Menschenrechtspreis für Philip Obaji

Ein investigativer Journalist trotzt Mördern und Vergewaltigern

Ein investigativer Journalist trotzt Mördern und Vergewaltigern
© Philip Obaji
Philip Obaji wird am 24. April mit dem Theodor-Haecker-Preis 2026 der Stadt Esslingen am Neckar ausgezeichnet.

Er arbeitet seit vielen Jahren dort, wo Gewalt Leben zerstört, wo sie systematisch verschleiert wird – und wo sie ihn auch selbst heimsucht. Philip Obaji Jr., ein Reporter aus Nigeria und ehemaliger Stipendiat bei Reporter ohne Grenzen (RSF), erhält am 24. April den Theodor-Haecker-Preis 2026 der Stadt Esslingen am Neckar, einen internationalen Menschenrechtspreis für politischen Mut. 

Er schrieb über Boko Haram im Norden Nigerias, über Menschenrechtsverletzungen in West- und Zentralafrika, über Menschenhandel, Vertreibung und die Ausbeutung Schutzloser. 2022 konzentrierte er sich besonders auf die russische Söldnergruppe Wagner und ihre Verbrechen in der Zentralafrikanischen Republik. Er deckte auf, wie junge Mädchen über Facebook angeboten und als Sex-Sklavinnen verkauft wurden. Wegen seiner Recherchen versuchten Boko-Haram-Mitglieder, ihn zu entführen, und die Wagner-Gruppe überzog ihn mit einer Desinformationskampagne.

Obaji berichtet seit März 2015 als Korrespondent für The Daily Beast, seine Texte erschienen außerdem in USA Today, Foreign Policy, Al-Dschasira, The Guardian und bei der Thomson Reuters Foundation.

Der Anfang: Fußball, Radio, Geschichten

Dass jemand wie Philip Obaji einmal zu den wichtigsten Stimmen über russische Einflussoperationen und Menschenrechtsverbrechen in Afrika gehören würde, war keineswegs vorgezeichnet: „Mein Weg in den Journalismus begann nicht mit großen Ambitionen, Reporter zu werden, sondern mit einer einfachen Liebe zum Sport und zum Geschichtenerzählen“, sagt er.

2000 – da ist Obaji 15 Jahre alt und lebt im südnigerianischen Calabar – geht er zur Cross River Broadcasting Corporation und sagt einem Sportmoderator, dass er gut darin sei, Fußballspiele zu präsentieren und zu analysieren. Man gibt ihm eine Chance. Erst arbeitet er als Analyst, bald moderiert er im Radio und später im Fernsehen. Schon während seiner College-Zeit, etwa ab 2004, moderiert er Talkshows bei CRBC TV. Es sei, sagt er, etwas sehr Natürliches gewesen. Er habe es genossen, „über Geschichten mit Menschen in Verbindung zu treten – egal, ob es um Spielanalysen oder lebhafte Diskussionen ging“.

Diese frühe Erfahrung verrät etwas Grundsätzliches über ihn: Philip Obaji kommt nicht aus einem elitären Journalismusverständnis, sondern aus der Praxis des Zuhörens, Vermittelns, Verbindens. Der spätere Investigativreporter ist zuerst einer, der begreift, wie sehr Geschichten Menschen erreichen können.

Hin zum Aktivismus – und zurück zur Recherche

2008 verlässt er das Broadcasting und konzentriert sich auf Menschenrechtsarbeit und Aktivismus. Er gründet die Initiative „1 GAME: Education Defeats Violence“, mit der er Kinder im schulpflichtigen Alter ermutigen will, allgemeine Schulbildung anzunehmen. Journalismus ist damals noch nicht sein Hauptweg, eher eine Fähigkeit, die er sich angeeignet hat.

Die Wende kommt 2015 mit einer Reise nach Maiduguri im Nordosten Nigerias, ins Zentrum des Boko-Haram-Terrors. Er will verstehen, warum so viele Kinder nicht zur Schule gehen und wie die Terrorgruppe Kinder für ihre Reihen rekrutiert. Was er dort sieht, erschüttert ihn. Er spricht von „zerstörten Lebensläufen, Angst und Widerstandskraft“. Zurück in Calabar schreibt er über seine Eindrücke auf Facebook. „Das war gar nicht als „Journalismus“ gedacht“, sagt er. „Es war einfach mein Versuch, das zu verarbeiten, was ich gesehen hatte, und Aufmerksamkeit dafür zu schaffen.“

Dieser Facebook-Text verändert alles. Eine Reporterin von The Daily Beast entdeckt ihn, leitet ihn an ihre Redaktion weiter, und bald bekommt Obaji das Angebot, über Menschenrechte und Konflikte zu schreiben. Er nimmt an. Fast zehn Jahre später ist er immer noch Afrika-Korrespondent des Mediums.

