Trotz der teilweisen Öffnung des Grenzübergangs Rafah zwischen dem Gazastreifen und Ägypten am 1. Februar leben Journalist*innen in Gaza weiterhin in permanenter Gefahr. Denn unter der israelischen Blockade werden ihnen Ressourcen, Bewegungsfreiheit und eine funktionierende Infrastruktur vorenthalten. Reporter ohne Grenzen (RSF) fordert die israelische Regierung auf, die Blockade unverzüglich aufzuheben und erklärt am Beispiel von Reporter*innen vor Ort, mit welchen Widrigkeiten ihr Arbeitsalltag verbunden ist.
„Seit fast vier Monaten gilt eine brüchige Waffenruhe, doch die Bedingungen für Journalist*innen in Gaza bleiben extrem. Sie sind noch immer akut in Gefahr, kämpfen mit zerstörter Infrastruktur und fehlenden Ressourcen”, sagt RSF-Nahostreferent Christopher Resch. „Dennoch berichten sie weiter. Wir fordern ein Ende der Blockade sowie freien Zugang für internationale Medien, damit die erschöpften Kolleg*innen vor Ort endlich entlastet werden können.“
Vier Perspektiven auf den Alltag von Journalist*innen in Gaza:
1. Erschöpfung: Nach mehr als zwei Jahren Berichterstattung unter extremen Bedingungen sitzen Medienschaffende westlich der „gelben Linie“ fest. Diese Linie markiert das Gebiet, aus dem sich die israelische Armee seit dem Waffenstillstand zurückgezogen hat; sie teilt den Gazastreifen in einen östlichen und einen westlichen Teil. Internationale Journalist*innen können aufgrund des von der israelischen Regierung verhängten Verbots nicht zu ihnen stoßen und sie unterstützen.
2. Gefahr: Im Januar 2026 wurden drei weitere Journalisten von einer israelischen Drohne ins Visier genommen und getötet. Trotz eines offiziellen Waffenstillstands greift die israelische Armee weiterhin die Bevölkerung in der Nähe der „gelben Linie“ an und tötet auch in Gebieten, die für die Zivilbevölkerung vorgesehen sind.
3. Zerstörung: Da ihre Häuser zerstört sind, leben die Journalist*innen in Zelten und in durch Bombardierungen beschädigten Wohnungen. Es mangelt ihnen an Kameras, Stativen, Batterien, Telefonen, Ladegeräten und angemessener Sicherheitsausrüstung. Die Kommunikationsinfrastruktur ist schwer beschädigt, und der Zugang zu Strom und Internet ist instabil, langsam und teuer.
4. Große finanzielle Probleme: Reporter*innen arbeiten unter instabilen Bedingungen, oft ohne langfristigen Vertrag und seit dem Waffenstillstand mit weniger Aufträgen. Ihre Situation wird durch die grassierende Inflation in dem abgeschotteten Gebiet noch verschärft: Ein Liter Kraftstoff kostete 2023 sieben Schekel (etwa zwei Euro), heute kostet er fast 75 Schekel (fast 20 Euro).
„Von der Welt vergessen“
Vor der Waffenruhe in Gaza berichtete Nur Swirki sechs- oder siebenmal täglich live für den ägyptischen Sender Al Sharq TV. Heute, fast vier Monate nach Inkrafttreten der offiziellen Waffenruhe zwischen Israel und der Hamas, werden ihre Beiträge nur noch ein- bis zweimal am Tag ausgestrahlt. Die Journalistin, die 2025 für den RSF Press Freedom Award in der Kategorie „Mut“ nominiert war, musste im April 2024 eine unmögliche Entscheidung treffen: Sie ließ ihre beiden Kinder aus Gaza evakuieren – blieb aber selbst zurück, um weiter zu berichten.
