Mit der Asyl-Anerkennung
hat sich alles geändert

© Reporter ohne Grenzen

Sharmila Hashimi, Afghanistan

Obwohl dieser Sommer 2014 sehr schön und angenehm gewesen ist, habe ich mich in den zurückliegenden Monaten oft an meine schwierige Zeit im vergangenen Jahr erinnert. Anfang Juli 2013, als die Menschen in Deutschland ihre Sommerferien genossen, kam ich mit meinem Sohn Bilal als Asylbewerberin nach Berlin. Hinter mir lagen unangenehme Zeiten. Eine Perspektive für die Zukunft sah ich nicht. Oft war ich traurig. Ich hatte meinen Mann, meine Familie, das Studium, meine Arbeit, kurz: alles verloren und eine beschwerliche Reise hinter mir. Oft fehlte mir die Lust zu leben. Und in Deutschland waren das Wetter schön und die Natur hübsch.

Zwar befand ich mich in Deutschland nicht in einer Kriegssituation. Trotzdem lebten mein Sohn und ich in Angst. In Afghanistan hatten wir zu einer Großfamilie gehört. Dort gab es alles, was ich mir wünschte. Meine Zeit verbrachte ich mit dem Studium und meiner Arbeit als Journalistin. Dagegen war das Leben in einem Asylbewerberheim in Deutschland mit Hunderten von Menschen verschiedener Nationalitäten, verschiedener Sprachen und verschiedener religiöser Überzeugungen nicht leicht. 

Bilal und ich lebten in einem 12 Quadratmeter großen Raum. Küche, Toilette und Bad waren Gemeinschaftsräume, oft musste ich mir unangenehme Sprüche von den Nachbarinnen anhören. Insbesondere mein Sohn Bilal hat mich mit seinen vielen Fragen oft belastet. Warum sind wir hier, wollte er wissen. Wann fahren wir zurück nach Hause? Warum sprechen die Leute anders als wir? Und wo ist mein Vater? Es fiel mir nicht leicht, vernünftige Antworten auf diese Fragen zu finden. Ich gewöhnte mir an, mich mit Späßen und mit Lachen von ihm zu befreien.

Mit den blauäugigen Menschen konnte ich mich nicht unterhalten

Ohne Perspektive saß ich viele Tage und Nächte in meinem Zimmer im Asylbewerberheim, durch die Wand hörte ich die lauten Stimmen im Fernseher meines Nachbarn. Er sah oft afghanische Sender. Aber ich wollte von Afghanistan nichts mehr wissen, denn dort verschlechterte sich die Situation jeden Tag. Ich war verzweifelt und verstrickte mich immer mehr in meinen negativen Gefühlen.

Ab und zu telefonierte ich mit meiner Familie daheim. Ich berichtete stets, dass mein Leben in Deutschland gut sei, denn ich wollte zu Hause niemanden beunruhigen. Sie sollten nicht wissen, wie miserabel ich mich fühlte. Tatsache aber war: Ich kannte hier niemanden. Die Umgebung war mir fremd. Und mit den blauäugigen Menschen konnte ich mich nicht unterhalten, weil wir verschiedene Sprache hatten. Meine einzige Freude war, mit Bilal draußen im Freien zu spielen.

Eines Tages traf ich beim Toben vor dem Haus eine Gruppe von Journalisten. Sie drehten gerade eine Reportage über Asylbewerber in Deutschland. Ich ging zu der Gruppe und erzählte in meinem gebrochenen Deutsch, dass auch ich Journalistin war. Sie blickten mich interessiert an, wir unterhielten uns ein wenig und schließlich erzählten sie mir von Reporter ohne Grenzen.

Der Unterschied könnte nicht größer sein: Ich habe in Deutschland Fuß gefasst

So lernte ich kurz darauf Jens-Uwe Thomas kennen, der im Berliner Büro von Reporter ohne Grenzen für verfolgte und aus ihrer Heimat geflohene Journalisten zuständig ist. Er war offen und hörte sich meinen Fall an. Und schon kurz darauf half er mir gemeinsam mit einem Rechtsanwalt bei meinem Asylantrag. Rund ein Jahr dauerte es, dann bekam ich vor ein paar Wochen schließlich die gute Nachricht: Anerkannt als Asylbewerbin. Fester Aufenthalt in Deutschland.

Meine Lebenssituation hat sich seitdem grundlegend verändert. Bilal geht jetzt zur Schule, und ich selbst habe begonnen, intensiv die deutsche Sprache zu lernen. Mit Hilfe von Reporter ohne Grenzen habe ich mittlerweile auch das Heim verlassen und bin in eine eigene Wohnung gezogen. Eine Mentorin hilft mir, als Journalistin in Deutschland wieder Fuß zu fassen.

Endlich habe ich auch Freunde gefunden. Bilal hat in der Schule Kameraden zum Spielen und Lernen. Nun warte ich nur noch auf meinen Ehemann.

Auch in diesem Jahr war der Sommer in Berlin lang und schön. Für mich selbst aber könnte der Unterschied zum vergangenen Jahr nicht größer sein. Ich habe in Deutschland Fuß gefasst, auch mit Hilfe von Reporter ohne Grenzen. Meine Hoffnung ist, dass alle Menschen so erfolgreich sein können.

Sharmila Hashimi arbeitete in Afghanistan als unabhängige Radio- und TV-Journalistin sowie als Ausbilderin für Nachwuchsjournalisten. In ihrer Heimatstadt Herat wurde sie wegen ihrer Arbeit von den Taliban bedroht und musste deshalb aus dem Land fliehen. Sie lebt mit ihrem Sohn in Berlin und nimmt am Mentorenprojekt teil, das Reporter ohne Grenzen im Oktober 2013 mit einer Pilotphase begonnen hat.

 

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