Am Sonnabend, den 20. Juni, ist Weltflüchtlingstag. Wir nehmen diesen Tag zum Anlass, auf Menschen aufmerksam zu machen, die zwar ihre Heimat verlassen mussten, ihre Stimme jedoch nicht verloren haben: Journalist*innen im Exil. Viele von ihnen berichten weiter über die Entwicklungen in ihren Herkunftsländern, sie recherchieren Missstände, schreiben Reportagen und setzen sich so auch für Menschenrechte ein. Gleichzeitig sind sie Verfolgung ausgesetzt oder fühlen sich im Exil unsicher.
Mit unserer neuen Blogreihe home² geben wir diesen Journalist*innen einmal im Monat Raum für ihre Geschichten. Sie schreiben über ihr Leben zwischen der alten und neuen Heimat, über Sprache, Identität, journalistische Arbeit und die Herausforderungen des Neuanfangs.
Den Auftakt macht die Journalistin und Menschenrechtsaktivistin Shan Sabir. In ihrem Beitrag „Ist meine Freiheit westlich?“ (s.u.) setzt sie sich mit einem Satz aus ihrem deutschen Asylbescheid auseinander – und mit der Frage, warum der Wunsch nach Freiheit und Gleichberechtigung so oft als etwas „Andersartiges“ beschrieben wird. Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre.
Ist meine Freiheit westlich?
Es war ein Montag, als mein Anwalt mir den abschließenden Gerichtsbeschluss zu meinem Asylantrag schickte: eine PDF-Datei, in der mein bisheriges Leben in juristische Sprache übersetzt worden war. Ein Satz blieb hängen und lässt mich seither nicht los: Ich gehöre zu einer „sozialen Gruppe irakischer Frauen mit westlich geprägter Identität“ und werde deshalb als „andersartig“ wahrgenommen.
Für die deutsche Justiz beschreibt dieser Satz eine Schutzkategorie, eine Begründung für meine Sicherheit. Für mich wurde er zu einer Frage, die ich seither nicht mehr loswerde: Bin ich hier sicher, weil ich unabhängig denke? Oder braucht dieses Denken hier einen Namen, damit dieser Schutz mir weiter gewährt wird?
Die Frage war mir nicht neu. Nur hatte dasselbe Wort früher eine andere Bedeutung. In meiner Heimat Irak bedeutete „andersartig“ oder „westlich“ nicht Schutz, sondern Anklage. Wer über Gewalt gegen Frauen schrieb, über das Schweigen, das Männer ihnen zur zweiten Natur machen wollten, hörte: Deine Stimme ist nicht echt, die Sprache ist ausgeliehen. Als könnte eine Frau dort Unrecht nicht in ihrem eigenen Leben erkennen oder beschreiben, wenn sie es selbst erlebt hat.
Offenbar gibt es zwei erlaubte Arten, eine Frau aus meiner Gesellschaft zu sein: die Schweigende und die Verdächtige. Für eine dritte Möglichkeit, dass eine Frau aus eigener Kraft urteilt, fehlt schlicht das Wort.
Andersartig, ein Wort mit zwei Bedeutungen, die sich gegenseitig aufheben und mich als Mensch übersehen.
Die Justiz braucht Kategorien, Gesellschaft braucht sie ebenso, um Menschen einzuordnen, wenn sie Schutz brauchen. Aber ein eingeordneter Mensch hört nicht auf, mehr zu sein als seine Kategorie.
Auch jenseits der Akten begegnet mir dieser blinde Fleck. Bei einem Vortrag in Berlin sollte ich offenbar bestätigen, dass mein Denken erst hier so frei entstanden sei. Als ich stattdessen erzählte, dass meine ersten kritischen Texte längst in den Bibliotheken meiner Heimat gewachsen waren, wurde es still im Saal. In dieser Stille las ich etwas, das auch wie ein Vorwurf klang: Undankbarkeit. Justiz und Gesellschaft erwarten von mir die gleiche bekannte Geschichte.
Das Exil hat nicht mein Denken verändert, sondern meine Sprache. Zu Hause versteckte ich mich hinter Metaphern, hier kann ich Dinge beim Namen nennen, was dort tödlich gewesen wäre. Das ist auf der einen Seite ein Gewinn, es ist aber auch ein Risiko: Exil schafft Abstand zum Geschehen, dieser Abstand kann helfen Probleme zu verstehen – er kann aber auch neue blinde Flecken erzeugen.
Wie es mir damit geht, heute? Das Gefühl von Sicherheit hat meinen Blick klarer gemacht, natürlich, doch ich hätte erwartet, dass ich jetzt schärfer schreiben müsste als je zuvor. Stattdessen schreibe ich ruhiger, fast vorsichtiger, und manchmal vermisse ich genau jene Wachsamkeit, die nur die Gefahr in mir wecken konnte, niemals die Stille, die mich jetzt umgibt. Dankbarkeit und Verlust, habe ich gelernt, schließen einander nicht aus. Sie teilen sich denselben Raum in meinem Kopf.
Mein Stift jedenfalls ist kein Flüchtling. Die Gründe für meine Flucht haben meine Arbeit verändert, aber nicht mein Denken. Das Gericht nannte meine Identität nur deshalb „westlich geprägt“, um den Status meiner Gefährdung zu klären. Es zeigte, wie ernst die Gefahr für mein Leben war, weil ich bestimmte Gedanken hatte und diese aufschreiben wollte.
Manchmal nehme ich das Schreiben vom Gericht noch heute zur Hand. Derselbe Satz, dasselbe Wort: andersartig. Es soll mich schützen. Ich benutze es heute, um meine Freiheit besser beschreiben zu können. Und ich weiß jetzt, dass ein Urteil auf einem Papier eine Frage von Leben und Tod sein kann, je nachdem, wer dieses Papier in der Hand hält.
Shan Sabir, Berlin, 16.06.2026
