In den vergangenen Jahren hat sich die Pressefreiheit in Georgien drastisch verschlechtert – die Angriffe auf Medien gipfelten in einem zweijährigen Hafturteil für die unabhängige Journalistin Mzia Amaghlobeli aufgrund unbegründeter Anschuldigungen im Januar 2025. Im März 2026 verabschiedete die georgische Regierung ein Gesetz, das jede Form ausländischer Unterstützung, die nicht bei den Behörden registriert sind, kriminalisiert und damit unabhängige Medien noch stärker belastet.
RSF sprach mit Irma Dimitradze, Journalistin bei Batumelebi und Netgazeti sowie Vertreterin von Mzia Amaghlobeli, über den Druck auf unabhängige Journalist*innen und die Resilienz der georgischen Medienlandschaft.
Irma, Sie sind seit fast zehn Jahren als Journalistin tätig und kennen daher die Medienlandschaft Georgiens sehr gut. Auf der Rangliste der Pressefreiheit lag Georgien 2022 noch auf Platz 77. Im Ranking von 2025 liegt das Land auf Platz 114 und ist damit um fast 40 Ränge abgestiegen. Was hat sich Ihrer persönlichen Erfahrung nach in den letzten Jahren verändert?
Aus meiner Sicht ist der Rückschritt noch dramatischer, als es die Rangliste vermuten lässt. Die ersten Anzeichen dafür gab es 2023, als die Regierung erstmals ihre Initiative zum sogenannten „russischen Gesetz” vorstellte – ein Gesetz über sogenannte „ausländische Agenten“, das sich an der russischen Gesetzgebung orientiert. Das war ein deutliches Signal, dass die Unabhängigkeit der Medien angegriffen wird.
Dennoch gibt es viele unabhängige Online-Medien und starke regionale Medien. Als sich die Regierung von demokratischen Prinzipien ab- und und autoritären Strukturen zuwandte, wurden die Medien zu etwas, das zerstört werden musste.
Mzia Amaghlobelis Verhaftung hat internationale Aufmerksamkeit erregt. Was bedeutet ihr Fall für Journalist*innen in Georgien?
Mzias Festnahme war der Höhepunkt des zunehmenden Drucks auf die Medien. Mzia wurde viel von einfachen Menschen unterstützt, weil sie nahbar ist: eine Person, die ihr ganzes Leben lang still gearbeitet und Menschen unterstützt hat.
Wenn die Menschen dich kennen, das Regime es aber trotzdem wagt, dich zu verfolgen, bedeutet das, dass sehr viel auf dem Spiel steht: Sie wollen wirklich deutlich machen, dass sie jeden verfolgen können. Sie hoffen, dass das alle Journalist*innen einschüchtert – dass sie aufgeben oder sogar ins Exil gehen.
Wie ist Mzias Situation derzeit?
Man darf nicht vergessen, dass Mzia nicht nur unrechtmäßig inhaftiert wurde, sondern auch unmenschlicher Behandlung ausgesetzt war. Nach ihrer Verhaftung trat sie 38 Tage lang in den Hungerstreik, was schwerwiegende Folgen für ihre Gesundheit hatte. Während der Haft verlor sie fast ihr gesamtes Augenlicht. Auf einem Auge hat sie jetzt nur noch etwa zehn Prozent Sehkraft, auf dem anderen kann sie nur noch Licht wahrnehmen, und das ist unumkehrbar. Ärzte versuchen nun, ihren Zustand zu stabilisieren. Aber jeder Tag im Gefängnis verschlimmert den Zustand.
Trotz allem ist das Schockierende für mich, dass sie nicht depressiv ist. Wenn sie aus dem Gefängnis anruft, versucht sie, uns Mut zu machen. Sie ruft einmal pro Woche an, spricht normalerweise mit unserer Chefredakteurin und Mitgründerin Eter Turadze, und manchmal bin ich dabei. Anscheinend könnte sie öfter anrufen, aber sie hat sich einen strengen Zeitplan auferlegt, um sich das Leben im Gefängnis zu erleichtern. Ich habe sogar gescherzt, dass das sehr deutsch von ihr sei, diese Pünktlichkeit.[SK1]
Was macht Ihnen Sorgen?
