Russland 31.10.2003

Journalisten appellieren an Entführer des AFP-Korrespondenten Astamirow. Initiative von neun ehemaligen Geiseln und Reporter ohne Grenzen

Neun Journalisten, die selbst einmal Geiseln waren, haben am Donnerstag an die Entführer von Ali Astamirow appelliert, den in Inguschetien entführten Kollegen freizulassen. In dem offenen Brief, den Reporter ohne Grenzen initiiert hat, wird gleichzeitig der russische Präsident Wladimir Putin
aufgefordert, sich persönlich für die Freilassung von Astamirow einzusetzen und dabei das Leben des AFP-Korrespondenten nicht zu gefährden.

Ali Astamirow war am 4. Juli in der Nähe von Nasran (Inguschetien) entführt worden. Wo er sich befindet und ob er überhaupt noch lebt, weiß nicht einmal seine Familie.

Hier der Wortlaut des Appells, den auch der deutsche Journalist Andreas Lorenz unterzeichnet hat:
Wir, die unterzeichnenden Journalisten, die im Libanon, auf den Philippinen oder in Kolumbien Geiseln waren, kennen das Gefühl der Verlassenheit und Isolation, die Angst, unsere Nächsten nicht mehr wiederzusehen, die ständige Ungewissheit, was einen erwartet. Wir sind daher äußerst besorgt über das Schicksal unseres Kollegen Ali Astamirow, Korrespondent in Tschetschenien und Inguschetien für die französische Nachrichtenagentur AFP. Er wurde am 4. Juli von einer Gruppe bewaffneter Männer in dem Dorf Altievo, in der Nähe von Nasran (Inguschetien), vor den Augen eines Kollegen verschleppt.

Ali ist 34 Jahre, gebürtiger Tschetschene und Vater von zwei Kindern. Seit einem Jahr berichtete er für AFP. Zuvor hatte er für ein privates Radio in Grosny gearbeitet. Von 1998 bis zum Oktober 1999 war er für das tschetschenische Büro des unabhängigen russischen Fernsehsenders NTW tätig. In den Monaten vor seiner Entführung erhielt er mehrere anonyme Drohungen und musste aus Sicherheitsgründen umziehen.

Die Verantwortlichen für die Untersuchung des Falls in Moskau und die Staatsanwaltschaft in Nasran in Inguschetien haben bisher keine nennenswerten Erkenntnisse erzielt. Alis Familie, drei Wochen nach der Entführung noch überzeugt davon, dass er lebt, ist sich heute nicht mehr sicher. Auch wenn niemand die Identität der Entführer kennt, eines ist gewiss: Einer der wenigen Journalisten, die über diesen schrecklichen Konflikt und die ihn begleitenden Gräueltaten berichteten, wurde zum Schweigen gebracht.

Wir rufen die Entführer auf, sich zu Erkennen zu geben und Ali Astamirow so schnell wie möglich freizulassen. Wir bitten außerdem Präsident Putin, sich persönlich dafür einzusetzen, dass Ali wiedergefunden und freigelassen wird, ohne sein Leben zu gefährden.

Roger Auque, Journalist, Geisel im Libanon 1987

Maryse Burgot, Journalist, Geisel auf Jolo (Philippinen) 2000

Scott Dalton, Journalist, Geisel in Kolumbien 2003

Jean-Jacques Le Garrec, Journalist, Geisel im Libanon 1985-1988

Andreas Lorenz, Journalist, Geisel auf Jolo (Philippinen) 2000

Roland Madura, Journalist, Geisel auf Jolo (Philippinen) 2000

Ruth Morris, Journalistin, Geisel in Kolumbien 2003

Jean-Louis Normandin, Journalist, Geisel im Libanon 1986-1987

Philippe Rochot, Journalist, Geisel im Libanon 1986

Für weitere Informationen:
Sabina Strunk, 030 615 85 85, presse@reporter-ohne-grenzen.de

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