15 JAHRE HILFE IN NOT FÜR JOURNALIST*INNEN
Als Reporter ohne Grenzen (RSF) im April 2009 den Roland-Berger-Preis für Menschenwürde erhielt, eröffnete das Preisgeld der deutschen Sektion die Möglichkeit, ein drängendes Anliegen gezielt anzugehen: Immer häufiger suchten bedrohte Journalist*innen Hilfe bei RSF Deutschland. Mit den neuen Mitteln konnten wir für sie eine spezialisierte Anlaufstelle aufbauen. Im Februar 2010 nahm das Referat „Hilfe für Journalist*innen in Not“ seine Arbeit auf – und unterstützt seither gefährdete Medienschaffende weltweit finanziell und administrativ. Im Folgenden möchten wir eine Übersicht über die Wirkung unserer Arbeit der letzten 15 Jahre geben, sowie kurz auf die wichtigsten Entwicklungen eingehen.
In diesen gut 15 Jahren haben sich die Medienlandschaft und damit die journalistische Arbeit tiefgreifend verändert. Die Digitalisierung erleichtert Recherche und Vernetzung, ermöglicht aber zugleich umfassendere Überwachung. Politisch sind nach einer Phase relativer Offenheit weltweit wieder Autokratien im Aufschwung – mit Folgen für die Pressefreiheit: finanzielle und juristische Repressionen, Einschüchterungen online wie offline, Verfolgung über Grenzen hinweg. Diese Entwicklungen beeinflussten die Unterstützungsbedarfe bedrohter Journalist*innen und damit auch die Arbeit unseres Nothilfe-Teams.
Oberstes Ziel ist und bleibt, dass die Betroffenen ihre Arbeit möglichst bald in ihrer Heimat fortsetzen können. Zu Beginn lag der Fokus auf schneller Hilfe nach Übergriffen oder Verhaftung: Wir ersetzten zerstörte Ausrüstung, übernahmen medizinische Kosten oder sorgten für Rechtsbeistand. In Deutschland begleiteten wir Asylverfahren oder berieten zu alternativen Aufenthaltsmöglichkeiten, z.B. als Freelancer.
Im Lauf der Jahre kamen neue Schwerpunkte hinzu: analoge und digitale Sicherheit und unsere Stipendien als temporäre Schutzaufenthalte. Wie die Weltkarte (s. auch unten) zeigt, erreichte unsere Hilfe vor allem Medienschaffende, die aufgrund geopolitischer Großkrisen in Syrien, Iran, Afghanistan und Russland gefährdet waren.
Insgesamt konnten wir seit 2010 mit unseren Hilfen 1.500 Journalist*innen in akuten Notsituationen unterstützen – damit kritische Stimmen nicht verstummen und journalistische Vielfalt erhalten bleibt.
Im Folgenden geben wir einen Einblick in unsere Aktivitäten der vergangenen 15 Jahre. Angesichts der politischen Großwetterlage und drängenden Fragen wie der Rolle Künstlicher Intelligenz auf dem Informationsmarkt wird auch die Zukunft herausfordernd bleiben. Wir sind gewappnet. Auf die nächsten 15 Jahre!
DAMIT KRITISCHE STIMMEN NICHT VERSTUMMEN
Für mich ist Journalismus nicht nur ein Beruf. Es ist eine Form der Zeugenschaft. Ein Akt der Dokumentation – für jene, die eines Tages Rechenschaft einfordern werden. Für die Wahrheit. Für die Demokratie. Was mir erlaubt, diese Arbeit trotz allem fortzusetzen, ist die Solidarität. Die Solidarität derjenigen, die das Recht auf Information verteidigen und dem Journalismus Bedeutung verleihen. Diese Solidarität war es auch, die mir in der Zeit im Gefängnis Hoffnung und Halt gegeben hat – die mich davor bewahrte, im Gefühl des Vergessenseins zu versinken. Es war die Solidarität meiner Freundinnen, Kolleginnen, der Verteidiger*innen der Pressefreiheit und Ausdrucksfreiheit – und der vielen Menschen, die ich nie getroffen habe, die mir aber durch die RSF-Kampagne Briefe geschrieben und damit Kraft gespendet haben.
– Elif Akgül (Türkei) war 2022 unsere Stipendiatin; 2024 wurde sie aufgrund ihrer kritischen Arbeit verhaftet.

