von Jonathan Dagher, Leiter des Nahostreferats im internationalen Sekretariat von RSF in Paris
Es war eine schmerzhafte Entscheidung, aber sie sah keine Alternative: Im April 2024 ließ Nur Swirki ihre beiden Kinder aus Gaza evakuieren. Sie selbst blieb zurück, um weiter zu berichten. Auch nach dem Waffenstillstand arbeitet sie in der von Bomben zerstörten Stadt Gaza. RSF hat die Journalistin Ende 2025 für den RSF Press Freedom Award in der Kategorie „Mut“ nominiert.
Nachdem Nur Swirkis Eltern Gaza verlassen hatten, blieben ihre Kinder häufig allein, wenn sie und ihr Mann Salem al-Rayes journalistisch unterwegs waren. Al-Rayes arbeitet für die Nachrichtenseiten Al-Madschalla und Al-Manassa. Gemeinsam trafen sie eine herzzerreißende Entscheidung: Am 20. April 2024 verließen ihre Kinder Alaa und Jamal Gaza ohne Begleitung und machten sich auf den Weg nach Kairo. Für Nur war dies „die schwierigste Entscheidung“ ihres Lebens.
„Ich hätte nicht gedacht, dass wir so lange getrennt sein würden”, sagte sie gegenüber RSF. Die Frage, warum sie nicht mit ihnen gegangen sei, erscheint ihr fast absurd: „Ich liebe meinen Job, ich liebe Gaza. Ich musste bleiben.”
Bevor sie Kriegsreporterin wurde, arbeitete Nur Swirki als Freiberuflerin für Printmedien und in der Kommunikation für humanitäre und feministische Organisationen. Sie hat einen Master-Abschluss in Journalismus von der Islamischen Universität Gaza. Sie beschreibt ein friedliches Leben vor dem Krieg – morgendliche Spaziergänge am Strand, die Kinder zum Tanzunterricht bringen, tagsüber arbeiten. Dann änderte sich alles. Auf Facebook postete sie Ausschnitte aus ihrem Alltag. „Die Bombardierungen haben sich verstärkt“, schrieb sie am 10. Oktober 2023. „Der Lärm war erschreckend; Splitter flogen durch die offenen Fenster ins Haus.“
Sie wurde Korrespondentin für den ägyptischen Fernsehsender Al-Sharq. Als sie ihre Kinder zum ersten Mal mit zu einem Auftrag nahm, schlug eine Rakete direkt in ihrer Nähe ein. Beim zweiten Mal gerieten sie in eine Schießerei zwischen Banden, während Lebensmittelhilfe verteilt wurde. Da beschloss sie, ihre Kinder zu evakuieren. Seit dem 7. Oktober 2023 haben israelische Streitkräfte mehr als 220 ihrer Kolleg*innen getötet, darunter auch ihre Freundin Mariam Abu Daqqa: „Auch sie hatte ihren Sohn evakuiert. Wir mussten eine schwierige Entscheidung treffen: unsere Kinder vor unserem Beruf zu schützen, indem wir uns von ihnen trennten.“
Sie verurteilt die israelische Propaganda, die sich gegen Journalisten in Gaza richtet: „Sie stellen uns als Lügner*innen dar, zum Beispiel in Bezug auf die Hungersnot. Ich habe die Hungersnot erlebt und darüber berichtet!“ Sie ist sich sicher: Nur durch die Berichterstattung aus Gaza und den daraus folgenden öffentlichen Druck wurden wieder Lebensmittel in den Gazastreifen geliefert. „Unser Journalismus hat Leben gerettet, und darauf bin ich sehr stolz.“
Dieser Artikel wurde ursprünglich im März 2026 auf Französisch im RSF-Fotoalbum „100 Fotos für die Pressefreiheit“ veröffentlicht.
