Als investigativer Journalist berichtet Jonathan Magoma aus dem Osten der Demokratischen Republik Kongo über Korruption, Menschenrechtsverletzungen und Gewalt. Dabei setzt er sich erheblichen Risiken aus. Im Rahmen des RSF-Fellowship ist Jonathan derzeit in Berlin. Wir haben mit ihm über seine Arbeit, die aktuelle Situation für Journalist*innen in der DR Kongo und seine Erfahrungen und Erwartungen an das Fellowship gesprochen.
Womit beschäftigst du dich in deiner Arbeit als Journalist?
„Ich komme aus Bukavu, der Hauptstadt der Provinz Süd-Kivu im Osten der Demokratischen Republik Kongo. Als investigativer Journalist schreibe ich über die Regierungsführung, Korruption, Menschenrechtsverletzungen und die Einschränkung des zivilgesellschaftlichen Raums im Osten der DR Kongo. Meine Berichterstattung konzentriert sich auf Übergriffe durch staatliche Institutionen, Sicherheitskräfte und bewaffnete Gruppen sowie auf die Auswirkungen der Korruption auf lokale Gemeinschaften. Außerdem decke ich Bedrohungen auf, die sich gegen unabhängige Journalist*innen und führende Persönlichkeiten der Zivilgesellschaft richten.”
Wie ist die aktuelle Lage in der Demokratischen Republik Kongo?
„Ich arbeite in einem der weltweit gefährlichsten Länder für die Presse. Die Region der Großen Seen im Osten des Landes ist zum Epizentrum von Unsicherheit, Ebola-Ausbrüchen, politischer Unterdrückung und bewaffneten Konflikten geworden. Laut RSF ist unabhängige Berichterstattung seit dem Fall von Goma und Bukavu durch die bewaffnete Gruppe M23 Anfang 2025 „praktisch unmöglich“ geworden.
In diesem Zusammenhang sind Journalist*innen sowohl von staatlichen Akteuren als auch von bewaffneten Gruppen bedroht. Regierungsbeamte, Sicherheitskräfte und Geheimdienste schüchtern uns regelmäßig ein, verhaften uns oder greifen uns sogar körperlich an, wenn wir Korruption, Misswirtschaft oder Menschenrechtsverletzungen aufdecken. Im April 2026 dokumentierte RSF, dass mehr als 50 Prozent aller Journalist*innen, die in den letzten zehn Jahren in der Region der Großen Seen festgenommen wurden, in der DR Kongo festgenommen wurden.
Die zunehmende Unsicherheit macht es für Medienschaffende extrem schwierig, sicher zu arbeiten. Interne Spaltungen, Gier und Konkurrenz um natürliche Ressourcen, eine schwache staatliche Präsenz in abgelegenen Gebieten, ethnische Konflikte und Landstreitigkeiten sowie ausländische Kräfte, die sich ebenfalls in Konflikte einmischen, haben zur Verbreitung von fast 120 bewaffneten Gruppen in den drei östlichen Provinzen beigetragen.
Epidemien wie Ebola verschärfen die Lage zusätzlich. Am 17. Mai 2026 gaben die kongolesische Regierung und die WHO einen neuen Ausbruch bekannt. Nach Angaben der kongolesischen Behörden sind bis heute mehr als 2.000 Menschen gestorben, womit dieser Stamm die tödlichste Ebola-Variante ist, die jemals in der DR Kongo verzeichnet wurde. Während dieser Epidemien sehen sich Journalist*innen nicht nur mit mangelnder Ausbildung und fehlender Schutzausrüstung konfrontiert. Unabhängige Berichterstattung ist riskant, da Journalist*innen oft vorgeworfen wird, Panik oder Falschinformationen zu verbreiten. Manche werden bedroht oder daran gehindert, Zugang zu Behandlungszentren und Hilfsmaßnahmen zu erhalten.
Die Pressefreiheit und der zivilgesellschaftliche Raum schrumpfen seit Februar 2025 dramatisch, seit die M23 die Kontrolle über weite Teile der Provinzen Nord-Kivu und Süd-Kivu übernahm, darunter die Städte Bukavu und Goma. In diesen besetzten Gebieten wird die Medienlandschaft streng kontrolliert. Bei Treffen mit Führern der M23 wurde den Journalist*innen vorgeschrieben, worüber sie berichten dürfen, welche Themen verboten sind und welche Narrative gefördert werden müssen. Nationale Medien wurden verboten, Sendungen unterbrochen und mehrere Redaktionen, insbesondere in ländlichen Gebieten, geplündert oder geschlossen.
Journalist*innen, die dem staatlichen Druck entkommen, geraten oft in die Hände bewaffneter Gruppen, die noch schwerwiegendere Verstöße begehen und völlig straffrei agieren. Viele wurden zur Flucht oder ins Exil gezwungen, während diejenigen, die bleiben, täglich Risiken ausgesetzt sind. All dies lässt mich an der Zukunft des Journalismus in meiner Region zweifeln.”