Elif Akgül
STIPENDIEN ALS TEMPORÄRE SCHUTZAUFENTHALTE
Dieses Stipendium hat mich gerettet. Es hat mich geheilt, mir neue Energie und Begeisterung verliehen und mir dabei geholfen, mich von den schwierigen Situationen der letzten Jahre zu erholen. Ich habe mich emotional regeneriert und beschlossen, dass ich weiterhin als Journalistin arbeiten möchte.”
– Ronna Rísquez Sánchez,venezolanische Investigativjournalistin und Fellow des Jahrgangs 2025, spezialisiert sich auf Themen wie Gewalt, Migration, bewaffnete Konflikte, Menschenrechte und organisierte Kriminalität.

Ronna Rísquez Sánchez
ENDE ODER NEUANFANG: ASYL UND EXIL
Mein aufrichtiger Dank geht an Reporter ohne Grenzen, die mir während meiner gesamten Reise zur Seite standen und die Situation seit meinem Aufenthalt in Syrien und dann in der Türkei verfolgten. Als ich in Deutschland ankam, hat RSF mich begleitet, meine Situation weiterverfolgt und die deutschen Behörden um Unterstützung gebeten. Deshalb möchte ich der Organisation im Allgemeinen und insbesondere dem Arbeitsteam, das meinen Fall vom Beginn meiner Reise bis zu meiner Ankunft in Deutschland, dem Erhalt von Asyl und der Gewährleistung eines sicheren und stabilen Lebens betreut hat, meinen aufrichtigen Dank aussprechen.
– Eyad Abdalkader kam 2023 aus Syrien nach Deutschland

Eyad Abdalkader
Vierzehn Jahre sind vergangen, seit ich den Iran gezwungenermaßen verlassen habe und nach Deutschland gekommen bin. Heute kann ich sagen, dass Berlin trotz allen Heimwehs für mich zu einem Zuhause geworden ist. Ein neues Zuhause, von dem ich weiß, dass es vielen verwehrt bleibt, besonders jetzt, da humanitäre Aufnahmeprogramme und Asylgesetze zunehmend strenger werden.
Ich hatte das Glück, damals auf diesem Weg nicht allein zu sein und Unterstützung zu erhalten. Doch diese Möglichkeiten dürfen nicht nur wenigen vorbehalten sein. Unterstützung sollte eine Verantwortung sein, kein Gefallen und Aufnahme sollte ein Recht sein, kein Privileg.
– Kaveh Kermanshahi konnte dank der Unterstützung durch RSF 2011 mit einer humanitären Aufnahme nach Deutschland kommen, als einer von 24 verfolgten iranischen Medienschaffenden.

Kaveh Kermanshahi
HUMANITÄRE AUFNAHME IN DEUTSCHLAND
Ich (muss) jetzt meinen Arbeitsplatz nicht mehr danach auswählen ob dort ‚Menschenfresser‘ sind oder nicht. Ich fühle mich sicher und geschützt – zumindest in dem, was ich sagen und kritisieren darf. Dennoch lässt die Aussetzung des Programms einen darüber nachdenken, dass diese derzeitige Sicherheit vielleicht nur vorübergehend sein könnte.
– Miroslav Landau, 27-jähriger Journalist aus Russland, lebt derzeit im Exil in Schleswig-Holstein.

Miroslav Landau
Als die Taliban am 15. August 2021 die Macht in Afghanistan übernahmen, änderte sich alles. Ich musste meinen Job, mein Land und meine Eltern verlassen, um mein Leben zu retten und meine Karriere als Journalist fortzusetzen. RSF stand mir in dieser dunklen Zeit zur Seite [...]. Jetzt arbeite ich wieder als Journalist für verschiedene Medien in Deutschland. RSF hat mir nicht nur geholfen, nach Deutschland zu kommen, sondern mir auch einen sicheren Ort zur Verfügung gestellt, an dem ich meine Karriere als Journalist fortsetzen und die Stimme des afghanischen Volkes aus dem Exil erheben konnte.”
– Wadud Salangi, Afghanistan, lebt seit 2021 in Deutschland.

Wadud Salangi
Bildnachweise: Cover: Picture Alliance / Zuma Press; Elif Akgül: RSF Deutschland; Ronna Rísquez Sánchez: RSF Deutschland; Eyad Abdalkader: privat; Kaveh Kermanshahi: privat; Miroslav Landau: privat; Wadud Salangi: Giulia Brandt.