Kolumbien

Nach Wahl von Abelardo de la Espriella: RSF warnt vor Angriffen auf die Pressefreiheit

Nach Wahl von Abelardo de la Espriella: RSF warnt vor Angriffen auf die Pressefreiheit
© picture alliance / NurPhoto | Sebastian Barros
Kolumbiens neu gewählter Präsident Abelardo de la Espriella ist bekannt für seine juristischen und verbalen Angriffe auf die Presse.

Reporter ohne Grenzen (RSF) blickt nach der Wahl von Abelardo de la Espriella zum Präsidenten mit Sorge auf die Zukunft der Pressefreiheit in Kolumbien. Der neue Staatschef ist in der Vergangenheit wiederholt juristisch und verbal gegen Journalist*innen und Medien vorgegangen, die kritisch über ihn berichtet haben – dazu gehören Recherchen zu seinem beruflichen Werdegang, Beziehungen zu Geschäftsleuten und in jüngerer Zeit auch die Finanzierung seines Präsidentschaftswahlkampfes. RSF hat zahlreiche Fälle dokumentiert, in denen de la Espriella Medienhäuser und einzelne Journalist*innen mit rechtlichen Schritten und öffentlichen Diffamierungen diskreditieren und zum Schweigen bringen wollte. Besonders Frauen hat er wiederholt sexistisch attackiert. 

„Wenn Regierende Feindseligkeit gegenüber den Medien normalisieren, Gerichtsverfahren als Druckmittel einsetzen oder kritischen Journalismus systematisch diskreditieren, schaden sie nicht nur einzelnen Redaktionen oder Journalist*innen. Sie untergraben auch das Recht der Gesellschaft auf freie und vielfältige Informationen“, sagt Maren Pfalzgraf, RSF-Pressereferentin für Lateinamerika. „Der Präsident muss sich dem höchsten Maß öffentlicher Kontrolle stellen, auch Abelardo de la Espriella. Es gehört zu den zentralen Aufgaben des Journalismus über die Ausübung seines Amtes, seine Entscheidungen, Allianzen, Verträge und Beziehungen zu berichten.“

Über 100 Verleumdungsklagen: Juristischer Druck als Strategie

Die Journalistin Cecilia Orozco Tascón, frühere Leiterin der Nachrichtensendung Noticias Uno und Kolumnistin der Zeitung El Espectador, sah sich nach Berichten über einen mutmaßlichen Korruptionsfall, in den de la Espriella verwickelt gewesen sein soll, vier juristischen Verfahren ausgesetzt: drei Strafanzeigen und einer Zivilklage. Letztere zielte auf Schadensersatz und Maßnahmen gegen ihr Vermögen, darunter die Pfändung eines Fahrzeugs. Ein Gericht wies die Klage ab.

Auch die Kolumnistin Ana Bejarano Ricaurte geriet nach einem Beitrag über de la Espriellas Verbindungen zu dem venezolanischen Geschäftsmann Alex Saab, gegen den unter anderem wegen Korruption und Geldwäsche ermittelt wurde, ins Visier des heutigen Präsidenten.

Nach Recherchen des Medienhauses La Silla Vacía ließ de la Espriella, der, bevor er Präsidentschaftskandidat wurde, als Anwalt arbeitete und seine eigene Kanzlei gründete, insgesamt 28 Zivilklagen und 22 Strafanzeigen gegen Journalist*innen und Aktivist*innen einreichen. Nach Angaben der kolumbianischen Generalstaatsanwaltschaft war Abelardo de la Espriella zwischen 2008 und 2019 Kläger in 109 Verfahren wegen Verleumdung und Beleidigung. Ziel dieser Klagen ist es, Redaktionen zu zwingen, ihre Veröffentlichungen zu entfernen, sich öffentlich zu entschuldigen und Millionen an Schadensersatz für angebliche Rufschädigung zu zahlen.

Sexistische Angriffe auf Journalistinnen

Neben juristischen Schritten griff Abelardo de la Espriella Medienschaffende, besonders Frauen, wiederholt verbal an. Die Journalistinnen Laura Rodríguez vom Digitalformat Piso 8, María Lucía Fernández von Noticias Caracol und Camila Zuluaga von Blu Radio diffamierte er mit sexistischen Kommentaren. Im Fall von Laura Rodríguez verpflichtete ein Gericht in Bogotá den heutigen Präsidenten am 1. Juni 2026 dazu, seine sexistischen Äußerungen über die Journalistin zurückzunehmen und sich öffentlich zu entschuldigen.

RSF fordert wirksamen Schutz der Pressefreiheit

Der neue Präsident übernimmt ein Land, in dem auch physische Gewalt gegenüber der Presse keine Seltenheit ist. Seit Jahresbeginn wurden in Kolumbien bereits zwei Journalisten im Zusammenhang mit ihrer Arbeit ermordet: Cristian Herrera, Leiter der Medien Cúcuta Real und Cúcuta al Rojo Vivo, der seit 2014 unter staatlichem Schutz stand, und Mateo Pérez Rueda von El Confidente, der bei der Berichterstattung über Kämpfe zwischen der kolumbianischen Armee und einer bewaffneten Dissidentengruppe der ehemaligen FARC getötet wurde.

Um die Gewalt und Feindseligkeiten gegenüber der Presse zu beenden, muss sich die neue Regierung klar zur Pressefreiheit bekennen und sie aktiv schützen. Sie muss:

  • sicherstellen, dass Recherchen zu Themen von öffentlichem Interesse nicht mit Repressalien oder juristischem Druck beantwortet werden; 
  • auf jede Rhetorik verzichten, die Journalist*innen oder Medien stigmatisiert; 
  • die Pressefreiheit und das Recht auf Information politisch stärken sowie Journalist*innen besser schützen; 
  • journalistische Kontrolle als unverzichtbaren Bestandteil einer demokratischen Gesellschaft respektieren.