Israel / Palästinensische Gebiete

Eine selten gehörte Perspektive: Das +972 Magazine

Drei Männer laufen durch ein zerstörtes Gebiet. Trümmer liegen auf dem Boden und die Luft ist grau.
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Palästinenser begutachten die Zerstörungen nach einem israelischen Luftangriff im Gazastreifen.

Beim +972 Magazine arbeiten israelische und palästinensische Journalist*innen an einem gemeinsamen Ziel: Sie wollen ausführliche Berichterstattung, Analysen und Meinungen direkt aus Israel-Palästina liefern. Besonders vor dem Hintergrund einer gleichförmiger werdenden israelischen Medienlandschaft ein sehr notwendiges Projekt.

Die Journalistin Ghousoon Bisharat war erst seit weniger als einem Monat Chefredakteurin des +972 Magazine – dann geschah der 7. Oktober 2023. Das Massaker des bewaffneten Arms der Hamas an israelischen Zivilist*innen löste den längsten Krieg in der Geschichte Israels aus. Die UN-Faktenfindungsmission zum Israel-Palästina-Konflikt hat ihn als „Völkermord“ eingestuft. Er wurde auch zu einem Wendepunkt für den Journalismus. „Die überwiegende Mehrheit der israelischen Journalisten ist ihrem Publikum und ihrem Auftrag nicht gerecht geworden“, beklagt Ghousoon Bisharat. Sie kritisiert eine Medienberichterstattung, welche die dramatischen humanitären Folgen der militärischen Reaktion Israels im Gazastreifen weitgehend verschleiert habe.

Das Team von +972 Magazine dagegen bleibt seiner redaktionellen Linie treu. „Korrekter, aber fairer Journalismus“, beschreibt es Bisharat. „Journalismus, der die Machtverhältnisse einordnet und weiß, wer das Leben aller Menschen in diesem Land, in Israel-Palästina, kontrolliert: ein Apartheidregime.“

In der israelischen Medienlandschaft ist das eine selten gehörte Perspektive. Für das +972 Magazine arbeitet ein binationales, geschlechterausgewogenes Redaktionsteam aus Palästinenser*innen, Bewohner*innen der besetzten Gebiete im Westjordanland und im Gazastreifen sowie israelischen Staatsbürger*innen und jüdischen Israelis. Dafür steht die Zahl +972 im Namen: Die am häufigsten genutzte Vorwahl für Israel und die palästinensischen Gebiete spiegelt das Verständnis eines gemeinsamen Raums wider. „Die Gräueltaten vom 7. Oktober und der Genozid in Gaza haben uns im Glauben an unsere Grundwerte nur noch weiter gestärkt“, sagt Bisharat. 

Das Nachrichtenportal wurde 2010 von freiwilligen Blogger*innen gegründet, als Reaktion auf die Berichterstattung der israelischen Medien über den Gaza-Krieg im Jahr 2009. Inzwischen hat das Medium 24 Angestellte, die meisten davon Journalist*innen. „Die Nachfrage nach dem, was wir zu bieten haben, ist größer denn je“, stellt +972-Geschäftsführer Haggai Matar fest. Ein Beispiel: Mit einer im April 2024 veröffentlichten Recherche über den Einsatz künstlicher Intelligenz durch die israelische Armee zur Identifizierung von Zielen im Gazastreifen erreichte die Redaktion über drei Millionen Leser*innen.

Im Jahr 2014 wurde das redaktionelle Projekt um eine hebräischsprachige Publikation mit dem Namen Sikha Mekomit (Local Call auf Englisch) erweitert. Die Journalistin Orly Noy, die auch Vorsitzende der Nichtregierungsorganisation B’Tselem ist, war an der Gründung beteiligt – als Reaktion auf den Krieg im Gazastreifen im selben Jahr. „Wir haben damals rund um die Uhr gearbeitet, um Informationen aus palästinensischen Quellen zu sammeln, zu übersetzen und der israelischen Öffentlichkeit auf Hebräisch zugänglich zu machen, weil in den israelischen Medien niemand sonst darüber berichtete“, erinnert sie sich.

Eine palästinensische Perspektive in den israelischen Mediendiskurs einzubringen, ist zwar nach wie vor eines der Ziele des +972 Magazine. Doch „wir leben heute in einer ganz, ganz anderen Realität“, beklagt Orly Noy und stellt fest: „Demokratie und Menschenrechte sind keine Werte mehr.“ Doch anstatt aufzugeben, werden sie und ihr Redaktionsteam trotz dieser veränderten Medienlandschaft weitermachen, sagt sie: „Wir werden heute wahrscheinlich noch mehr gebraucht als zuvor.“ 

Von Martin Roux, Leiter des „crisis desk“ der internationalen Organisation Reporters sans frontières in Paris. Veröffentlicht ursprünglich im März 2026 auf Französisch im RSF-Fotoalbum „100 Fotos für die Pressefreiheit“.