Wenn Reporter ohne Grenzen
nicht gewesen wäre

© Husain Abbas Hasan Ali

Itai Mushekwe, Simbabwe

Vor fast sieben Jahren änderte sich mein Leben schlagartig, denn es geschah etwas, auf das ich in keiner Weise vorbereitet war. Ich erhielt die beunruhigende Nachricht, dass der gefürchtete Geheimdienst von Simbabwes Präsident Robert Mugabe, die Central Intelligence Organisation, eine schwarze Liste von 15 Journalisten zusammengestellt hatte, die für die privaten Medien im Land arbeiteten – und dass mein Name auf dieser Liste stand.

Zuerst dachte ich, es handele sich um einen Scherz, denn ich stand noch ganz am Anfang meiner journalistischen Karriere. Ich hatte zunächst über Kunst und Unterhaltung geschrieben und erst weniger als ein Jahr zuvor in die Politikredaktion der Wochenzeitschrift Zimbabwe Independent gewechselt. Außerdem war ich damals der jüngste politische Reporter nicht nur bei meiner Zeitung, sondern im ganzen Land. Ich hielt meine Arbeit für harmlos, da sie mir einfach Freude bereitete.

Die Behörden fanden meine journalistische Arbeit jedoch überhaupt nicht erfreulich. Denn ich schrieb vor allem – wie ich es bis heute tue – über Mugabe und seine Familie, über seine Politik und seine umstrittene Regierung, die weiterhin das Leben und die Zukunft der Menschen in Simbabwe zerstören.

Das internationale Sekretariat von Reporter ohne Grenzen in Paris verurteilte das Vorgehen des simbabwischen Geheimdienstes. Im Vorfeld der Präsidenten- und Parlamentswahlen 2008 hatte uns der Geheimdienst „strenger Überwachung‟ und anderen Maßnahmen unterworfen.

Ich hatte keine Unterkunft, kein Geld, keine Freunde

Die Wahl wurde zu einer der schlimmsten in der Geschichte Simbabwes. Viele Oppositionelle wurden entführt und verloren überflüssigerweise ihr Leben. Mugabe selbst unterlag der Oppositionspartei des früheren Premierministers Morgan Tsvangirai, der Bewegung für Demokratischen Wandel (MDC). Das Militär manipulierte jedoch das Wahlergebnis und erkannte den Sieg der Opposition nicht an.

Kurz darauf machte ich in Deutschland ein Praktikum. Reporter ohne Grenzen machte meine Ausbilder in Berlin schon bald darauf aufmerksam, dass mein Leben in Simbabwe in Gefahr sei. Sofort bemühte sich die deutsche Sektion von Reporter ohne Grenzen, meinen Aufenthalt in Deutschland zu verlängern. Alles war sehr hektisch, und ohne die liebenswürdigen und engagierten Mitarbeiter im Berliner Büro der Organisation würde die Situation für mich heute ganz anders aussehen. Denn ich hatte keine Unterkunft, kein Geld, keine Freunde.

Doch Reporter ohne Grenzen besorgten mir eine Wohnung am Leopoldplatz und sogar einen Anwalt, der sich um die Verlängerung meines Visums kümmerte. Und obwohl die Geschäftsstelle damals relativ klein war, bot man mir einen Arbeitsplatz mit kostenlosem Internetanschluss an, von dem ich zweimal pro Woche arbeiten konnte.

Für mich war das damals wie meine erste ausländische Familie. Nur dank dieser Unterstützung – die mancher vielleicht nicht versteht oder aber als selbstverständlich betrachtet – konnte ich die vielen vor mir liegenden Herausforderungen bewältigen, darunter die Sprachbarriere, den Kulturschock und die Einsamkeit. Damit nicht genug, tat die deutsche Sektion von Reporter ohne Grenzen auch alles dafür, mir ein Stipendium zu besorgen, das mir einen reibungslosen Übergang ins Exil ermöglichte.

Ich freue mich darauf, irgendwann meine eigene Zeitung gründen

Ich will nicht lügen, der Stress war fast unerträglich und das Gefühl, meine Muttersprache und mein Heimatland zu verlieren, grausam. Und dennoch war in dieser Zeit, als alles verloren schien, jemand da, der sich um mich kümmerte und mir beistand. Ich denke – und hier ich spreche nicht nur für mich, sondern auch für viele andere Journalisten weltweit, die vor ähnlichen lebensbedrohlichen Situationen etwa in Kriegsgebieten gestanden haben – es lässt sich kaum in Worte fassen, wie es sich anfühlt, wenn man Zugang zu Hilfe in Not und finanzieller Unterstützung durch diese wichtige Organisation erhält, die sich weltweit für die Presse- und Informationsfreiheit einsetzt.

In Simbabwe geht der Kampf für Pressefreiheit und Demokratie weiter, und ich freue mich darauf, irgendwann meine eigene Zeitung gründen und meinen Beitrag zu einer neuen Nation mit einer neuen, fruchtbaren demokratischen Ordnung leisten zu können. Mugabe steht mit seinen 90 Jahren eindeutig vor dem Ende seiner Macht. Vielleicht müssen wir noch einige Jahre unter einem ähnlichen Diktator aus seiner Partei Zanu-PF erleiden. Aber letztlich wird unser Volk die Freiheit gewinnen. Viele Journalisten und politische Aktivisten haben ihr Leben gelassen, damit dieser Tag kommt.

Und wenn es soweit ist, werden wir uns nicht länger vor Geheimdienstmitarbeitern fürchten, die nicht die Interessen des Landes und seine territoriale Unversehrtheit schützen, sondern unter dem derzeitigen Polizeistaat einzig die Bevölkerung bekämpfen und oppositionelle Stimmen durch Mord zum Schweigen bringen. Simbabwes Spionagebehörde hat in Kooperation mit dem Militärgeheimdienst die Arbeit der privaten Medien fast zum Erliegen gebracht. Auch ist sie dafür bekannt, Sprengstoffattentate auf Zeitungsbüros zu verüben, Nachrichtenredaktionen zu schließen und Medienvertreter zu foltern.

Ich verabschiede mich mit einem alten irischen Segensspruch:

Möge die Reise dir gelingen,
möge der Wind dir immer im Rücken sein,
möge die Sonne immer dein Gesicht wärmen
und der Regen deine Felder bewässern
und bis wir uns wiedersehen
Gott schützend die Hand über dich halten.

Esses Quam Videri

Itai Mushekwe hat in Simbabwe für die Wochenzeitung The Zimbabwe Independent gearbeitet, bevor er 2007 ins Exil ging. Er schreibt für internationale Zeitungen wie The Telegraph/The Sunday Telegraph (beide Großbritannien) sowie die New Times of Moscow (Russland) und ist Gründer des auf afrikanische Politik spezialisierten Online-Nachrichtenportals The Telescope News. Mushekwe lebt in Köln und ist seit 2011 als politischer Flüchtling in Deutschland anerkannt.


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