„2026 sind wir nicht mehr die Hauptnachricht“, sagt sie resigniert. Zwar habe der geringere Aktualitätsdruck ihr Zeit zur Erholung gegeben, doch die Leere sei schwer zu ertragen. „Wir haben endlich Zeit zu trauern. Uns wird bewusst, was wir verloren haben – all unsere Kolleg*innen, die getötet wurden. Und gleichzeitig haben wir das Gefühl, dass die Welt uns vergessen hat.“
Ihr Kollege Anas Baba, seit 2019 offizieller Korrespondent des US-Radiosenders National Public Radio (NPR), bestätigt das: „Internationale und regionale Medien haben das Interesse an Gaza weitgehend verloren“, sagte der 32-Jährige gegenüber RSF. „Freie Journalist*innen, die weiter [aus dem Gazastreifen] berichten, arbeiten ohne Verträge, ohne Stabilität und ohne Schutz.“
Anhaltende Bedrohung trotz Waffenruhe
Und doch bleibt die Gefahr allgegenwärtig. Am 21. Januar 2026 wurden drei Kollegen von Nur Swirki bei Al Sharq TV – Mohammed Salah Kaschta, Anas Ghanem und Abdul Raouf Shaath, ebenfalls freie Mitarbeiter von Agence France-Presse (AFP) – durch eine israelische Drohne gezielt getötet. Mehr als 220 Journalist*innen wurden bei Angriffen der israelischen Armee in Gaza getötet, darunter nach RSF-Recherchen mindestens 68, die gezielt oder im Zusammenhang mit ihrer Arbeit getötet wurden.
„Ihr Tod hat uns wie gelähmt zurückgelassen“, sagt Nur Swirki. „Wir sind alle Zielscheiben, jederzeit verwundbar, und kein Ort ist sicher.“ Seit der Waffenruhe ist die Zivilbevölkerung Gazas – einschließlich Journalist*innen – in ihrem Aufenthalt auf die Region westlich einer durch die israelische Armee definierten „gelben Linie“ beschränkt. Diese wird rund um die Uhr überwacht. Fast die Hälfte des östlich gelegenen Gebiets ist für die Presse vollständig unzugänglich. Doch auch Journalist*innen westlich dieser Linie können laut Berichten ohne Vorwarnung getötet werden, wenn sie von der israelischen Armee als „verdächtig“ eingestuft werden.
„Die Armee jagt und tötet weiterhin Journalist*innen in Gaza“, sagt Thaer al-Mustafa, unabhängiger Journalist und Mitarbeiter der britischen Tageszeitung The Guardian. „Wir brauchen Schutz.“
Zerstörte Infrastruktur und anhaltende Blockade
Evakuierungen aus Gaza sind selten, Hilfslieferungen begrenzt. Journalist*innen bleiben von der Außenwelt abgeschnitten und verfügen weder über funktionierende Ausrüstung noch über Schutzkleidung oder ausreichenden Zugang zu Strom, Treibstoff und Internet. „Internet ist nicht überall verfügbar und extrem teuer – manchmal zehnmal so teuer wie sonst. Das gilt auch für das Aufladen von Handys, die Suche nach einem Auto oder den Kauf von Treibstoff“, erklärt Nur Swirki.
Viele Journalist*innen haben ihre Wohnungen durch Bombardierungen verloren. Einige konnten provisorische Unterkünfte mieten, andere leben und arbeiten weiterhin in Zelten oder in der Nähe von Krankenhäusern. Unter diesen Bedingungen sei „journalistische Arbeit zu einem Kampf ums Überleben geworden – nicht nur zu einem Beruf“, fasst Anas Baba zusammen.
Auf der anderen Seite der Grenze, in Israel, halten die Behörden weiterhin an ihrem Verbot fest, ausländische Medien nach Gaza einreisen zu lassen. Daran hat bislang weder der internationale Druck noch die jüngste Anhörung vor dem israelischen Obersten Gerichtshof, an der RSF als amicus curiae beteiligt war, etwas geändert.
„Wir brauchen die Unterstützung unserer Kolleg*innen“, sagt Nur Swirki. „Nicht, weil wir unfähig wären – sondern weil wir erschöpft sind und uns bestimmte investigative Fähigkeiten, Werkzeuge und Expertisen fehlen, die sie einbringen könnten.“
Auf der Rangliste der Pressefreiheit stehen die Palästinensischen Gebiete auf Rang 163 von 180. Israel steht auf Rang 112.
Mehr zur Situation von Journalist*innen im Gazastreifen
