2005 die Moderatorin des Fernsehsenders „LBS“, May Chidiac, von einer Bombe verstümmelt und schwer verletzt. Sie nahm nach zehn Monaten medizinischer Behandlung und Rehabilitation ihre Arbeit wieder auf.

Journalistinnen hinter Gittern
Weltweit sind derzeit insgesamt sieben Journalistinnen wegen ihrer Arbeit in Haft: Munusamy Parameshawary (Sri Lanka), Saidia Ahmed (Eritrea) Serkalem Fassil (Äthiopien), Rabiaa Abdul Wahab (Irak), Umida Niyazova (Usbekistan) sowie Agnes Uwimana Nkusi und Tatiana Mukakibibi (beide Ruanda).

Serkalem Fassil, Herausgeberin von drei Wochenzeitungen, wurde im November 2005 gemeinsam mit ihrem Mann, ebenfalls Journalist, festgenommen. Sie war damals schwanger und musste ihren Sohn vergangenen Juni in ihrer Zelle zur Welt bringen. Nachdem sie das Baby sechs Monate bei sich behalten hatte, vertraute sie es schließlich einer Verwandten an und sieht es nun kaum noch.

Keine andere Journalistin war bisher länger hinter Gittern als Tatiana Mukakibibi: Sie wurde 1996 in Ruanda verhaftet und wartet im Gefängnis von Gitarama im Süden der Hauptstadt noch immer auf ihr Gerichtsverfahren. Ihr wird vorgeworfen, sich am Genozid beteiligt zu haben. Mukakibibi beteuert ihre Unschuld und geht davon, dass sie wegen ihrer Berichte über Vergeltungsschläge der Tutsi in Haft ist. Sie fordert, dass ihr endlich Gerechtigkeit zuteil wird.

Aktivistinnen im Dienste der Pressefreiheit
Reporter ohne Grenzen begrüßt ganz besonders das Engagement all jener mutigen Frauen, die sich weltweit für Presse- und Meinungsfreiheit einsetzen: Sihem Bensedrine in Tunesien, Tadjigul Begmedova in Turkmenistan, Rozlana Taukina in Kasachstan, Zhanna Litvina in Weißrussland und Sayda Kilani in Jordanien sind nur einige der Frauen, die NGOs zur Verteidigung der Pressefreiheit vorstehen.

Sie führen ihren Kampf unter besonders schwierigen Bedingungen und sind oft gezwungen, vor Schikanen und Einschüchterungen ins Ausland zu flüchten.

Nicht unerwähnt bleiben sollen auch die zahlreichen Bloggerinnen, die ihre freie Meinung im Internet äußern, um der Zensur zu entkommen. Viele von ihnen leben im Iran, wo die Regierung Ahmadineschad versucht, die feministische Bewegung niederzuschlagen. Rund 20 Frauen wurden erst kürzlich in Teheran verhaftet, weil sie für Frauenrechte demonstriert hatten. In Saudi-Arabien sperren die Behörden den Zugang zum Blog von „Saudi Eve“, die anonym über ihr Liebesleben berichtet und sich frei zu religiösen Themen äußert.

Auch die Situation der afghanischen Frauen darf nicht vergessen werden. Laut konservativen Afghanen arbeiten zu viele Frauen im Fernsehen; sie wollen unter anderem ein Gesetz durchbringen, dass es Journalistinnen vorschreibt, „religiöse Bekleidungsvorschriften“ zu beachten.


WEITERE INFORMATIONEN:
Katrin Evers
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
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