Inhaftiert, gefoltert und isoliert: Seit bald fünf Jahren sitzt Huang Xueqin (Sophia Huang) in China im Gefängnis. Die Investigativjournalistin hatte über geschlechtsspezifische Gewalt und Menschenrechtsverletzungen berichtet und vielen Betroffenen eine Stimme gegeben. Dafür ließen die Behörden sie zu menschenunwürdigen Bedingungen einsperren, die ihrer Gesundheit schwer geschadet haben. Da der Termin ihrer Entlassung näher rückt, fordert Reporter ohne Grenzen (RSF) die internationale diplomatische Gemeinschaft dringend auf, sich für ihre vollständige Freiheit einzusetzen. Denn auch nach der Entlassung werden ihr die Behörden grundlegende Rechte vorenthalten und sie streng überwachen.
Die heute 37-Jährige begann ihre Karriere bei der staatlichen Presseagentur China News Service. Um der staatlichen Zensur zu entgehen, wechselte sie 2015 als investigative Reporterin zur Southern Metropolis Weekly. Reporter*innen dieser Regionalzeitung aus der Provinz Guangzhou deckten in der Vergangenheit mehrere politische und gesellschaftliche Skandale auf.
„Für Sophia war Journalismus nie nur ein Beruf – er war eng mit ihrem Pflichtgefühl gegenüber den Menschen verbunden, deren Geschichten sie erzählte“, erinnert sich eine gute Freundin gegenüber RSF. Im Jahr 2018 versammelte ihr Bericht zu sexueller Belästigung von Journalistinnen am Arbeitsplatz viele Aussagen und Daten zu geschlechtsspezifischer Gewalt in der Medienbranche. Ihre anschließende Berichterstattung über die sexuelle Belästigung einer Studentin veranlasste das Bildungsministerium, landesweite Reformen einzuleiten. „Sie verbrachte viele Stunden damit, mit Opfern zu sprechen, und brachte sie in Gemeinschaftsräume – Lesegruppen, Veranstaltungen –, damit sie Unterstützung und Solidarität finden konnten“, sagt ihre Freundin.
Brutale Verhörmethoden
Die Journalistin saß bereits 2019 für drei Monate im Gefängnis. Die Behörden warfen ihr damals vor, einen „Streit angefangen und Ärger provoziert zu haben“ – ein häufig gegen Medienschaffende genutzter schwammiger Vorwurf des Regimes. Sie hatte zuvor über die Pro-Demokratie-Proteste in Hongkong berichtet.
Im September 2021 wurde sie von der Polizei in Guangzhou unter dem Vorwurf der „Anstiftung zur Untergrabung der Staatsgewalt“ erneut festgenommen, zusammen mit ihrem Mitstreiter und Aktivisten Wang Jianbing, der inzwischen aus der Haft entlassen wurde. Seitdem sitzt sie im Gefängnis. Laut ihren Freund*innen haben die Behörden sie brutalen Verhörmethoden unterzogen, etwa Befragungen im „Tigerstuhl“, einem berüchtigten Folterinstrument. Sie musste fünf Monate lang in Einzelhaft verbringen, ohne Zugang zu Anwält*innen. Sie hat stark an Gewicht verloren, menstruiert Berichten zufolge nicht mehr und leidet unter schwerem Kalziummangel, Unterzuckerung (Hypoglykämie) und niedrigem Blutdruck.
Am 14. Juni 2024 wurde sie wegen „Anstiftung zur Untergrabung der Staatsgewalt“ zu fünf Jahren Haft verurteilt. Seitdem halten die Behörden ihre Situation fast völlig geheim. „Sie ist jemand, der von Kommunikation und zwischenmenschlichen Beziehungen lebt“, sagt ihre Freundin. „Wir machen uns große Sorge um ihre Gesundheit.“
Trotz der Misshandlungen bleibt Sophia unerschrocken, so die Freundin. „Sie weigerte sich, sich von der Obrigkeit einschüchtern zu lassen“, und diskutierte mit Staatssicherheitsbeamten über Gerechtigkeit, Freiheit und politische Philosophie.
Auch nach der Haft wird die Unterdrückung weitergehen
Offiziell endet Sophia Huangs Haftzeit am 18. September 2026. Die Tage, die sie vor dem Gerichtsurteil in Haft verbrachte, werden angerechnet. Allerdings entziehen ihr die Behörden für weitere vier Jahre politische Rechte: Sie darf nicht journalistisch tätig sein, darf weder im In- noch im Ausland reisen und wird von den Behörden überwacht. „Für Menschen wie Sophia bedeutet das Verlassen des Gefängnisses nicht, die Freiheit wiederzuerlangen“, erklärt ihre Freundin. „Oft bedeutet es nur den Wechsel von einem kleinen Gefängnis in ein größeres.“
Der chinesische Staatschef Xi Jinping geht seit seiner Machtübernahme im Jahr 2012 systematisch gegen den Journalismus vor, sowohl innerhalb als auch außerhalb der Landesgrenzen. Der RSF-Bericht „Journalismus in China: Der große Sprung zurück“ beschreibt die Repression ausführlich. Zudem beobachtet RSF mit dem Propaganda Monitor die Bemühungen des Regimes, Chinas neue Weltordnung zu verbreiten – und zwar auf der ganzen Welt.
In China sind derzeit 121 Journalist*innen inhaftiert, so viele wie nirgendwo sonst auf der Welt. Auf der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen belegt das Land Rang 178 von 180.
