Der Kosovo steht an einem kritischen Wendepunkt für die Pressefreiheit. Das Land belegt Platz 99 von 180 im weltweiten Ranking und ist damit Schlusslicht der EU-Balkan-Zone. Die größten Herausforderungen? Parteipolitischer Einfluss auf Medienhäuser, wirtschaftlicher Druck auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk und die gesamte Branche, verbale Angriffe auf Journalist*innen, wachsende Polarisierung und ein sinkendes öffentliches Vertrauen in die Medien. Hinzu kommen ein als verfassungswidrig erklärtes Mediengesetz, mangelnder Zugang zu öffentlichen Informationen, SLAPP-Klagen – sowie auch körperliche Angriffe.
Die Forderungen von Reporter ohne Grenzen an die Behörden sind klar: politische Versuche, Journalismus zu delegitimieren, müssen aufhören; die Unabhängigkeit der öffentlich-rechtlichen Medien muss garantiert werden; und der rechtliche Rahmen für journalistische Arbeit muss im Einklang mit europäischen Standards gestärkt werden. Zudem sollte eine Arbeitsgruppe unter Einbindung lokaler Journalist*innenverbände eingerichtet werden, um konkrete Maßnahmen zum Schutz der Medienfreiheit vorzuschlagen.
Wie sich dieses Klima für Journalist*innen vor Ort anfühlt, veranschaulicht kaum jemand so eindrucksvoll wie Tatjana Lazarevic, Chefredakteurin des unabhängigen serbischsprachigen Mediums KoSSev. Das Medium berichtet über politische Entwicklungen, Sicherheitslage und Alltag im serbisch geprägten Norden des Kosovo und deckt gezielt Desinformation aus Belgrad und Pristina auf. In einem Interview mit RSF Deutschland erklärt sie, warum kleine, unabhängige Redaktionen wie ihre für die demokratische Zukunft des Kosovo unverzichtbar bleiben – und warum sie aus Sicht der internationalen Gemeinschaft dringend Schutz benötigen.
Tatjana, du bist Chefredakteurin von KoSSev – einem der wenigen unabhängigen Medien in Nordkosovo. Was ist eure Gründungsgeschichte?
KoSSev wurde rund um die Krise im Norden Kosovos im Februar 2014 gegründet: Es war die Phase, in welcher das Erste Abkommen zur Normalisierung der Beziehungen zwischen Belgrad und Prishtina umgesetzt wurde. Der Kern dieses Abkommens bestand in der Auflösung der serbischen staatlichen Institutionen im Norden und ihrer Integration in das kosovarische System. Dieser Prozess wurde gegen den Willen der meisten lokalen Serb*innen durchgeführt, aber mit entscheidender Beteiligung der Regierung in Belgrad, welche die Umsetzung durch Dominanz der Partei „Srpska lista“ (dt. Serbische Liste) garantierte – teilweise, wie Expert*innen es interpretierten, mit Unterstützung krimineller Strukturen.
Vor allem 2015 waren die Mitarbeitenden von KoSSev besonders gefährdet, was ist passiert?
Auf unsere Redaktion wurde geschossen, ein Dienstauto wurde in Brand gesetzt, Journalist*innen wurden körperlich angegriffen, es gab Drohungen gegen meine Familie sowie zahlreiche Cyberangriffe. Der Präsident Serbiens deutete wiederholt an, wir seien eine „anti-serbische ausländische Agentur“. Im Laufe der Jahre folgten Online-Diffamierungskampagnen, Druck durch die kosovarische Polizei, Einschüchterungsklagen und eine permanente Stigmatisierung unserer Arbeit.
Trotz allem hat unsere Redaktion standgehalten. Wir haben die Qualität unserer Berichterstattung sogar gesteigert und Vertrauen gewonnen. Unser Portal ist heute für Fairness, Objektivität, Pluralismus und redaktionelle Unabhängigkeit bekannt. Was uns Behörden an Informationen verweigerten, machten unsere Leser*innen wett: Sie wurden zu unserer wichtigsten Nachrichtenquelle.
Nach dem politischen Machtwechsel 2023 im Norden und dem Aufstieg von Vetëvendosje hat der Druck von serbischer Seite abgenommen, aber dafür begann ein neues Kapitel an Repressionen, unter denen vor allem serbischsprachige Medien leiden sollen. Wie spürt ihr dies?
Wir sehen extreme Intransparenz in lokalen wie zentralen Institutionen: Die Zurückhaltung von Informationen von öffentlichem Interesse, einseitige Agitationskommunikation, ignorierte Medienanfragen, schwere Verstöße gegen das Sprachengesetz und Diskriminierung serbischer Medien. Der skandalöseste Fall war die Entscheidung der Wahlkommission (CEC), keinem einzigen serbischsprachigen Medium aus Kosovo oder Serbien eine Akkreditierung zu erteilen – eine Entscheidung, die erst nach massivem internationalen Druck aufgehoben wurde.
Parallel dazu veränderte sich das gesamte Medienökosystem. Der Informationsfluss verlagerte sich von physischen Räumen und Webseiten auf soziale Netzwerke. Das Volumen und die Geschwindigkeit der Informationen explodierten – mit sinkender Qualität, mehr Propaganda, Desinformation, Vertrauensverlust und enormem Stress für Journalist*innen. Gleichzeitig schrumpften die verfügbaren Fördermittel: Internationale Gelder wurden für kleine lokale Redaktionen schwerer zugänglich.
Ihre Redaktion ist immer wieder Ziel politischer Angriffe und Drohungen. Wie schützen Sie sich – professionell, rechtlich und persönlich?
