Zum Internationalen Frauentag

Sexistische Repression gegen neun inhaftierte Journalistinnen in Aserbaidschan

Sexistische Repression gegen neun inhaftierte Journalistinnen in Aserbaidschan
© Fidan Akhundova/RSF
Illustrationen der Journalistinnen Aytaj Tapdyg, Aysel Umudova, Ulviyya Ali, Hayala Agayeva, Elnara Gasimova und Sevinj Vagifgizi (von links oben im Uhrzeigersinn), inhaftiert in Aserbaidschan.

Sexistische Schikanen und Drohungen von geschlechtsspezifischer Gewalt gehören zum Haftalltag von inhaftierten Journalistinnen in Aserbaidschan. Neun Reporterinnen sitzen derzeit wegen ihrer Arbeit im Gefängnis. Drei Journalistinnen des unabhängigen Mediums Meydan TV berichteten kürzlich, in Haft körperliche und psychische Gewalt erfahren zu haben – darunter auch sexuelle Erniedrigung. Diese Übergriffe fügen sich in eine geschlechtsspezifische Repressionsstrategie ein, die darauf abzielt, Journalistinnen gezielt zu demütigen und einzuschüchtern. Anlässlich des Internationalen Frauentags – an dem in aserbaidschanischen Gefängnissen Rosen an weibliche Gefangene verteilt werden – macht Reporter ohne Grenzen (RSF) auf die akute Lage der inhaftierten Journalistinnen aufmerksam.

„Statt Blumen brauchen die inhaftierten Journalistinnen in Aserbaidschan Schutz vor misogyner Gewalt und Erniedrigung. Diese Übergriffe sind kein Zufall, sondern Teil einer Strategie, um Reporterinnen für ihren Mut zu bestrafen und zum Schweigen zu bringen“, sagt RSF-Osteuropareferentin Alena Struzh. „Wir fordern ihre sofortige Freilassung und eine unabhängige Untersuchung der gemeldeten sexualisierten Gewalttaten.“

„Mein Sperma ist überall.“

Am 18. Februar drangen rund zehn Gefängniswärter*innen – darunter auch Männer – unter dem Vorwand einer Kontrolle in die Zelle von drei Reporterinnen von Meydan TV (ein aserbaidschanisches Exilmedium mit Sitz in Berlin) im Bakuer Untersuchungsgefängnis ein. Das Gefängnispersonal brach sogar die Tür der Toilette auf, in der sich die Journalistin Aysel Umudova befand.

In einem Brief berichten die Journalistinnen, dass Hayala Agayeva bei der Auseinandersetzung an der rechten Hand und am linken Handgelenk verletzt wurde. Der stellvertretende Gefängnisdirektor Javid Gulaliyev soll seine Faust nur wenige Zentimeter vor das Gesicht von Aytaj Tapdyg gehoben und ihr gedroht haben, sie zu schlagen. Nachdem er die drei Frauen von oben bis unten mit einem lüsternen Blick gemustert hat, soll er gesagt haben: „Mein Sperma ist überall.“ Die Journalistinnen werteten diese ausdrücklich sexualisierte Aussage als Vergewaltigungsandrohung. Zwei Tage später verweigerte eine Richterin bei einer Anhörung den Zugang zu den Aufnahmen der Überwachungskameras, die den Vorfall hätten dokumentieren können.

Diese Vorfälle fügen sich in eine Reihe geschlechtsspezifischer Gewalt gegen inhaftierte Journalistinnen in den vergangenen Monaten ein. In einem im Dezember veröffentlichten Brief schilderte Aysel Umudova, sie sei bereits ein Jahr zuvor bei ihrer Festnahme während des Transports in die Haftanstalt sexuellen Belästigungen und Misshandlungen ausgesetzt gewesen. Sie berichtet unter anderem von einem „unerwünschten körperlichen Kontakt“, den ein Polizist im Fahrzeug erzwungen habe – ein Erlebnis, das bis heute psychische Folgen für sie habe.

Auch Ulviyya Ali, frühere Journalistin bei Voice of America, berichtete, bei ihrer Festnahme im Mai 2025 in Polizeigewahrsam geschlagen und mit Vergewaltigung bedroht worden zu sein – um sie zur Herausgabe der Passwörter ihrer elektronischen Geräte zu zwingen. 

„Hier wird jede Handlung von Frauen von Männern kontrolliert.“

Hunderte Kilometer von Baku entfernt, im Gefängniskomplex von Lankaran, wohin drei Journalistinnen von Abzas Media im vergangenen September verlegt worden sind, soll es im Januar zu einem sexualisierten Angriff des Gefängnisdirektors auf eine Gefangene gekommen sein. Angehörige äußern daher große Sorge um die Sicherheit der drei inhaftierten Journalistinnen – auch weil der Verdacht besteht, dass Übergriffe innerhalb des Haftsystems weitgehend straflos bleiben. Die drei Journalistinnen selbst hatten über den Angriff berichtet.

Trotz ihrer Inhaftierung dokumentieren diese Reporterinnen – darunter Sevinj Vagifgizi – weiterhin ihre Haftbedingungen und machen die Behandlung von Gefangenen öffentlich. Damit verwandeln sie ihre Gefangenschaft in einen Akt professionellen Widerstands.

So beschreibt die inhaftierte Abzas Media-Journalistin Elnara Gasimova sexistische und entwürdigende Haftbedingungen für Frauen. Wegen Überbelegung und mangelnder Ausstattung würden weibliche Gefangene bei Beschwerden regelmäßig von Wärtern eingeschüchtert. Besonders demütigend seien die strengen Kontrollen ihrer Kleidung vor Treffen mit Anwält*innen und Familienangehörigen oder vor Gerichtsterminen. Wärter beurteilten Rocklängen, Ausschnitte oder Make-up und schickten Frauen zurück in ihre Zellen, wenn ihre Kleidung als „unangemessen“ gelte. „Hier wird jede Handlung von Frauen von Männern kontrolliert“, schreibt Gasimova. Es gäbe auch „Unterricht in Weiblichkeit“ von Gefängnispsycholog*innen.

In einer patriarchalen Gesellschaft, in der die Position von Frauen im öffentlichen Raum ohnehin eingeschränkt ist, sollen sexistische Diffamierung, misogyne Drohungen und Gewalt in Haft nicht nur einzelne Journalistinnen brechen, sondern auch das Selbstverständnis zerstören, dass Frauen ihren Platz im Journalismus haben – so beschreibt es der aserbaidschanische Menschenrechtsanwalt Subhan Hasanli gegenüber RSF.