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Taiwan

Rangliste der Pressefreiheit — Platz 43 von 180
Press Freedom Awards 17.11.2020

RSF gibt Nominierte 2020 bekannt

Auf dem Haupttor des Liberty Square wurde die Nationalflagge gehisst
Liberty Square in Taipeh © picture alliance / NurPhoto / Ceng Shou Yi

Reporter ohne Grenzen nominiert in diesem Jahr zwölf Journalistinnen und Journalisten beziehungsweise Medien aus zwölf Ländern für die internationale Auszeichnung mit den Press Freedom Awards. Die Preise für den besonderen Einsatz für die Pressefreiheit im Jahr 2020 werden am 8. Dezember in der taiwanesischen Hauptstadt Taipeh verliehen.

Vier Journalistinnen und drei Journalisten und fünf Medien oder Journalistenorganisationen sind in drei Kategorien nominiert: dem Preis für Mut (Courage), dem Preis für Wirkung (Impact) und dem Preis für Unabhängigkeit (Independence). Unter ihnen sind Journalistinnen und Journalisten sowie investigative Medien aus Russland, Brasilien, den Philippinen, Indien und Frankreich.

„Mit den Preisen für Pressefreiheit sollen Medienschaffende geehrt werden, die durch ihren Mut, ihre Unabhängigkeit oder durch die Wirkung ihrer Recherchen und ihrer Berichterstattung in besonderer Weise die Ideale des Journalismus verkörpern, für die wir stehen“, so RSF-Generalsekretär Christophe Deloire. „Dieser Preis ist nicht nur eine persönliche Auszeichnung. Er ist bewusst als demonstrative Unterstützung für Journalistinnen und Journalisten gedacht, die allzu oft inhaftiert, strafrechtlich verfolgt oder bedroht werden, weil sie diese Werte verkörpern.“

Nach London im Jahr 2018 und Berlin im Jahr 2019 ist die taiwanesische Hauptstadt Taipeh Gastgeber der diesjährigen RSF-Preise für Pressefreiheit. Die Verleihung wird per Livestream auf Chinesisch über Facebook, auf Englisch bei YouTube übertragen.

„Taiwan hat bewiesen, dass man die Covid-19-Pandemie unter Kontrolle bringen kann, ohne die Grundfreiheiten zu opfern. Es ist daher der ideale Ort für die Verleihung der Press Freedom Awards“, sagte Cédric Alviani, Leiter des RSF-Ostasienbüros. „Jahr für Jahr steht Taiwan in unserer Rangliste der Pressefreiheit an der Spitze der asiatischen Länder und ist damit ein Gegenmodell zum autoritären System Chinas.“

Die Jury der RSF-Preise für Pressefreiheit ist mit namhaften Journalistinnen und Verteidigern der Menschenrechte aus der ganzen Welt besetzt: Rana Ayyub, indische Journalistin und Kolumnistin der Washington Post; Raphaëlle Bacqué, Reporterin der französischen Zeitung Le Monde; Mazen Darwish, syrischer Rechtsanwalt und Präsident des syrischen Zentrums für Medien und Meinungsfreiheit; Zaina Erhaim, syrische Journalistin und Syrien-Koordinatorin am Institut für Kriegs- und Friedensberichterstattung; Erick Kabendera, investigativer Reporter aus Tansania; Hamid Mir, pakistanischer Reporter, Kolumnist und Autor; Frederik Obermaier, investigativer Journalist der Süddeutschen Zeitung in München; und Michail Sygar, russischer Journalist und Gründungs-Chefredakteur von Doschd, dem wichtigsten unabhängigen Fernsehsender in Russland. Den Vorsitz der Jury hat RSF-Präsident Pierre Haski inne.

Nominiert für den Preis für Mut (Courage):

Jelena Milaschina (Russland)

Jelena Milaschina ist Investigativreporterin der kremlkritischen Zeitung Nowaja Gaseta, wo sie sich auf die Berichterstattung über Tschetschenien spezialisiert hat. Sie übernahm den Posten, der nach der Ermordung ihrer Kollegin Anna Politkowskaja im Jahr 2006 unbesetzt blieb. Sie wurde häufig zum Ziel gewalttätiger Angriffe – zuletzt im Februar in einem Hotel in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny – sowie von Morddrohungen und Zensur. Einen ihrer Artikel über das Missmanagement der tschetschenischen Regierung in der Covid-19-Krise musste die Zeitung im April auf Verlangen der Generalstaatsanwaltschaft wieder von der Website entfernen. Dessen ungeachtet schreibt Milaschina weiter kompromisslose Artikel über die sensibelsten Themen der autonomen Republik Tschetschenien, die von Ramsan Kadyrow mit eiserner Hand regiert wird.

