Bangladesch

Nicht mehr im Exil, noch nicht zuhause

Nicht mehr im Exil, noch nicht zuhause
© Jibon Ahmed
Die Journalistin Shammi Haque ist aus dem Exil zurück nach Bangladesch gekehrt und berichtet über die anstehenden Wahlen.

Von Shammi Haque

Plötzlich bin ich nicht mehr „Ausländerin“ oder Exil-Journalistin, als ich am Flughafen in Dhaka ankomme. Der Lärm, die Gerüche, die schwere Luft – mein Körper erkennt sie sofort. Sie sind vertraut. Fast tröstlich.

Fremd ist mir etwas anderes: die Straßen.

Überall hängen Plakate, lese ich Graffiti und Parolen gegen die frühere Regierung der Awami League, die Bangladesch 15 Jahre lang regiert hat – zuletzt zunehmend autoritär. An einer Wand steht in großen Buchstaben: „Diktatur Hasina“. Eine ungewohnt offene Anklage gegen die ehemalige Premierministerin – eine, die ich so nie erlebt habe.

Gleichzeitig fallen mir andere Bilder auf. Sie wirken zunächst fast banal – und dann beunruhigend vertraut. Wo früher Porträts von Sheikh Hasina hingen, erscheinen nun überall Fotos von Tarique Rahman, dem Vorsitzenden der Bangladeschischen Nationalistischen Partei (BNP). Nach 17 Jahren im Londoner Exil ist er vor eineinhalb Monaten zurückgekehrt. Seine frisch gedruckten Porträts hängen an Wänden und Laternen – als würde sich nicht nur eine Regierung verändern, sondern vor allem das Gesicht der Macht.

Trotz der extremen Luftverschmutzung – Dhaka gehört zu den schmutzigsten Städten der Welt – fühlt sich das Atmen für mich seltsam gut an. Vielleicht, weil Erinnerung schneller ist als Verstand. Es ist Winter, aber nicht wie das kalte Berlin. Die Luft ist mild, fast wie Frühling.

Die Journalistin Shammi Haque sitzt in einem Restaraunt an einem Holztisch und hält die Speisekarte in den Händen. Sie trägt ein braunes Kleid mit aufgestickten Blumen und lächelt.
© Privat
In einem Restaurant in Dhaka

Vor zehn Jahren musste ich dieses Land verlassen. Ich war 21 Jahre alt. Ich floh vor Islamisten – und vor einer Regierung, die diese Kräfte duldete und schützte. In den Jahren 2014 und 2015 wurden sechs säkulare Blogger ermordet. Angst wurde Teil unseres Alltags. 2015 erhielt ich Morddrohungen wegen meines Blogs und floh nach Deutschland. Dort begann ich ein neues Leben in Freiheit.

Nach zehn Jahren in Deutschland und sieben Jahren Arbeit in deutschen Medien – vom Boulevard bis zum investigativen Journalismus – bin ich nun zurück in der bengalischen Medienlandschaft. Dieses Gefühl ist schwer zu beschreiben. In meiner Muttersprache zu recherchieren, an dem Ort, den ich einst aus Angst verlassen musste, um zu überleben, fühlt sich zugleich vertraut und fragil an.

Und ja, es klingt fast widersprüchlich, aber für den Journalismus ist dies eine „interessante Zeit“. Nach dem Aufstand der GenZ im Juli 2024 übernahm der Nobelpreisträger Muhammad Yunus die Leitung einer Übergangsregierung. Die ehemalige Premierministerin ging ins Exil nach Indien. Während des Juni-Aufstands kamen laut den Vereinten Nationen bis zu 1.400 Menschen ums Leben.

Zwischen Heimkehr und Fremdsein

Zwischen Hoffnung, Gewalt und politischem Umbruch versuche ich, wieder von Bangladesch aus zu arbeiten. Ich schreibe für deutsche wie für bengalische Leser*innen – und bewege mich dabei ständig zwischen Nähe und Distanz. Manchmal fühlt es sich an, als wäre ich nie weg gewesen. Im nächsten Moment bin ich mir selbst fremd.

Die Arbeitskultur und der Alltag unterscheiden sich stark von Deutschland. Niemand spricht hier über das Wetter. Mein erster Termin war für 9 Uhr angesetzt. Um 8:45 Uhr war ich bereit. Begonnen hat er um 11 Uhr – völlig normal. Zuerst machte mich das wütend, dann musste ich über mich selbst lachen. Bin ich zu deutsch geworden? Auch der Journalismus ist ein anderer: weniger geschützt, fragiler, gefährlicher. Er verlangt ständige Vorsicht – und Mut. Ich bin ständig mit Sicherheitspersonen unterwegs.

Drei Tage vor meiner Ankunft wurden die Gebäude von zwei der größten Zeitungen des Landes, Prothom Alo und The Daily Star, von Protestierenden angegriffen und angezündet – nach der Tötung des Aktivisten Osman Hadi, einem führenden Kopf der Massenproteste, die im vergangenen Jahr zum Sturz der Regierung von Sheikh Hasina führten. Die Ermittler gehen davon aus, dass die Täter nach Indien geflohen sind. Teilnehmer der aktuellen Proteste werfen den Zeitungen The Daily Star und Prothom Alo vor, indische Interessen zu vertreten. Auf der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen steht Bangladesch auf Platz 149 von 180 Ländern. Selbstzensur ist weit verbreitet, kritische Berichte über Politik, Militär oder religiöse Gruppen können ernste Konsequenzen haben.