Wir verfolgen sehr genau alle Entwicklungen, Trends und Risiken, die die Sicherheit von Journalist*innen oder der Redaktion betreffen. Wir nutzen jede verfügbare Maßnahme – von erhöhter Vorsicht und physischen Sicherheitsprotokollen bis zu Cybersicherheitsstrategien. Wir haben keinerlei institutionellen Schutz und arbeiten im Grunde wie eine Guerilla-Redaktion in einer Krisenzone: mit Kreativität, Vorsicht und unserer eigenen Widerstandskraft.
Die Öffentlichkeit ist unser sichtbarster Schutz, und unser unsichtbarer ist ehrenamtlicher IT-Support von Menschen, die unsere Werte teilen und uns technisch unterstützen. Ich bin beiden zutiefst dankbar – ohne sie hätte unser Medium nicht überlebt.
Juristische Unterstützung erhielten wir von Anwält*innen des Unabhängigen Journalistenverbands Serbiens. Als Meta zu Unrecht unsere Inhalte gelöscht hat, bekamen wir zudem wertvolle Unterstützung von Access Now – dank ihrer Hilfe wurde unsere Arbeit nach langem Hin und Her wiederhergestellt.
Wie reagieren lokale Behörden und Politiker*innen auf kritische Berichterstattung?
In der Regel mit Repression oder Ignoranz. Das beste Beispiel für die Haltung der Behörden ereignete sich nach der Veröffentlichung der Rangliste von RSF 2025. Kosovo fiel um 24 Plätze – auf den letzten Platz der Balkan-Region – was eine Welle von Reaktionen auslöste. Während Medienorganisationen die Regierung und speziell die Partei Vetëvendosje für den Niedergang verantwortlich machten, reagierten Regierungsvertreter*innen mit Angriffen auf die Medien. Regierungssprecher Përparim Kryeziu wies den RSF-Bericht als „kaum mit der Realität vereinbar“ zurück und behauptete, die Medienfreiheit in Kosovo sei „unbestreitbar“. Die Angriffe waren so heftig, dass Safe Journalists und die Europäische Journalistenföderation die Kampagnen gegen Medien und Journalist*innen verurteilten und warnten, sie seien gefährlich und diffamierend.
Desinformation und politisch motivierte Narrative sind ein wachsendes Problem in der gesamten Region. Wie schwierig ist es, im digitalen Raum gegen Fake News und Propaganda anzukämpfen?
Außerordentlich schwierig. Die Bedingungen für unabhängige Medien haben sich massiv verschlechtert: Der digitale Raum hat sich vervielfacht – Informationen verbreiten sich heute über eine Vielzahl von Kanälen wie soziale Netzwerke, Messenger-Gruppen, anonyme Websites oder algorithmisch gesteuerte Empfehlungsfeeds. Gleichzeitig leben wir in einer Ära der Lüge, der Post-Truth-Politik und einer zunehmend auf den Kopf gestellten Realität. Propaganda nimmt stark zu. Dazu kommt, dass die Kontrolle über Medien – insbesondere durch autoritär regierte Staaten oder politische Akteur*innen mit Machtanspruch – in der gesamten Region wächst. Journalist*innen werden eingeschüchtert oder ökonomisch ausgehungert.
Und obwohl jüngere Generationen früher in die digitale Welt eintreten, ist ihre Medienkompetenz – die Fähigkeit, irreführende oder böswillige Inhalte zu erkennen – noch lange nicht ausreichend.
Viele junge Journalist*innen verlassen den Beruf oder wechseln in die PR. Welche Zukunft sehen Sie für unabhängigen Journalismus in Kosovo – und was müsste sich ändern, damit er überleben kann?
Junge Serb*innen aus Kosovo gehen meist in serbische Städte, vor allem nach Belgrad, oder ins Ausland. Junge Albaner*innen ziehen nach Prishtina oder verlassen das Land. Professioneller unabhängiger Journalismus befindet sich weltweit in einer schwierigen Lage, und kleine unabhängige Redaktionen sind besonders gefährdet.
Die zentralen Probleme sind unterbesetzte Redaktionen und eine drastisch erhöhte Arbeitsbelastung. Es ist fast unmöglich, junge Serb*innen aus dem Norden für die Arbeit in einer unabhängigen Redaktion zu gewinnen. Gründe dafür sind vielfältig: Der sogenannte Brain Drain, allgemeine Emigration und die geschwächten Ressourcen derjenigen, die geblieben sind. Hinzu kommt, dass der serbische Staat der größte Arbeitgeber der Serb*innen in Kosovo ist – mit deutlich höheren Gehältern und geringeren Erwartungen an die Leistung ihrer Mitarbeitenden.
Für das Überleben des Journalismus sind finanzielle Nachhaltigkeit, Schutz der Journalist*innen und eine echte Demokratisierung der Gesellschaft unerlässlich.
Sie arbeiten seit Jahren unter enormem Druck. Was motiviert Sie, trotzdem weiterzumachen?
Der Glaube daran, dass meine Arbeit dem öffentlichen Interesse dient – dass ich für Wahrheit arbeite und gegen Täuschung, Verschleierung und politische Manipulation. Aber ich gebe zu: In einer Zeit, in der Falschinformationen überhandnehmen, Fakten verdreht werden und ein regelrechter Propaganda-Sturm auf uns einwirkt, wird es immer schwieriger, diese Motivation täglich aufs Neue zu finden.
Wenn Sie der internationalen Gemeinschaft oder der EU eine einzige Botschaft zur Pressefreiheit im Kosovo senden könnten, welche wäre das?
Schützt die kleinen, unabhängigen Medien. Für alle kleinen Redaktionen brechen harte Zeiten an – besonders für diejenigen, die in Minderheitensprachen arbeiten. Diese Medien tragen entscheidend zur demokratischen Vielfalt bei und brauchen jetzt dringend Rückhalt und Schutz.