Margarita „Ging-Ging“ Valle (Philippinen)

Margarita „Ging-Ging“ Valle wurde im Juni 2019 verhaftet und mehrere Tage lang zur Einschüchterung in Isolationshaft gesteckt. Dennoch deckt sie weiter unbeirrt Menschenrechtsverletzungen in Davao im südlichen Teil der Philippinen auf, einer Region, die unter Kriegsrecht steht. Als Kolumnistin und Redakteurin der Zeitung und Website Davao Today ist sie auf Themen spezialisiert, die von den großen nationalen Medien oft ignoriert werden, so etwa die Rechte indigener Völker, die Rechte von Frauen in ländlichen Gesellschaften und Umweltthemen. Sie erlebte sehr früh das Vorgehen des „Duterte-Systems“, da Rodrigo Duterte lange Zeit Bürgermeister von Davao war, bevor er 2016 für das Präsidentenamt kandidierte.

Fahad Shah (Kaschmir, Indien)

Fahad Shah, Chefredakteur der wichtigsten investigativen Website The Kashmir Walla, wird aufgrund seiner Berichterstattung regelmäßig zum Verhör durch die Polizei vorgeladen. Diese versucht ihn einzuschüchtern, ihm zu drohen und ihn zur Offenlegung seiner Quellen zu zwingen, was er kategorisch ablehnt. Shah ist außerdem zum Ziel körperlicher Übergriffe geworden. Die von ihm geleitete Webseite spielt eine wichtige Rolle bei der Verteidigung der Pressefreiheit, da sie acht Millionen Kaschmiris informiert, obwohl diese seit der Aufhebung der Autonomie des Territoriums im August 2019 von der Außenwelt abgeschnitten sind.

Mohammad Mosaed (Iran)

Der freie Finanzjournalist Mohammad Mosaed wurde im Februar dieses Jahres von den Revolutionswächtern vorgeladen und befragt, nachdem er in Artikeln in den sozialen Netzwerken die mangelnden Vorsorgemaßnahmen der Regierung in der Covid-19-Pandemie kritisiert hatte. Er wurde zwar freigelassen, doch wurden sein Laptop und sein Mobiltelefon beschlagnahmt und seine Twitter- und Telegram-Konten geschlossen. 2019 wurde er mehrfach wegen seiner Tweets verhaftet und von der Internationalen Allianz für Pressefreiheit auf die Liste der am meisten verfolgten Journalisten gesetzt. Mosaed wurde bereits mit dem Amin-Al-Zarb-Preis und für seine Recherchen zur Korruption im Iran mit dem Freedom of Speech Award der Deutschen Welle ausgezeichnet.

Nominiert für den Preis für Wirkung (Impact):

La Voix de Djibouti (LVD) (Djibouti)

Der in Dschibuti verbotene Sender La Voix de Djibouti LVD ("Die Stimme Dschibutis"), der inzwischen von Frankreich aus sendet, arbeitet mit einem Netzwerk von Journalisten und freiwilligen Mitarbeiterinnen, die zur Verbreitung von Nachrichten und Informationen im Untergrund tätig sind. Trotz seiner begrenzten Mittel startete der Sender vor einigen Monaten ein Web-TV und hat damit weiter an Einfluss und Sichtbarkeit gewonnen. Ein Beispiel für seine Wirkung war die Berichterstattung über den Fall des inhaftierten Luftwaffenoffiziers Fouad Youssouf Ali, der die Regierung erschütterte. Der ehemalige Pilot veröffentlichte nach seiner Flucht ins Nachbarland Äthiopien mit der Hilfe von LVD Videos, die die Regierung von Präsident Ismaïl Omar Guelleh kritisierten. LVD wird regelmäßig von den Behörden blockiert, ist aber über das Programm #Collateral Freedom von RSF zugänglich.

Disclose (Frankreich)

Das junge, spendenfinanzierte Investigativmedium beschäftigt sich mit Themen von öffentlichem Interesse, wie z.B. Umwelt, soziale Fragen und die Agrar- und Ernährungswirtschaft. Disclose will Debatten anstoßen und die Bürgerinnen und Bürgern über ihre Rechte informieren. In diesem Jahr führten seine Enthüllungen über sexuellen Missbrauch im Sport zum Rücktritt des Präsidenten eines Sportverbandes. 2019 veranlasste die Veröffentlichung eines spektakulären Berichts über den Einsatz französischer Waffen im Jemen die Regierung zu einer öffentlichen Erklärung; die beiden Mitbegründer von Disclose wurden vom französischen Inlandsgeheimdienst DGSI wegen „Gefährdung nationaler Verteidigungsgeheimnisse“ zum Verhör vorgeladen. Das Verfahren wurde schließlich eingestellt.

Merman Radio (Afghanistan)

Ziel von Merman Radio in der Großstadt Kandahar ist die Förderung von Frauenrechten („merman“ ist das Paschtu-Wort für „Frau“) in Afghanistan. 15 Journalistinnen, Produzentinnen und Technikerinnen produzieren täglich Sendungen, die Geschlechterrollen thematisieren, die Wahl von Frauen in öffentliche Ämter fördern und zusammen mit anderen Organisationen das Thema Gewalt gegen Frauen ins Bewusstsein rücken sollen. Der Radiosender bietet zudem eine Journalistinnenausbildung. Er setzt seine Tätigkeit trotz Drohungen der Taliban, Warnungen der Sicherheitsdienste und Angriffe auf seine Mitarbeiterinnen fort.

