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„Ich trage Afghanistan im Exil weiter in mir“

„Ich trage Afghanistan im Exil weiter in mir“
© privat
Der Afghane Wadud Salangi lebt seit 2021 in Deutschland und arbeitet mittlerweile wieder als Journalist

Wadud Salangi ist ein afghanischer Journalist, der seit der Machtübernahme der Taliban 2021 im Exil in Deutschland lebt und unter anderem für die Deutsche Welle arbeitet. Zuvor arbeitete er in Kabul für TOLOnews und CNN. Im dritten Teil unserer Serie Home² erzählt Salangi von seiner Flucht nach dem Fall Kabuls an die Taliban und seinem Neuanfang in Deutschland. Er erzählt von Ausgrenzung und Hilfsbereitschaft – und davon, wie die eigene Fluchterfahrung seinen Journalismus verändert hat.

 

Es ist wieder August. Jedes Jahr, wenn der August kommt, denke ich daran, wie schnell sich ein Land verändern kann – und damit ein ganzes Leben. Der 15. August 2021 war der Tag, an dem Kabul an die Taliban fiel. Für viele Menschen war es der Fall einer Stadt. Für mich fühlte es sich an, als würde ich gleichzeitig mein Land, meine Freiheit und das Leben verlieren, das ich mir bis dahin aufgebaut hatte.

Ich war damals Journalist in Kabul. Ich hatte meine Arbeit, meine Heimat, meine Bekannten und Kolleg*innen sowie Pläne für die Zukunft. Fast zwei Monate später, am 14. Oktober 2021, landete ich in Deutschland. Meine Eltern, meine Arbeit und fast alles, was mir vertraut war, hatte ich zurückgelassen. Ich hatte Afghanistan verlassen, weil ich mein Leben retten musste.

An meine ersten Tage in Deutschland erinnere ich mich noch gut. Vom Flughafen Leipzig wurde ich zunächst in eine Flüchtlingsunterkunft nach Bamberg und später nach Berlin gebracht. Dort angekommen fragte ich eine Mitarbeiterin auf Englisch, wohin ich gehen müsse, was die nächsten Schritte seien. Sie forderte mich sofort auf, Deutsch zu sprechen: „Hier ist Deutschland.“ Ich dachte nur: „Jetzt schon? Ich bin doch gerade erst angekommen.“

Solche Erfahrungen gehörten bald zu meinem Alltag. Ich las Berichte in deutschen Medien, in denen Menschen aufgrund ihrer Herkunft unter Verdacht gestellt wurden. Straftaten waren dann besonders wichtig, wenn die beschuldigte Person einen Migrationshintergrund hatte. Einmal sah ich in der U-Bahn, wie jemand einen anderen Menschen wegen seines Aussehens anspuckte. Diese Szene habe ich nicht vergessen.

Aber ich begegnete auch Menschen, die genau das Gegenteil taten. Eine deutsche Familie, die mich kaum kannte, lud mich zum Essen zu sich nach Hause ein. Andere halfen mir beim Deutschlernen oder machten mich auf berufliche Möglichkeiten aufmerksam. Einige dieser Menschen gehören heute zu meinem engen Umfeld.

Auch beruflich entwickelte sich mein Leben anders, als ich erwartet hatte. Ich kehrte zum Journalismus zurück, besuchte Flüchtlingsunterkünfte und berichtete über Menschen, die warteten: auf Dokumente, auf Entscheidungen, auf Familienangehörige oder einfach darauf, dass ihr Leben wieder beginnen konnte. Eine Geschichte ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Ich berichtete über einen Geflüchteten, dessen Psyche durch die permanente Unsicherheit schließlich so belastet war, dass er sich das Leben nahm. Seine Geschichte ging mir auch deshalb so nahe, weil ich selbst wusste, wie es sich anfühlt, nicht zu wissen, was als Nächstes passiert. 

Ich hatte schon vor meinem Exil über Flucht berichtet. Nach meiner eigenen Flucht verstand ich diese Geschichten anders. Ich begann stärker zu begreifen, dass hinter jedem Asylantrag ein Mensch mit einem Leben steht, das lange vor seiner Ankunft in Deutschland begonnen hat. Meine eigenen Erfahrungen und meine Kenntnisse über Afghanistan helfen mir heute bei der Vermittlung zwischen der afghanischen Community, Journalist*innen, Menschenrechtsorganisationen und deutschen Institutionen. 

Auch mein Verständnis von Heimat hat sich verändert. Früher dachte ich, Heimat sei ein Ort: eine Stadt oder ein Land. Heute bin ich mir da nicht mehr so sicher. In Berlin habe ich mir ein neues berufliches und persönliches Leben aufgebaut, hier habe ich Menschen gefunden, die mir wichtig sind – und ich bin inzwischen deutscher Staatsbürger. Trotzdem werde ich noch immer gefragt: „Woher kommst du?“ oder „Verstehst du Deutsch?“

Afghanistan ist weiterhin ein Teil von mir, in meinen Gedanken, in meinem Sprechen, wenn ich mich erinnere, überhaupt in der Art, wie ich auf die Welt blicke. Aber Afghanistan ist nicht mehr nur der Ort, den ich verloren habe. Es ist auch etwas, das ich mit mir trage. Ich habe Afghanistan verlassen, weil ich mein Leben retten musste und trage es jetzt immer mit mir.