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Zehn Jahre Deutschland – und jeden Sonntag Burundi

Zehn Jahre Deutschland – und jeden Sonntag Burundi
©: Privat
Die Journalistin Inès Gakiza hat eine eigene Sendung beim Sender Radio Publique Africaine

Ich begann im Jahr 2011 in Burundi als Journalistin zu arbeiten. Nicht, weil Journalismus schon immer mein Traumberuf gewesen wäre, sondern aus Neugier: Ich wollte verstehen, wie die Menschen arbeiten, deren Stimmen ich jeden Tag im Radio hörte.

Mein Interesse an Gerechtigkeit hat auch mit meiner eigenen Familiengeschichte zu tun. Mein Vater wurde ermordet, als ich noch zur Schule ging, er war plötzlich einfach weg. Zurück blieben Schmerz und Fragen, auf die ich mehr als zwanzig Jahre später noch keine Antwort habe. Der Prozess wurde nie abgeschlossen, alle Festgenommenen wurden wieder freigelassen, das hat tiefe Wunden gerissen.

Als Journalistin begegnete ich später vielen Menschen, die genau wie ich vergeblich auf Gerechtigkeit warteten. Ich erkannte meine eigene Geschichte in ihren wieder und ich wollte nicht Rache für meinen Vater, sondern dazu beitragen, dass weniger Menschen mit dieser Erfahrung aufwachsen müssen: dass ein Verbrechen einfach ohne Konsequenzen bleibt.

Als die Medien verstummten

Bis 2015 hatte ich Burundi nie länger als einen Monat verlassen. Dann blieb mir keine andere Wahl. Nach den Protesten gegen die dritte Amtszeit von Präsident Pierre Nkurunziza gerieten auch Journalist*innen ins Visier. Ich musste meine Familie zurücklassen und floh nach Ruanda.

Ich war nicht die Einzige. Wenige Monate später lebten mehr als hundert burundische Journalist*innen dort im Exil. In Burundi waren unabhängige Medien zerstört worden, darunter der Radiosender, für den ich gearbeitet hatte. Über die Verfolgung von Demonstrierenden, die Ermordung von Oppositionellen und willkürliche Verhaftungen konnte kaum noch unabhängig berichtet werden.

Also versuchten wir, aus dem Exil weiterzumachen. Viele Menschen in Burundi schickten uns Informationen. Aber Journalismus aus der Ferne ist schwierig. Wenn man nicht selbst vor Ort sein kann, braucht es mehr Zeit und mehr Quellen, um zu überprüfen, was tatsächlich passiert ist.

Im Jahr 2016 bekam ich ein Stipendium für verfolgte Journalist*innen in Hamburg. Anderthalb Jahre lebte ich in Deutschland. Danach traf ich eine Entscheidung, die viele Menschen in meinem Umfeld lange nicht verstanden haben: Ich ging zurück nach Ruanda, zurück nach Afrika.

Warum blieb ich nicht in Deutschland, wo ich in Sicherheit war? Die Antwort steckte in meiner Arbeit: Mein journalistisches Team war in Ruanda, ich war näher an Burundi und konnte von dort besser weiterarbeiten. Außerdem konnte meine Familie mich dort besuchen, es war schlicht nicht so weit weg von Zuhause.

Ein zweiter Neuanfang

Das hätte noch eine Weile so weitergehen können, doch auch unsere Situation in Ruanda wurde zunehmend unsicher. Ende 2021 packte ich deshalb erneut meine Sachen. Dieses Mal war ich nicht allein: Mein Sohn war noch klein und kam mit mir nach Deutschland.

Die erste Zeit bestimmte vor allem mein Asylverfahren meinen Alltag: Bürokratie und eine große Unsicherheit. Ich entfernte mich sogar ein Stück von meinem Beruf, würde ich ihn je wieder ausführen? Nach sechs Monaten erhielt ich den Flüchtlingsstatus. Mein Sohn kam in den Kindergarten, ich begann Deutsch zu lernen – und ich meldete mich wieder bei meinem früheren Arbeitgeber. Ich bot an, zunächst freiwillig mitzuarbeiten.

Seit 2022 berichte ich wieder über das Land, das ich am besten kenne: Burundi. Ich habe alte Kontakte reaktiviert und neue gefunden. Manche Menschen wollen heute nicht mehr mit mir sprechen. Sie haben Angst vor den möglichen Folgen ihrer Aussagen. Trotzdem erreichen mich weiterhin Informationen aus dem Land.

Jeden Sonntag moderiere ich außerdem eine Online-Talkshow über Burundi, wir übertragen sie live über Zoom, X, Facebook und YouTube. Menschen können sich direkt beteiligen und Fragen stellen; manchmal verfolgen mehr als tausend Zuschauer*innen die Sendung live.

Dafür brauche ich heute kein Fernsehstudio und keinen Radiosender in Bujumbura. In meiner kleinen Wohnung in Deutschland habe ich mir eine Arbeitsecke eingerichtet. Dort sitze ich vor meinem Computer und spreche Woche für Woche mit Menschen über ein Land, das Tausende Kilometer entfernt ist.

Zehn Jahre nach meiner Flucht ist Burundi noch immer der Mittelpunkt meiner journalistischen Arbeit. Mein Leben ist inzwischen an einem anderen Ort, meine Themen sind es nicht.