Ein Feuer in der Dunkelheit

Thomas Roth

© ddp

Thomas Roth

Laudatio zum 20-jährigen Bestehen von Reporter ohne Grenzen, gehalten bei der Jubiläumsveranstaltung am 25. September 2014

Es war später Nachmittag an einem milden Oktobertag. Die sinkende Herbstsonne warf ein mildes rötliches Licht auf die zahlreichen Fenster des Hochhauses im Zentrum von Moskau, das noch heute aussieht wie ein aufgeschlagenes Buch. In dem Gebäude war damals das Moskauer Bürgermeisteramt untergebracht. Sogenannte nationalpatriotische Kräfte unter Führung eines ultranationalistischen und antisemitischen Generals namens Albert Makaschoff hatten in einem Sturmangriff und unter Maschinengewehrsalven versucht, das Gebäude zu stürmen. Dann machten sie sich überraschend in einem Konvoi auf den Weg zum russischen Fernsehzentrum Ostankino, um es zu besetzen. Der britische Kameramann Rory Peck stand mit der Kamera auf der Schulter auf dem Trittbrett eines Armeelastwagens, der zu dem Putschkommando gehörte. Wir schreiben den 3. Oktober 1993.

In der folgenden Nacht wurde Rory Peck erschossen – direkt vor dem Fernsehzentrum, während der filmte. Es war aller Wahrscheinlichkeit nach ein gezielter Schuss ausgerechnet jener russischen Spezialeinheit, die das Fernsehzentrum gegen den drohenden Sturm verteidigte. In einer Blutlache liegend fand man ihn später, den Arm noch über die Kamera gelegt.

Wir hatten uns angefreundet, als er von Afghanistan nach Russland kam, hatten viel zusammen erlebt, privat mit den Familien und bei Dreharbeiten. Was nach dem Mord an ihm folgte, waren furchtbare Tage und Nächte. Wir haben Rory später auf einem Friedhof im nordirischen Londonderry begraben, wo er herkam. Als ich zusammen mit Kollegen den schweren Sarg über den kleinen Friedhof in Londonderry trug, habe ich versucht, von ihm Abschied zu nehmen. Es ist mir bis heute nicht wirklich gelungen. Und ich denke, auch am heutigen Abend wird er auf die eine oder andere Weise unter uns sein.

Der Impuls, dass etwas getan werden muss

Hätte es irgendetwas geändert, wenn die deutsche Sektion von Reporter ohne Grenzen schon gegründet gewesen wäre, was ein knappes Jahr später der Fall war? Hätte es irgendetwas geändert an der Trauer der Familie, zu der damals neben dem Sohn Finn die rund ein Jahr alte Tochter Lettice gehörte? Nein, das hätte es nicht. Trauer und Entsetzen wären dieselben geblieben. Bei der Familie, bei den Freunden, in der Öffentlichkeit.

Und doch ist danach etwas geschehen, was über die Verzweiflung und Hilflosigkeit hinausging. Rory Pecks inzwischen an einer schweren Krankheit verstorbene Frau Juliette hat nach dem Mord an ihrem Mann trotz ihrer Trauer bald nach einem Weg nach vorne gesucht, der über ihr persönliches Schicksal hinausweist. Sie gründete den Rory Peck Trust, der sich bis heute besonders um frei arbeitende Kameramänner und -frauen kümmert, wenn sie oder ihre Familien in Not geraten.

Es ist genau dieser Impuls, der vor 20 Jahren zur Gründung der deutschen Sektion von Reporter ohne Grenzen geführt hat. Der Impuls, dass etwas getan werden muss. Dass es nicht im Dunkeln bleibt, wenn der Pressefreiheit von Diktatoren, autoritären Regimen oder verbrecherischen Milizen offen oder verdeckt der Hals zugedrückt wird. Bis hin zu so bestialischen Morden, wie sie gerade im Irak an den amerikanischen Journalisten James Foley und Steven Sotloff von der terroristischen Miliz, die sich "Islamischer Staat" nennt, mit unfassbarer Grausamkeit begangen wurden. Ebenso wie an dem britischen Entwicklungshelfer David Haines und gestern an dem französischen Bergführer in Algerien.