Was mich am meisten beunruhigt, ist, dass sie im Gefängnis bleibt. Technisch gesehen kann die Gefängnisverwaltung nach Verbüßung der Hälfte einer kurzen Haftstrafe eine Empfehlung für eine vorzeitige Entlassung aussprechen. Mzia ist allein in ihrer Gefängniszelle. Sie geht nicht spazieren, weil sie befürchtet, dass jemand dies ausnutzen könnte, um einen Streit anzuzetteln und weitere Strafen zu provozieren. Eigentlich gibt es also keinen Grund, eine vorzeitige Entlassung abzulehnen. Aber sie haben es abgelehnt.
Sie arbeiten für Batumelebi und Netgazeti, die von Mzia Amaghlobeli gegründet wurden. Warum sind diese Medien in Georgien wichtig?
Propaganda versucht, die Menschen zu verwirren, damit sie niemandem mehr vertrauen. Die kleinen unabhängigen Medien sind dabei ein besonderes Problem, weil sie sich als vertrauenswürdige Quellen etabliert haben. Diese Medien berichten über die alltäglichen Probleme einer normalen Lehrerin, von Reinigungspersonal oder Busfahrern, die keine Pausen haben und niedrige Gehälter beziehen. Die Menschen kennen diese Journalist*innen – sie sind nicht irgendjemand weit entfernt aus dem Fernsehen.
Wir sind sehr stark in den lokalen Gemeinschaften verwurzelt, gehen von Dorf zu Dorf. Und deshalb hat die Regierung uns angegriffen: Weil wir vertrauenswürdig sind und zwischen der Öffentlichkeit und dem Autoritarismus stehen.[SK2]
Welchen Druck erleben Journalist*innen heute?
Die Behörden griffen erst mit Gesetzen an, die darauf abzielten, unabhängigen Journalismus finanziell zu ersticken. Dann folgten physische Angriffe auf Journalist*innen, um sie einzuschüchtern. Es gibt Verleumdungskampagnen, Trolle und Bots in den sozialen Medien, die Journalist*innen als Verräter oder Agenten bezeichnen und Lügen über ihr Privatleben verbreiten.
All das soll eine abschreckende Wirkung haben und Journalist*innen aus ihrem Beruf vertreiben. Und Neulinge sollen eingeschüchtert werden – niemand will einen solchen Job.
Was gibt Ihnen trotz der schwierigen Situation Hoffnung für die Zukunft des Journalismus in Georgien?
Viele Jahre lang haben wir versucht, uns mit anderen Medien zusammenzuschließen, und das war nahezu unmöglich. [SK3] Aber über Nacht, als Mzia verhaftet wurde, waren wir uns alle einig. Viele Journalist*innen, die darüber nachgedacht hatten, das Land oder den Beruf zu verlassen, bleiben jetzt wegen Mzia, wegen des Widerstands und der Resilienz, die sie gezeigt hat. Man fühlt sich verantwortlich, wenn eine Kollegin diesen Kampf führt, wenn sie ihre Freiheit und ihre Gesundheit für diesen Kampf opfert. So hat etwas, das eigentlich darauf abzielte, die Mediengemeinschaft zu spalten, sie letztlich vereint – eine Gemeinschaft, die zuvor nie vereint war.
Die Lage bleibt angespannt. Ich weiß nicht, wie wir überleben werden, ich weiß nicht, wie lange ich noch in Freiheit sein werde. Ich habe beschlossen, mein Leben ganz normal weiterzuführen, ich will nicht in Angst leben. Denn je mehr Raum wir aufgeben, desto mehr nehmen die autoritären Kräfte ein. Jetzt führen sie dieses Gesetz ein, das darauf abzielt, alle Schlupflöcher zu schließen. Dennoch gibt es in Georgien immer noch unglaublich mutige Journalist*innen, die weiterhin offen sprechen, selbst wenn sie damit ein großes persönliches Risiko eingehen.
