Glafira Zhuk ist 25 Jahre alt und hat fast ihr gesamtes Erwachsenenleben im Exil verbracht. Sie wurde wegen ihrer Arbeit festgenommen, musste ihre Heimat Belarus verlassen und arbeitet trotz allem weiter. In unserer Reihe home² erzählt sie von Haft und Repression, acht Umzügen in fünf Jahren und der immer bleibenden Frage, welche Journalistin sie wohl geworden wäre, wenn sie in Belarus hätte bleiben können.
Ich war 19 Jahre alt, als ich zum ersten Mal wegen meiner Arbeit als Journalistin festgenommen wurde. Nur ein Jahr später musste ich Belarus verlassen, ohne meinen Abschluss in Journalismus in der Tasche. Ich wurde aus politischen Gründen von der staatlichen Universität exmatrikuliert. Mein Berufsleben hatte gerade erst begonnen – und schon versuchte der Staat, es zu beenden.
Wenn von Journalist*innen im Exil die Rede ist, denken viele zuerst an erfahrene Reporter*innen und Redakteur*innen. Doch unter denen, die Belarus nach dem Jahr 2020 verlassen mussten, waren auch ganz junge Journalist*innen wie ich. Wir hatten noch keine Karriere aufgebaut, hatten keine Netzwerke und vor allem: Uns fehlte finanzielle Sicherheit. Wir wussten noch nicht einmal, ob dieser Job überhaupt der richtige ist und wenn ja, welche Art von Journalist*innen wir sein wollten. Investigativ? Lokal? Reportage? Es lief alles parallel: erwachsen werden, emigrieren und ein Berufsleben aufbauen.
Die Probleme begannen für mich am 15. Mai 2021. An jenem Samstag berichtete ich aus einem Gerichtssaal in Minsk, wo mehrere Studierende als politische Gefangene vor Gericht standen. Genau zwei Wochen später, am 29. Mai, wurde ich wegen meines Textes über diesen Prozess festgenommen.
Fast einen Monat verbrachte ich in Haft, unter anderem in Akrestsina, einem Minsker Gefängnis, das für seine unmenschlichen Haftbedingungen berüchtigt ist. Wir waren 15 Menschen in einer Zelle, die für zwei ausgelegt war. Wir mussten auf dem Boden schlafen, durften weder duschen noch an die frische Luft. Das Licht brannte rund um die Uhr. Bücher waren verboten. Was ich dort erlebte, war mehr als erniedrigend. Ich nenne es ganz bewusst: Folter.
Nach meiner Freilassung durfte ich nicht an die Universität zurück. Kurz darauf reiste ich für ein einmonatiges Programm für Journalist*innen nach Bremen. Als ich meine Heimat verließ, ging ich noch davon aus, bald wieder nach Hause zurückzukehren. Doch genau in diesem Monat verschärfte sich die Repression in Belarus derart, dass mir noch während meines Aufenthalts in Deutschland klar wurde: Eine Rückkehr war inzwischen zu gefährlich.
Von Deutschland ging ich nach Kyjiw und arbeitete dort weiter als Journalistin. Als Russland am 24. Februar 2022 seinen großangelegten Angriffskrieg gegen die Ukraine begann, musste ich erneut fliehen, dieses Mal nach Vilnius. Ich war 21 Jahre alt und fing zum zweiten Mal in einem anderen Land von vorne an.
In den vergangenen fünf Jahren bin ich insgesamt achtmal umgezogen. Ich habe Städte, Länder, Wohnungen und Arbeitsformen gewechselt. Ich musste mich um Papiere, Miete und Geld kümmern und mich immer wieder in neuen beruflichen Umfeldern zurechtfinden, während meine Familie in Belarus blieb und keiner der Menschen, die mir am nächsten standen, bei mir war. Doch die ganze Zeit gab es eine Sache, die ich nicht aufgeben wollte und die mir Halt gab: der Journalismus.
Doch auch im Ausland ließ mich die Repression nicht los. Als ich 24 war, setzten mich die belarussischen Behörden auf eine Fahndungsliste. Ich bin jetzt eine Staatsfeindin, das hatte Folgen, auch für meine Familie in Belarus. Meine Angehörigen werden immer wieder vom KGB zu Verhören vorgeladen. Sie wurden eingeschüchtert und schließlich dazu gedrängt, den Kontakt zu mir abzubrechen.
Heute bin ich 25 Jahre alt. Fast mein gesamtes erwachsenes Berufsleben habe ich außerhalb von Zuhause verbracht. Manchmal frage ich mich, welche Journalistin aus mir geworden wäre, wenn ich einen normalen Anfang hätte haben dürfen: mein Studium beenden, Fehler machen, ohne Angst davor haben zu müssen, und in meinem eigenen Land einen Beruf aufbauen. Würde ich ganz andere Texte schreiben? Ich werde es nie erfahren.
Nicht das Exil hat mir diese Entscheidung abgenommen, es waren die Behörden meines eigenen Landes. Als Journalistin im Exil muss man sehr schnell erwachsen werden – persönlich und beruflich. Das Leben im Exil ist nicht immer leicht, von Unsicherheit geprägt und ich fühle mich manchmal auch sehr einsam. Aber immer konnte ich so meine Arbeit in Sicherheit fortsetzen, aktuell übrigens aus Litauen.
Diese Arbeit fortzusetzen ist meine Art, mich dagegen zu wehren, dass Repression darüber entscheidet, was ich denken darf, was ich sagen darf oder welche Journalistin ich werden darf.