Eine neue und bisher nicht vorstellbare Qualität der Verfolgung

Gerade diese Morde zeigen noch etwas anderes. Während solche Taten bislang häufig etwa von Reporter ohne Grenzen und Journalisten vor Ort in mühsamer Recherchearbeit erst aufgedeckt und dokumentiert werden mussten, dokumentierten die Mörder die bestialische Tat auch noch selbst und verbreiteten Bilder davon triumphierend über das Internet. Die Angst und das Entsetzen sollen noch größer werden. Auch und gerade unter Journalistinnen und Journalisten, die noch vor Ort arbeiten und nicht bereit sind, Teil der Propagandamaschine irgendeiner Seite zu werden. Zeugen werden öffentlich und global verbreitetet hingerichtet. Journalisten werden nicht mehr zu überzeugen versucht, sondern einfach umgebracht. Das ist eine neue und für mich bisher nicht vorstellbare Qualität, die auch Organisationen wie Reporter ohne Grenzen vor völllig neue Herausforderungen stellt.

Verantwortungsvolle Massenmedien bringt das übrigens noch mehr als je zuvor in einen anderen, extrem schwierigen Konflikt: In welchem Maße dürfen solche von den Terroristen quasi frei Haus gelieferten Bilder überhaupt benutzt werden? Es geht um die Menschenwürde der Ermordeten. Es geht aber auch um den von den Henkern genutzten Mechanismus von Markt, Mord, Propaganda und Voyeurismus, der von verantwortlichen Medien gerade in diesen Fällen blockiert werden muss. Verletzungen von Menschenrechten müssen dokumentiert werden. Das kann aber nicht auf eine Weise geschehen, dass diese Menschenrechte selbst wiederum ausgehöhlt werden. 

Seit 20 Jahren ist es genau das, was auch Reporter ohne Grenzen vertritt: den untrennbaren Zusammenhang von Pressefreiheit, Menschenrecht und Menschenwürde.

Wir müssen Edward Snowden dankbar sein

Wir haben in den 20 Jahren, in denen es Reporter ohne Grenzen dankenswerterweise gibt, allesamt unterschätzt, was da auf uns zu rollen würde.

Die Euphorie im Umgang mit dem Internet und der digitalen Welt hat spätestens seit den Enthüllungen des Whistleblowers Edward Snowden ihre dunkle Seite hervorgekehrt. Die heimliche oder offene Kontrolle im Schattenreich der Geheimdienste über die Daten – auch die intimsten – von Millionen von Menschen weltweit. Das trägt totalitäre Züge. Und das sogar an einem Ort, an dem wir uns sicher fühlten: mitten im Herzen demokratischer Gesellschaften mit geltendem Rechtssystem und unabhängiger Justiz. Geschützt hat das nicht – auch nicht Journalisten, die auf überwachungsfreie Recherche zumindest außerhalb autoritärer oder diktatorischer Staaten angewiesen sind. Das muss sich ändern.

Ich glaube übrigens, dass wir dem, der uns in Europa, aber auch in den Vereinigten Staaten von Amerika die Augen dafür geöffnet hat, dankbar sein müssen. Ja, Rechtsbrüche bei den Enthüllungen von Edward Snowden sind das eine, damit es überhaupt zu solchen Enthüllungen kommen konnte. Verdienste um die Demokratie aber sind in seinem Fall das andere. Aus meiner Sicht überwiegt das Letztere. So verstehe ich persönlich auch die Werte der amerikanischen Verfassung, die nicht zuletzt auch uns Deutschen nach finsterer Zeit und nach dem unsagbaren Zivilisationsbruch Orientierung und Hilfestellung gegeben hat. Reporter ohne Grenzen setzt sich dafür ein, nicht nachzulassen, Möglichkeiten zu finden, damit Edward Snowden außerhalb Russlands und außerhalb von Gefängnismauern nach den Hintergründen seiner Enthüllungen befragt werden kann. Ich halte das für richtig und für einen Dienst an Demokratie und Informationsfreiheit.