Warum hast du dich für dieses Stipendienprogramm beworben?
„Ich habe mich für dieses Stipendienprogramm beworben, weil es eine einzigartige Gelegenheit bietet, meine Sicherheit und meine Fähigkeiten zu stärken, weiterhin als unabhängiger Journalist in einem der gefährlichsten Umfelder für die Presse zu arbeiten. Vor meiner Ankunft in Berlin war ich direkten Drohungen durch bewaffnete Gruppen, entflohene Häftlinge und Staatssicherheitsbeamte ausgesetzt, was mich und meine Familie ins Exil zwang. Die Teilnahme an diesem Programm verschafft mir nach Monaten der Unsicherheit und Vertreibung einen seltenen Moment der Ruhe und der Erholung. Daher bin ich sehr dankbar, daran teilnehmen zu dürfen.
Als ich die Ausschreibung des Programms las, hat mich die Tatsache motiviert, dass dieses Stipendium Fortbildungen, ein sichereres Arbeitsumfeld und Unterstützung durch ein Netzwerk von Expert*innen bietet, die sich für Pressefreiheit einsetzen.”
Worauf freust du dich in den nächsten Monaten im Rahmen des Fellowships?
„In den nächsten Wochen und Monaten freue ich mich darauf, meine Kenntnisse in den Bereichen offene Quellen-Forschung, KI für Journalist*innen und sichere Kommunikation zu vertiefen. Ich bin gespannt darauf, sowohl das Gruppenprojekt als auch mein persönliches Projekt abzuschließen. Außerdem erhoffe ich mir ein Gefühl der Erholung. Ich möchte mich auf meine mentale Gesundheit fokussieren, um die Bedrohungen und die Vertreibung zu verarbeiten, die ich vor meiner Ankunft in Berlin erlebt habe.”
Welche Erwartungen hast du an das Stipendium und welches Wissen möchtest du mit nach Hause nehmen?
„Meine Haupterwartung an dieses Stipendium ist es, meine Fähigkeit zu stärken, als unabhängiger Journalist in einem gefährlichen Umfeld sicher und effektiv zu arbeiten. Ich möchte ein umfassenderes Toolkit für investigative Arbeit, bessere Praktiken zur digitalen Sicherheit und ein klareres Verständnis dafür mit nach Hause nehmen, wie unabhängige Medien nachhaltige Geschäftsmodelle aufbauen können. Außerdem hoffe ich, ein breiteres berufliches Netzwerk aufzubauen, das mir die Zusammenarbeit mit anderen Investigativjournalist*innen erleichtert und das Medienökosystem in meiner Region stärkt. Und natürlich hoffe ich, mit beruhigtem Geist zurückzukehren.”
Was erhoffst du dir für deine Zukunft als Journalist nach dem Programm?
„Nach dem Programm hoffe ich, weiterhin als unabhängiger Journalist zu arbeiten, mit fundierten investigativen Fähigkeiten, besseren digitalen Sicherheitspraktiken und einer sicheren Arbeitsweise. Ich möchte das Gelernte nutzen, um effektiver über Menschenrechte, Korruption und den zivilgesellschaftlichen Raum zu berichten und gleichzeitig ein Netzwerk aufzubauen, das langfristige journalistische Zusammenarbeit und Resilienz fördert. Vor allem hoffe ich auf eine Zukunft, in der ich weiterhin sicher und unabhängig über die Wahrheit berichten kann.Außerdem möchte ich dieses Wissen mit meinen Kolleg*innen in meiner Heimat teilen.”
Unsere Fellows persönlich treffen
Sie möchten mehr über die Journalist*innen erfahren, die derzeit am Stipendienprogramm von Reporter ohne Grenzen teilnehmen? Dann haben Sie am 31. August die Gelegenheit, gleich drei unserer aktuellen Fellows persönlich kennenzulernen: Vladimer Chkhitunidze aus Georgien, Cendrella Azar aus dem Libanon und Mahmoud Al Ashek aus Syrien.
Bei der Podiumsdiskussion „Die letzten Freiräume“ sprechen sie über Repression, Konflikte und die Kraft lokaler Berichterstattung und darüber, wie sie trotz zunehmender Risiken weiter unabhängigen Journalismus machen.
Wann: Montag, 31. August 2026, 17 Uhr
Wo: Publix, Hermannstraße 90, 12051 Berlin
Die Veranstaltung findet auf Englisch statt. Im Anschluss laden wir zu Snacks und Getränken ein.
Bitte melden Sie sich vorab über [email protected] an.
Ihre Unterstützung macht unsere Fellowships möglich!
Journalist*innen wie Jonathan, Cendrella, Vladimer und Mahmoud setzen sich unter schwierigen Bedingungen für unabhängigen Journalismus ein. Mit unseren Fellowships geben wir ihnen Zeit, Schutz und die Möglichkeit, neue Kenntnisse und Netzwerke aufzubauen.