Cecilia Olliveira (Brasilien)

Die investigative Journalistin Cecilia Olliveira schreibt für die brasilianische Ausgabe von The Intercept über Fragen der öffentlichen Sicherheit, den Drogenhandel und die Arbeit der Behörden. Sie recherchierte die Herkunft der Munition, mit der in den Favelas von Rio de Janeiro bei Bandenkriegen und Schusswechseln mit der Polizei immer wieder auch Bewohnerinnen und Passanten getötet werden. Die analysierten Patronenhülsen stammten zu einem Drittel aus  Ländern wie den Vereinigten Staaten, China, Russland, Belgien und von der NATO. Sie entwickelte außerdem die App Fogo Cruzado („Kreuzfeuer“), die bewaffnete Gewalttaten in Rio und Recife dokumentiert und die Bewohnerinnen und Bewohner der betroffenen Viertel warnt. Sie gehört zu den wichtigsten Stimmen, die einen vielfältigen und unabhängigen Journalismus im Land fördern.

Nominiert für den Preis für Unabhängigkeit (Independence):

Lina Attalah (Ägypten)

Lina Attalah ist Chefredakteurin und Mitbegründerin der Online-Zeitung Mada Masr, eines der wenigen noch verbleibenden unabhängigen Nachrichtenmedien in Ägypten. Sie schreckt vor kontroversen Themen nicht zurück und kämpft gegen Selbstzensur. In einem Land, in dem die meisten großen Medien im Besitz von Gefolgsleuten des Präsidenten sind, geraten unabhängige Medien immer stärker unter Druck. Attalah wurde mehrfach wegen ihrer Recherchen oder Interviews verhört. Nachdem Mada Masr 2019 eine Recherche über den Sohn von Präsident Abdel Fattah Al-Sisi veröffentlicht hatte, wurden die Redaktionsräume durchsucht. Der Zugang zur Webseite von Mada Masr in Ägypten wird seit drei Jahren von den Behörden blockiert. Das Time Magazine kürte Lina Attalah 2020 zu einer der 100 weltweit einflussreichsten Personen.

Péter Uj (Ungarn)

Péter Uj  ist als Chefredakteur der Nachrichtenwebseite 444.hu eine führende Persönlichkeit des unabhängigen ungarischen Journalismus. 1999 war er an der Gründung des lange Zeit wichtigsten unabhängigen Nachrichtenportals Index.hu beteiligt, das er elf Jahre lang leitete, bis ichm die Einmischungsversuche der Regierung zu weit gingen. Als entschlossener und charismatischer Vorkämpfer für die Pressefreiheit rief er die Webseite 444.hu ins Leben - obwohl Ministerpräsident Viktor Orbán mit allen Mitteln versucht, den letzten unabhängigen Medien des Landes einen Maulkorb anzulegen.

The Cambodian Journalists Alliance (CamboJA) (Kambodscha)

Die Gründung der CamboJA im Dezember 2019 war eine Reaktion auf den zerstörerischen Einfluss der Politik: Die Clique um Premierminister Hun Sen, der seit über 30 Jahren an der Macht ist, zerstörte gewaltsam die unabhängige Presse im Land und brachte die Medienlandschaft des Landes zum Erliegen. Das Bündnis entwickelte eine unabhängige Nachrichtenplattform, die kambodschanischen Journalistinnen und Journalisten einen Raum der Meinungsäußerung und einen Ort gab, an dem sie Verletzungen der Pressefreiheit anprangern und Unterstützung und Ausbildung in journalistischer Ethik und investigativem Journalismus erhalten können. CamboJA ist die letzte Bastion unabhängiger Medien im Land und hat mehr als 100 Mitglieder.

La Prensa (Nicaragua)

Die größte Tageszeitung Nicaraguas, La Prensa, wurde 1926 mit dem Motto „Im Dienste von Wahrheit und Gerechtigkeit“ gegründet. Sie spart nicht mit Kritik an der Regierung Ortega und steht oft in der Schusslinie der Mächtigen. In den letzten drei Jahren war den Regierenden jedes Mittel recht, um La Prensa wirtschaftlich zum Erliegen zu bringen. Über 18 Monate litt die Zeitung unter einem Mangel an Zeitungspapier und anderen Rohstoffen, was sie zu einer drastischen Reduzierung ihrer Seitenzahl zwang. In jüngster Zeit wurde La Prensa zur Zielscheibe willkürlicher Gerichtsverfahren, die sie zur Zahlung exorbitant hoher Geldstrafen zwingen sollten. In einem am 27. Januar veröffentlichten Leitartikel mit der Überschrift „Die Diktatur erdrosselt La Prensa“ erklärte der Vorstand der Zeitung, dass ihre Tage infolge dieser behördlichen Zensur gezählt seien.

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