Was bedeutet Heimat, wenn sie tödlich seid kann? Sowohl hier als auch dort? Der iranische Exil-Journalist Ashkan Shabani schreibt im zweiten Teil unserer Serie Home² über seine ganz persönlichen Exil-Erfahrung und warum er in Deutschland sich zwar frei fühlt, aber noch lange nicht in Sicherheit. Er erzählt von Rassismus, Rechtsextremismus und die ständige Verantwortung, als Journalist beide „Heimaten“ kritisch zu betrachten.
Mein Exil begann in dem Moment, als mein Leben im Iran nicht länger mit meinem Überleben vereinbar war.
Ich kam nicht nach Deutschland, weil ich in Europa leben wollte. Ich kam, weil meine Arbeit als Journalist und meine Identität als schwuler Mann mich einem großen Risiko aussetzten. Weggehen war für mich kein freiwilliger Neuanfang, sondern eine Entscheidung, die ich unter Druck und ohne eine sinnvolle Alternative treffen musste.
Heute bin ich in Sicherheit und kann arbeiten, doch Exil bleibt für mich ein Prozess, etwas Unabgeschlossenes. Deutschland hat mir rechtlichen Schutz und die Freiheit gegeben, unabhängig zu arbeiten, offen zu sprechen und zu leben, ohne mich verstecken zu müssen. Diese Freiheiten sind wichtig, aber sie lassen mich nicht automatisch dazugehören. Von Journalist*innen im Exil wird oft erwartet, dass sie den Ländern, die sie aufgenommen haben, dauerhaft Dankbarkeit zeigen. Und ja, ich wertschätze den Schutz sehr, den ich hier erhalten habe, aber er sollte nicht als Gefälligkeit verstanden werden, die mich von jeglicher Kritik abhält. Die Gesellschaft, in der ich nun eben lebe, kritisch zu betrachten – das ist Teil meiner journalistischen Unabhängigkeit.
Meine Beziehung zu Iran bleibt dabei komplex und kompliziert. Weder idealisiere ich meine alte Heimat, noch ignoriere ich die Bedingungen, die mich einst zur Flucht gezwungen haben. Natürlich fehlt mir die Vertrautheit im Alltag: die Sprache, die Straßen, die Landschaft, das Essen und kulturelle Bezugspunkte, die keine Erklärung benötigen. Iran bleibt meine Heimat; wenn ich eines ohne das Risiko von Gefängnis oder Tod zurückkehren kann, werde ich das auch tun. Bis dahin bleibe ich über Sprache, Nachrichten, Freunde, Kolleg*innen und meine Arbeit mit dem Land verbunden.
Gleichzeitig hat mich das Leben in Deutschland mit Rassismus konfrontiert, der hier als Randphänomen gilt, für Betroffene aber Teil des Lebens ist. In meinem ersten Sommer in Hamburg wurden ein Freund und ich von jungen Menschen verfolgt, die „Ausländer raus“ riefen. Menschen in der Nähe schauten zu, einige grinsten. Vor kurzem, während einer Recherche in Rostock, wurde ich wieder nachts von einem Mann verfolgt. Er rief „Sieg Heil“, aber ich konnte ihm entkommen. In einem Supermarkt wurde ich für eine Taschenkontrolle herausgegriffen und mir wurde gesagt, dass „eure Leute“ eher stehlen würden. Als ich fragte, was damit gemeint sei, antwortete der Mitarbeiter: „Araber.“
Diese Vorfälle stehen neben leiseren Formen der Ausgrenzung: Menschen wechseln im Bus ihren Platz, überqueren die Straße oder schauen mich misstrauisch an. Es ist inzwischen so oft passiert, dass ich mich daran gewöhnt habe, aber ich akzeptiere es deswegen nicht. Ich habe lediglich gelernt, ruhig zu bleiben.
Dieser Prozess begann lange vor Deutschland. In Iran lernte ich, solch einem Druck standzuhalten – einerseits als schwuler Mann und andererseits als Journalist, der zu viele Fragen stellte und Storys verfolgte, über die nicht berichtet werden sollte. So arbeitete ich beispielsweise an einer Geschichte über ein schwules und ein lesbisches Paar, um zu zeigen, dass diese Menschen existieren, auch wenn das iranische Regime ihre Existenz leugnet und sie in die Unsichtbarkeit zwingt. Während der landesweiten Proteste im Jahr 2019 berichtete ich über die Demonstrationen und veröffentlichte Fotos über internationale Medien – zu einer Zeit, als das Regime das Internet im ganzen Land abschaltete und Sicherheitskräfte Hunderte, möglicherweise sogar mehr als Tausende töteten. Die Dokumentation staatlicher Gewalt war damals mit erheblichen Risiken verbunden. Ähnliche Auseinandersetzungen setzten sich später während meiner Zeit in der Türkei später fort und prägen bis heute meine Arbeitsweise.
In Deutschland richtete sich mein journalistischer Blick zunehmend auf Macht, Ausgrenzung und Rechtsextremismus. Daraus entstand „The Quiet Rise“, eine Recherche, die über achtzehn Monate hinweg entwickelt wurde. Zunächst dokumentierte ich öffentliche Demonstrationen, doch diese zeigten nur, wie extremistische Gruppen sich selbst präsentieren wollten. Um ihre Sprache, ihre Motive und ihre Netzwerke zu verstehen, brauchte ich Zugang zu ihren Räumen, die Journalist*innen verschlossen waren. Deshalb arbeitete ich undercover, baute Kontakte auf, nahm an privaten Treffen teil und führte lange Gespräche mit Mitglieder*innen rechtsextremer Organisationen.
Wieder war meine Arbeit mit erheblichen Risiken verbunden. Ich hätte identifiziert, verfolgt, bedroht oder angegriffen werden können. Solche Risiken waren mir vertraut, doch die entscheidende Frage für mich war, ob es für das Erzählen der Story angemessen ist. Ich kam zu dem Schluss, dass es ohne den verdeckten Zugang nicht funktioniert. Sonst hätte ich mich nur darauf beschränkt, das Bild zu reproduzieren, das diese Gruppen für die Öffentlichkeit konstruierten. Mein Ziel war nicht, die Gefahr zu dramatisieren, sondern zu untersuchen, wie extremistische Ideen zirkulieren und normalisiert werden. Die Recherche bestätigte, dass alltäglicher Rassismus und organisierter Extremismus nicht als getrennte Phänomene betrachtet werden können. Wenn ausgrenzende Sprache akzeptabel wird, werden radikalere Positionen weiter legitimiert.
Die Möglichkeit, sensible Themen ohne staatliche Zensur zu veröffentlichen, auszustellen und zu untersuchen, hat mir gezeigt, warum es notwendig war, Iran zu verlassen. Das Exil hat mich zugleich aufmerksamer für die Fragilität von Grundrechten gemacht und meinen Willen gestärkt, sie zu verteidigen.
Was mir Hoffnung gibt sind die Journalist*innen, Aktivist*innen, queeren Menschen und jungen Iraner*innen, die trotz aller Risiken weiter beharrlich Widerstand leisten. Ihre Arbeit beweist eine Hoffnung, dass politische Verhältnisse sich auch ändern können.
Bis ich zurückkehren kann, bleibt der Journalismus fast die einzige Verbindung zwischen meinem Leben in Deutschland und meiner Heimat in Iran. Er erlaubt mir, mit dem Land verbunden zu bleiben, das ich verlassen musste, und gleichzeitig das Land kritisch zu betrachten, in dem ich heute lebe.
