Die schlimmsten Erinnerungen und Reporter ohne Grenzen

© Reporter ohne Grenzen

Dodojon Atovulloev, Tadschikistan

Weil mich die Regierung in meiner Heimat Tadschikistan wegen meiner kritischen Berichte verfolgte, musste ich 1993 nach Russland fliehen. Doch auch dort war ich nicht sicher. 2001 wurde ich in Moskau zum ersten Mal inhaftiert, die Henker des tadschikischen Staatspräsidenten Emomali Rahmon saßen meinetwegen schon im Flieger. Reporter ohne Grenzen aber holte mich mit öffentlichem und diplomatischem Druck aus der Zelle.

Ich erinnerte mich damals an eine orientalische Weisheit: Bei einem Unglück müssen echte Freunde nicht erst gerufen werden. Sie kommen von sich aus.

Als ich ein paar Jahre später an der georgischen Grenze festgenommen wurde und die Henker von Präsident Rahmon sich wieder vor Freude die Hände rieben, rettete mich Reporter ohne Grenzen erneut vor der Todesstrafe, die bei einer Auslieferung unvermeidlich gewesen wäre.

Eine weitere Weisheit kam mir in den Sinn: Es ist leicht, die Menschheit zu lieben. Viel schwieriger aber ist es, einen Menschen zu lieben. Und einem konkreten Menschen zu helfen.

Der erste Anruf auf der Intensivstation kam von Reporter ohne Grenzen

Als ich nach einer Messerattacke in Moskau im Jahr 2012 auf der Intensivstation lag, kam der erste Anruf von Reporter ohne Grenzen. Nach dem Krankenhausaufenthalt in Moskau wurde eine Behandlung in einem der besten Krankenhäuser Deutschlands organisiert. Reporter ohne Grenzen setzte sich dafür ein.

Deshalb sind die großen Narben in meinem Herzen mit Reporter ohne Grenzen verknüpft.

Lange kann ich viele schöne Worte aufsagen. Aber wozu sind sie gut, wenn im Herzen vieler Journalisten auf der Welt Dankbarkeit lebt. Eine Dankbarkeit für Euch, die Ihr zu retten, zu helfen und zu lieben vermögt.

Eines Tages fragte mich mein Sohn: Was sind die Reporter ohne Grenzen? Ich wusste keine Antwort. Sie sind weder eine Partei noch eine Stadt. Und ein Land sind sie auch nicht. Sie sind eher ein Glaube. Der Glaube daran, dass man nicht alleine dasteht, sondern dass eine Schulter und ein gutes Herz in der Nähe sind. Ich antwortete meinem Sohn: Reporter ohne Grenzen verringert die Einsamkeit auf der Erde. Sie geben jenen Journalisten Kraft, die offen und frei werden wollen. 

Dodojon Atovulloev floh 1993 vor staatlicher Verfolgung aus Tadschikistan nach Russland – in seiner Heimat war der Gründer der unabhängigen Zeitung Tscharogi Rus wegen Beleidigung des Präsidenten und Volksverhetzung angeklagt. Wegen einer drohenden Auslieferung nach Tadschikistan, wo sein Leben in Gefahr gewesen wäre, holte Reporter ohne Grenzen Atovulloev 2001 mit Unterstützung des ARD-Studios Moskau und der Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte für ein Jahr nach Deutschland. 2002 ging er nach Moskau zurück. Seit ihm 2013 nach einem Auslandsbesuch die Wiedereinreise nach Russland verwehrt wurde, lebt Atovulloev dauerhaft in Deutschland. Er ist als politischer Flüchtling anerkannt und setzt seine journalistische Arbeit nun vom Berliner Exil aus fort.


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