Noch etwas anderes sollten wir nicht zu den Akten legen. Nämlich die Frage, wer wem welche Daten von uns überreicht. Und auch das betrifft nicht nur uns Journalisten, die wir täglich auch in der digitalen Welt arbeiten, sondern die ganze Gesellschaft. Welcher sogenannte Provider und welcher Internetkonzern übergibt welcher Regierung oder welchem Geheimdienst warum unsere Daten und warum erfahren wir davon nichts oder zu wenig oder nur scheibchenweise nach beharrlichem Nachhaken? Wir dürfen weder die Debatten noch die Recherchen darum einschlafen lassen. Andernfalls droht möglicherweise ein noch unsanfteres Erwachen als bisher.

Putins Strategie gegen unabhängige Medien: Glaubwürdigkeit dekonstruieren

Reporter ohne Grenzen analysiert weltweit die Lage der Pressefreiheit. Auch in Russland. In der letzten größeren Publikation dazu im Oktober 2013 mit dem Titel "Der Kreml auf allen Kanälen" wurde aus meiner Sicht zutreffend beschrieben, dass die tragenden landesweiten Fernsehsender unter staatlicher Kontrolle stehen und konsequent als Propagandainstrument eingesetzt werden.

Aber auch hier haben wir etwas unterschätzt, was uns erst die Krise um die Ukraine im ganzen Ausmaß gezeigt hat: die Strategie eines Staates und seines Präsidenten Putin, die völkerrechtswidrige Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim uns auch über seine Medien als Manöver einer wie aus dem Nichts hervortretenden, weitgehend vermummten Truppe vorzuspielen, der angeblich niemand von außen vorsteht. In einer Art geheimdienstlichem Versteckspiel gelang es Putin immerhin, das eigentliche Geschehen eine Zeit lang wie hinter einer Nebelwand zu verbergen, bis es dann vollendet war und seinen wahren Charakter enthüllte – die Annexion eines Teils eines anderen Landes. Später hat es Wladimir Putin dann wie beiläufig selbst eingestanden.

Diese Aktion und das, was nach wie vor im Osten der Ukraine vor sich geht, stellt besonders die vor Ort berichtenden Journalistinnen und Journalisten zumindest der freien Weltpresse vor Herausforderungen, mit denen wir bis dahin in Europa seit dem Ende des Kalten Krieges in dieser Form nicht mehr gerechnet haben. Und es schraubt zugleich die handwerklichen Ansprüche für guten Journalismus, für Sachkenntnis und den persönlichen Mut noch höher als bisher. Denn neben den politischen und militärischen Zielen verfolgt diese Strategie noch einen weiteren Zweck: die komplette Destruktion von Glaubwürdigkeit all jener, die nicht Partei, sondern um solide Recherche und adäquate Information der Öffentlichkeit bemüht sind. Die sich von keiner der involvierten Kriegsparteien vereinnahmen lassen wollen.

Das heißt: Geheimdienstlich gesprochen, ist das Ziel dieser Strategie nicht nur die Falsifizierung, sondern die generelle Zersetzung von Werten und Informationen - neben der Destabilisierung eines Nachbarstaates. Diese "Zersetzung" soll erreichen, dass am Ende alles im Ungefähren verbleibt, dass nichts mehr als wahr oder faktisch richtig erkannt werden kann. Mit Ausnahme der offiziellen Regierungspropaganda auf allen Seiten, die ihre jeweilige Klientel "versorgt". In ihrer Unverblümtheit ist diese Strategie in einem Europa mehr als zwei Jahrzehnte nach dem Ende des "Kalten Krieges" tatsächlich neu.