Shammi Haque steht vor dem verbrannten Gebäude der Zeitung Prothom Alo in Dhaka.
© Shaikat Amin
Das verbrannte Gebäude der Zeitung Prothom Alo

Medien zwischen Gewalt und Aufbruch

Es ist eine ganz andere, wilde Welt – besonders für den Journalismus. Und sie zeigt mir, was für ein Privileg meine Arbeit in Deutschland in den letzten sieben Jahren war.

Als ich die Redaktion von Prothom Alo besuchte, erzählte mir ein alter Freund, ein Redakteur, etwas, das mich nicht loslässt: Nach den jüngsten Angriffen auf Medien haben selbst Kinder Angst, in der Schule zu sagen, dass ihre Mutter oder ihr Vater bei Prothom Alo arbeitet. So tief sitzt die Einschüchterung.

Die meiste Zeit bin ich mit Netra News unterwegs – einem investigativen Medium, das fünf Jahre aus dem schwedischen Exil gearbeitet hat und nach dem Aufstand nun ein Büro in Dhaka eröffnet hat. Der Hunger nach Wahrheit ist groß. Netra News hat das in den letzten fünf Jahren bewiesen, vor allem mit der Aufdeckung des geheimen Foltergefängnisses Aynaghar – mit Recherchen über Folter, Verschwindenlassen und Mord durch frühere Regierungskräfte.

Damals berichteten kaum bengalische Medien darüber. Viele durften es nicht. Heute hat Netra News ein Büro mit rund 20 Mitarbeitenden in Dhaka. Wie soll man diese Lage beschreiben? Vor vier Wochen wurden zwei der größten Medienhäuser des Landes angegriffen und verbrannt. Gleichzeitig kehren Journalist*innen aus dem Exil zurück. Netra News, das einst als größter Feind der alten Regierung galt, arbeitet nun offen im Land.

Auch inhaltlich bleibt vieles widersprüchlich. Ich sehe keinen klaren Bruch: Die 15 Jahre autoritärer Herrschaft werden nun teilweise verharmlost, während die andere große Partei, die BNP, die selbst jahrelang unterdrückt war, plötzlich unkritisch gelobt wird.

Shammi Haque interviewt eine junge Frau bei einer Wahlkampfveranstaltung der Partei BNP. Um sie herum sind rote Plastikstühle aufgereiht, im Hintergrund sind Menschen und Luftballons zu sehen.
© Mehedi
Interview mit einer jungen Frau bei einer Wahlkampfveranstaltung der BNP

Meine deutschen Freund*innen und Kolleg*innen fragen mich oft: Fühlst du dich sicher?

Die ehrliche Antwort ist: Nein. Sicher fühle ich mich nicht. Aber gerade jetzt sehe ich sowohl die Notwendigkeit als auch die Möglichkeit, hier zu sein. Und doch staune ich jeden Tag über die Journalist*innen hier. Über ihren Mut. Über ihre Ausdauer. Das Leben ist billig, die Risiken sind hoch. Viele setzen nicht nur ihr eigenes Leben aufs Spiel, sondern auch die Sicherheit ihrer Familien.

Trotz allem suchen sie nach Wahrheit. Nach Fakten. Nach Aufklärung. Ein Journalismus, der sich real anfühlt – und der jeden Tag einen hohen Preis hat.

Eine Wahl – und eine fragile Hoffnung auf Zukunft

Der Juli-Aufstand hat das Land mit 170 Millionen Menschen, mehrheitlich muslimisch, erschüttert. Sein Ziel war klar: eine faire Wahl. Der 12. Februar soll dieser Tag sein. Die Übergangsregierung verspricht Demokratie, Stabilität, Neubeginn. Doch die Realität ist kompliziert. Die BNP wird voraussichtlich die Mehrheit gewinnen. 

Ihre stärkste Opposition ist eine religiös-islamistische und frauenfeindliche Partei, die teilweise die Einführung der Scharia fordert: Jamaat-e-Islami. Was viele schockiert hat: Ein Teil der jungen Generation – jener Generation, die diesen blutigen Aufstand getragen hat, die für Gleichberechtigung und Freiheit auf die Straße gegangen ist – koaliert nun genau mit dieser islamistischen Partei. Für viele ist das ein Bruch. Hoffnung geht verloren. Vertrauen zerbricht. 

Shammi Haque interviewt eine komplett verschleierte Person bei einer Wahlkampfveranstaltung der Partei Jamaat-e-Islami.
© Jibon Ahmed
Bei einer Wahlkampfveranstaltung der Partei Jamaat-e-Islami

Diese Partei, Jamaat-e-Islam, und der Parteichef haben kürzlich in einem Interview gesagt, dass Frauen keine Parteichefinnen werden können. Und die andere große Partei, die BNP, hat für diese Wahl gerade mal 10 Frauen von insgesamt 290 Kandidaten nominiert. In dieser historischen 13. Parlamentswahl fällt das Wort ‚Frauen’ in der Politik zwar ständig. Aber nein – es geht nicht wirklich um ihre Rechte, eher um Symbolik. 

Mir ist dabei wieder schmerzhaft bewusst geworden, was für ein Privileg ich als Frau in Berlin habe – im Vergleich zu hier. Mit diesen Gedanken war ich für Netra News unterwegs, um mir den Wahlkampf aus der Perspektive von Frauen anzuschauen. Was ich erlebt habe, hat mich ehrlich gesagt erschüttert. Zu sehen, dass viele Frauen selbst nicht einmal Gleichberechtigung einfordern. Dass sie nicht groß träumen. Eine Frau bei einer Jamaat-e-Islam-Wahlkampfveranstaltung sagte mir ganz offen, Patriarchat sei besser, Frauen bräuchten nicht die gleichen Rechte wie Männer.

In genau diesem politischen und gesellschaftlichen Moment kehre ich zurück nach Bangladesch — nicht mehr im Exil, aber auch noch nicht wirklich zu Hause.