„Mich hat von Beginn an die Kraft des Geschichtenerzählens fasziniert: verborgene Wahrheiten sichtbar zu machen und Leiden zu vermenschlichen.“ In Nigeria und in anderen Teilen Afrikas, sagt er, würden Konflikte, Ungleichheit und Missbrauch oft übersehen oder in internationalen Medien unzureichend erzählt. Durch seine Erfahrung im Aktivismus habe er verstanden, dass Journalismus ihm eine Plattform geben könne, um Realitäten zu dokumentieren, über die Regierungen oder andere mächtige Akteure lieber schweigen würden.

Als 2018 drei russische Journalisten in der Zentralafrikanischen Republik getötet werden, während sie zu Wagner recherchieren, bittet ihn sein Redakteur, sich das Thema anzusehen. Für Obaji ist das mehr als ein neuer Auftrag. Er sagt, dieser Moment habe in ihm einen noch tieferen Antrieb geweckt. Er habe eine Verantwortung gespürt, die Arbeit der getöteten Kollegen fortzusetzen.

Die Verbrechen der Wagner-Gruppe dokumentieren

Heute ist Obaji tief in Recherchen zur wachsenden russischen Einflussnahme in West- und Zentralafrika eingebunden, insbesondere zu den Operationen der früheren Wagner-Gruppe und ihrer Nachfolger, die häufig als Africa Corps bezeichnet werden. Seit mehr als sieben Jahren dokumentiert er, wie er sagt, „weit über hundert Fälle schwerer Menschenrechtsverletzungen“: Massaker in Dörfern, systematische Vergewaltigungen – auch in Militärkasernen –, Folter von Zivilist*innen und Kindern, Angriffe auf Flüchtlingslager und Minenstandorte, dazu die rücksichtslose Ausbeutung von Gold, Diamanten und anderen Rohstoffen, die mithelfen, Russlands Kriegsmaschinerie in der Ukraine zu finanzieren.

Er beschreibt seine Arbeit nicht nur als Recherche über einzelne Gräueltaten, sondern als Versuch, ein größeres Muster sichtbar zu machen. Russische Aktivitäten in Ländern wie der Zentralafrikanischen Republik, Mali, Niger, Burkina Faso oder Kamerun seien eben nicht nur Rohstoffraub. Sie seien laut Obaji Teil einer „kalkulierten Strategie hybrider Kriegsführung“: Instabilität schaffen, Migration in Richtung Europa antreiben, Desinformation streuen, westliche Demokratien schwächen, Afrikaner*innen – darunter Studierende und Zivilist*innen – für den Krieg in der Ukraine rekrutieren und Zivilgesellschaft, Medien und NGOs infiltrieren.

Dabei verliert er nie den Blick für die Menschen, die all das trifft. Er spricht von verschwundenen Zivilist*innen, von traumatisierten Kindern, die Folter beschreiben, von Frauen, die nach sexuellen Übergriffen zu Verhütungsmitteln gezwungen wurden, und von Gemeinschaften, die dauerhaft in Angst leben. Diese Verbindung aus präziser Analyse und radikaler Nähe zu den Opfern macht seine Arbeit so eindrücklich.

Geschlagen und gefoltert: Auch Philip Obaji bezahlte für seinen Mut

Über die Risiken seiner Arbeit spricht Obaji nüchtern, fast knapp. „Die Arbeit ist körperlich gefährlich“, sagt er. In der Zentralafrikanischen Republik wurde er nach eigenen Angaben festgenommen, geschlagen und seine Ausrüstung wurde beschlagnahmt – von Soldaten, die im Auftrag russischer Kämpfer handelten. An anderer Stelle beschreibt er es noch drastischer: Er sei von zentralafrikanischen Soldaten auf Befehl russischer Paramilitärs festgenommen, geschlagen und gefoltert worden. Sein Foto sei in Wagner-nahen Chatgruppen verbreitet worden, verbunden mit Aufrufen, ihn als angeblichen Agenten des Westens festzunehmen oder zu töten.

Dazu kommen Drohungen von Menschenhändlern und Söldnern – also genau jenen Netzwerken, über die er berichtet. „Kollegen wurden ermordet, Freunde sind verschwunden“, sagt er. Als freier Journalist und Reporter aus Nigeria, ohne den kompletten Schutzapparat einer großen Redaktion vor Ort, sei vieles besonders schwierig: der Zugang, die Verifikation in Konfliktzonen, die Finanzierung langfristiger investigativer Arbeit. Hinzu komme die seelische Belastung. „Tag für Tag Berichte über Vergewaltigung, Verlust und Ausbeutung zu hören, hat ein enormes mentales Gewicht.“

Und trotzdem macht er weiter. Warum? „Ich mache weiter, weil diese Geschichten wichtig sind“, sagt er. Zu oft würden Afrikas Konflikte und die Ausbeutung von außen entweder unterberichtet oder nur durch einen verengten Blick erzählt. Sein Ziel sei es, Überlebenden eine Stimme zu geben, Muster der Straflosigkeit offenzulegen und zu zeigen, dass das, was dort geschieht, eben nicht dort bleibt: Es beeinflusse globale Stabilität, Migration und Sicherheit.