Wir brauchen angesichts dessen Diskussionen und nachhaltige Strategien, wie wir mit dieser neuen Qualität auch in unserem Beruf umgehen können und müssen. Ebenso wie die Politik nach Antworten sucht oder zu suchen hat, um mit dieser Herausforderung umzugehen, ohne die eigenen Werte demokratischer Gesellschaften zu korrumpieren und dennoch den Frieden in Europa zu erhalten. Ich bin nicht sicher, ob die Dramatik dieser Herausforderung schon überall in unserer Gesellschaft angekommen ist. Wir könnten an einer europäischen Zeitenwende stehen, auch wenn das auf den ersten Blick etwas alarmistisch klingt.

Beharrliche und unspektakuläre Kleinarbeit für die Verfolgten

20 Jahre Reporter ohne Grenzen, das bedeutet auch 20 Jahre beharrliche und unspektakuläre Kleinarbeit für Pressefreiheit und für all jene, die irgendwo da draußen ihre Arbeit machen – zum Teil unter großer Gefahr. Sei es in den Krisengebieten des Nahen Ostens, in Afrika, auf dem amerikanischen Kontinent, in Asien oder mitten in Europa.

Reporter ohne Grenzen verdanken wir es, dass zumindest ein Teil von ihnen für uns ein Gesicht und eine Geschichte hat. Und manche in Sicherheit gebracht werden konnten, wenigstens auf Zeit. Einige hoffentlich für länger. Einer von ihnen war der tadschikische Journalist Dodojon Atovulloev, den ich selbst kennengelernt habe, als er bedroht wurde. Durch die Zusammenarbeit von Reporter ohne Grenzen und der Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte konnte er ein Jahr mit Familie in Sicherheit in Hamburg verbringen. Er ist einer von vielen, dem oder der auf die eine oder andere Art geholfen werden konnte. Er lebt heute als politischer Asylant in Deutschland – auch durch die Arbeit von Reporter ohne Grenzen.

Und wenn es nur ein einziger Journalist oder eine einzige Journalistin gewesen wäre, die Hilfe erfahren hätten: Alleine das wäre die Gründung der deutschen Sektion von Reporter ohne Grenzen schon wert gewesen. Es waren aber viele.

Gerade in einer Zeit, in der besonders in den Kriegs- und Krisenregionen die zivilisatorischen Maßstäbe immer mehr verfallen, sind das Engagement von Reporter ohne Grenzen und unsere Unterstützung dafür umso wichtiger. Es ist wie ein Leuchtfeuer in der Dunkelheit. Um Hoffnung zu behalten, braucht man das. Besonders all jene dort draußen, die versuchen, was unter schwierigen Umständen trotzdem noch möglich ist.

Einige der schönsten Worte über Reporter ohne Grenzen hat Dodojon Atovulloev seinem Sohn gesagt, als der ihn fragte: Was sind die Reporter ohne Grenzen? Er sagte, so schreibt er: "Sie sind weder eine Partei noch eine Stadt. Und ein Land sind sie auch nicht. Sie sind eher ein Glaube. Der Glaube, dass man nicht alleine dasteht." Und er sagte seinem Sohn: Reporter ohne Grenzen verringert die Einsamkeit auf der Erde."

Ich hätte das so nicht sagen können.

Ich danke Reporter ohne Grenzen für die 20 Jahre, die es diese Organisation gibt. Und für ihre Arbeit. Wir werden sie noch sehr lange brauchen. 
 

Thomas Roth ist seit 2013 Moderator der ARD-Tagesthemen. Seine journalistische Laufbahn begann er nach einem Volontariat beim damaligen Süddeutschen Rundfunk als Redakteur für verschiedene Sendungen. Er war unter anderem ARD-Korrespondent in Johannesburg sowie Studioleiter und Korrespondent im ARD-Studio Moskau. Später war er als WDR-Hörfunkdirektor, als Leiter des ARD-Hauptstadtstudios sowie als Studioleiter und ARD-Korrespondent in New York tätig. Thomas Roth ist seit 1999 Mitglied von Reporter ohne Grenzen.

 

nach oben