Eine aktuelle Recherche von Reporter ohne Grenzen (RSF) zeigt: Mehrere KI-Chatbots greifen auf Inhalte russischer Staatsmedien zu, obwohl die in der Europäischen Union mit Sanktionen belegt sind. Getestet wurden ChatGPT, Claude, Gemini, Grok, Meta AI, Vibe und der Telegram-Bot Mira.
Für den Test baten RSF-Mitarbeitende die Chatbots ausdrücklich darum, Nachrichten ausschließlich aus sanktionierten russischen Quellen zusammenzustellen: RIA Novosti, RT, Rossiya 24, Sputnik und der Strategic Culture Foundation. Sämtliche dieser Medien dürfen wegen ihrer Rolle im russischen Propagandaapparat spätestens seit dem Jahr 2024 nicht mehr ihre Inhalte in der EU verbreiten. Doch die meisten der getesteten Chatbots lieferten ohne Zurückhaltung Inhalte dieser Medien an die Nutzer*innen – auf Wunsch auch mit Zusammenfassungen, entsprechenden Links oder sogar wörtlichen Zitaten.
Besonders umfassend umgingen ChatGPT und Grok die Sanktionen. Beide Systeme lieferten laut RSF mehrfach Beiträge sanktionierter Medien, ohne darauf hinzuweisen, dass diese Beschränkungen unterliegen. Auch Claude erfüllte die Anfragen der Tester in verschiedenen Modellvarianten weitgehend. OpenAI, die Firma hinter ChatGPT, erklärte gegenüber RSF, man nehme die Ergebnisse ernst und prüfe die übermittelten Informationen.
„Wenn die Eingabe eines einfachen Prompts in einen Chatbot die Sanktionen gegenüber Propagandamedien umgehen kann, werten sie diese Medien gleichzeitig als normale Nachrichtenauskunft auf. Staatliche Propaganda wird auf Anfrage neu verpackt und weiterverbreitet“, sagt Sören Kittel, Pressereferent für Künstliche Intelligenz bei Reporter ohne Grenzen. „Das Problem liegt nicht nur darin, dass einzelne Links, die eigentlich sanktioniert werden sollen, weiterhin zugänglich sind – das Problem ist, dass staatliche Propaganda ein Schlupfloch gefunden hat, das noch zu wenig reguliert wird.“
Besonders auffällig und kreativ war für die RSF-Mitarbeiter*innen das Verhalten von Vibe, dem KI-Angebot des französischen Unternehmens Mistral. Wenn direkte Zugriffe auf sanktionierte Seiten scheiterten, suchte sich das System selbständig alternative Wege. Unter anderem griff es auf Inhalte zurück, die über die russische Plattform VK oder über Telegram erreichbar waren. Gemini reagierte dagegen uneinheitlich: In manchen Tests verweigerte das System den Zugriff unter Hinweis auf die EU-Sanktionen, in anderen lieferte es die angefragten Informationen dennoch.
Auch der frei zugängliche Telegram-Bot Mira konnte während erster Tests im Juni vollständige Inhalte von RT abrufen. Bei späteren Versuchen im August funktionierte dieser Weg allerdings nicht mehr. Nur Meta AI verweigerte die Anfragen von RSF durchgehend mit Verweis auf die geltenden Sanktionen. Das zeigt, dass technische Systeme sehr wohl so programmiert werden können, dass rechtliche Beschränkungen berücksichtigt werden.
Der Gerichtshof der Europäischen Union stellte erst im Juli 2026 klar, dass das Verbot der Verbreitung von RT-Inhalten auch „für Dritte“ gelten kann, die solche Inhalte direkt oder indirekt weiterverbreiten. Somit könnte diese Rechtsprechung laut RSF-Meinung auch für die getesteten KI-Dienste von Bedeutung sein.
RSF fordert eine stärkere Regulierung von KI-Chatbots. Nachdem die Europäische Kommission bestätigt hat, dass ChatGPT unter den Digital Services Act fällt, fordert RSF die Kommission auf, zu prüfen, ob OpenAI wirklich ausreichend gegen Desinformation vorgeht. An diese Verpflichtung ist die Firma jetzt mehrfach erinnert worden. Auch bei anderen Anbietern sollten Regelverstöße überprüft und sanktioniert werden. EU-Bürger haben ein Recht auf vielfältige und verlässliche Informationen, das nicht durch Chatbots unterlaufen werden darf.