Die Lüge als Waffe

Besonders eindringlich spricht Obaji über Desinformation. Für ihn ist sie kein Randphänomen, sondern eine zentrale Waffe moderner Konflikte. „Desinformation und Propaganda sind heute zu einigen der mächtigsten und heimtückischsten Waffen geworden, die prägen, wie Konflikte in Afrika wahrgenommen werden“, sagt er. Sie verzerrten nicht nur die Realität, sondern schützten aktiv Täter, verschärften politische Instabilität und schrieben Erzählungen im Interesse externer Akteure um.

Russische Akteure arbeiteten oft mit lokalen Stellvertretern, Trollfabriken, bezahlten Medien und koordinierten Kampagnen in sozialen Netzwerken. Plattformen wie Facebook, WhatsApp und Telegram, aber auch Radio, Fernsehen und Zeitungen würden mit gezielt konstruierten Lügen überschwemmt. Russische Kämpfer inszenierten sich dort als Befreier im Kampf gegen westlichen Imperialismus oder gegen Dschihadisten, während sie ihre eigenen Verbrechen abstritten und Aussagen von Überlebenden als Erfindungen oder westliche Propaganda diffamierten.

In der Zentralafrikanischen Republik, sagt Obaji, seien nach Angriffen auf Dörfer und nach sexueller Gewalt prorussische Kampagnen viral gegangen, um Journalist*innen und Bürger*innen einzuschüchtern, die darüber sprachen. In Burkina Faso, Mali und Niger würden falsche Narrative Juntaführer stärken, ihre Erfolge überhöhen und Frankreich oder den Westen für jedes Problem verantwortlich machen – selbst dann, wenn die Instabilität wachse und Zivilist*innen weiter litten. Diese Kampagnen seien ausgefeilt: mit Bots, Influencern, Geister-Webseiten und Zahlungen an lokale Redaktionen, manchmal „für nur 80 Dollar für eine platzierte Geschichte“, sagt Obaji.

Die Wirkung sei verheerend. Traumatisierte Menschen in Konfliktzonen, denen verlässliche Informationen fehlten, nähmen diese Botschaften auf, wandten sich gegen traditionelle Partner oder Friedensmissionen und unterstützten Regime oder ausländische Kräfte, die oft mehr Gewalt als Lösungen brächten. Obaji weiß: „In vielen Fällen formt Propaganda Wahrnehmung wirksamer als Kugeln.“

Das Wegsehen der Welt

Auch internationale Medien und Institutionen nimmt Obaji in die Pflicht. Sie trügen eine „tiefgreifende Verantwortung“ dafür, wie Krisen in West- und Zentralafrika verstärkt oder eben übergangen würden. Zu oft, sagt er, würden internationale Medien manche Geschichten groß machen und andere übersehen. Wenn russische Paramilitärs Dörfer massakrierten, in Kasernen systematisch vergewaltigten, Kinder folterten oder Flüchtlingslager angriffen, dann bekämen diese Ereignisse oft nur flüchtige Aufmerksamkeit – es sei denn, sie ließen sich in eine größere geopolitische Erzählung einpassen.

Er habe weit über hundert solcher Fälle dokumentiert, viele blieben dennoch unterberichtet: weil sie in entlegenen Gegenden passierten, fern westlicher Hauptstädte, weil es keine Bilder gebe, die viral gingen, oder weil europäische und amerikanische Interessen nicht unmittelbar genug betroffen seien. Das Ergebnis sei, dass Straflosigkeit wachse und Überlebende sich verlassen fühlten.

Obaji nennt dabei auch andere vergessene Krisen: die Gewalt in Kameruns anglophonen Regionen, Vertreibungen durch die Gruppe Boko Haram im Tschadsee-Becken, die Ausbeutung von Gold und Diamanten, mit denen Kriege finanziert werden, während lokale Gemeinschaften verarmen. Ein Konflikt, sagt er sinngemäß, gelte oft erst dann als dringend, wenn er Migrationsbewegungen Richtung Europa auslösen könne – nicht schon dann, wenn afrikanische Menschen leiden.

Immer wieder kehrt er zu den Überlebenden zurück

Trotz aller Gefahr, trotz Verleumdung, Erschöpfung und Einsamkeit hält Philip Obaji an seiner Arbeit fest: „Journalismus besteht nicht nur darin, Geschichten einzureichen; es geht um Rechenschaft, darum, den Stimmlosen eine Stimme zu geben, und darum, Veränderung anzustoßen“, sagt er. Er habe gesehen, wie seine Berichte Debatten beeinflussten. Er fühlte sich getragen vom „Mut der Menschen, die ich interviewe – ihre Bereitschaft, trotz aller Angst zu sprechen, hält mich in Bewegung.“ 

Immer wieder kehrt er zu den Überlebenden zurück, zu Männern, Frauen und Kindern, die trotz des Risikos reden. Ihnen fühlt er sich verpflichtet. „Wenn meine Berichterstattung auch nur verhindert, dass noch ein weiteres Kind rekrutiert wird, oder einen weiteren Missbrauch aufdeckt, sodass er gestoppt wird, dann ist jeder Schritt auf diesem Weg es wert.“

von Katharina Weiß, RSF-Pressereferentin