Gastbeitrag zum Jahrestag der Proteste

„Frei, aber nicht zu Hause”: Die belarusische Journalistin Maryna Solatawa über ihr Leben im Exil

Porträt der belarusischen Journalistin Maryna Solatawa, eine Frau mittleren Alters mit kurzen blonden Haaren und einer schwarzen Brille, vor einem hellen Hintergrund.
© Volha Shukalia
Die belarusische Journalistin Maryna Solatawa.

Am 9. August 2020 begannen in Belarus die Massenproteste gegen die gefälschte Präsidentschaftswahl – und mit ihnen eine bis heute andauernde, beispiellose Repressionswelle gegen unabhängige Medien. Die Journalistin und tut.by-Chefredakteurin Maryna Solatawa wurde zu einem der bekanntesten Gesichter dieses Widerstands des unabhängigen Journalismus. Im September 2021 wurde sie gemeinsam mit Kolleg*innen festgenommen und im März 2023 zu insgesamt 12 Jahren Strafkolonie verurteilt. Seit Dezember 2025 ist Maryna frei und schreibt derzeit ein Buch über weibliche Gefangene in Belarus. Anlässlich des Jahrestags veröffentlicht Reporter ohne Grenzen ihren Essay über die aktuelle Lage der Pressefreiheit in Belarus. 

Sechs Jahre nach den Protesten in Belarus: Die freie Presse ist verboten, 20 Medienschaffende im Gefängnis

„Das alles wird höchstens noch ein Jahr so weitergehen. Man kann im 21. Jahrhundert kein Nordkorea mitten in Europa aufbauen”, dachte ich, als ich im September 2020 zusammen mit der tut.by-Journalistin Kazjaryna Baryssewitsch nachts im Auto vor dem Gebäude der örtlichen Polizeibehörde saß, wohin unsere festgenommenen Kolleg*innen gebracht worden waren. Das Auto hatte uns ein Leser von tut.by zur Verfügung gestellt – er wollte uns und unsere Journalist*innen unterstützen. Nur zwei Monate später wird sie festgenommen und zu einem halben Jahr Strafkolonie verurteilt. Wegen eines Artikels, in dem sie berichtete, dass der von regierungsnahen Aktivisten zusammengeschlagene und im Krankenhaus verstorbene Minsker Künstler Roman Bondarenko entgegen Lukaschenkos Aussage nüchtern gewesen sei (Bondarenko hatte an den Protesten teilgenommen – Anmerkung der Redaktion). Bis zur Zerschlagung von tut.by und unserer Festnahme blieben noch neun Monate.

Damals, als wir bereits mit Repressionen konfrontiert waren, wie sie in der Geschichte des unabhängigen Belarus noch nie zuvor geschehen waren, hatten wir noch keine Ahnung davon, was uns noch bevorstand.

Unabhängige Medien als „extremistische Vereinigungen” gelistet

Es stellte sich heraus, dass die Behörden den Informationsraum säubern können, ohne das Internet blockieren zu müssen. Es reicht aus, einfach alle unabhängigen Medien als „extremistische Organisationen” zu deklarieren und für jede Interaktion mit ihnen eine Strafe einzuführen. Für das Abonnieren eines „extremistischen“ Social-Media-Accounts oder das Weiterleiten eines „extremistischen“ Links mit noch so harmlosem Inhalt – zum Beispiel einer Wettervorhersage – erhält man 15 Tage Haft. Und wenn man einem solchen Medium ein Interview gibt oder sich plötzlich herausstellt, dass man für eine Redaktion arbeitet oder es früher mal getan hat, als das Medium noch nicht als „extremistisch“ eingestuft war, dann bekommt man eine Haftstrafe von drei oder vier Jahren. Sie glauben mir nicht? Allein in meiner Strafkolonie-Einheit mussten zwischen 2023 und 2025 vier Menschen genau dafür ins Gefängnis – ich selbst nicht mitgerechnet. 

Hätten wir, die in den ersten Jahren der Unabhängigkeit von Belarus aufwuchsen, uns damals vorstellen können, dass uns die Haftstrafen für Dissidenten im Spätsozialismus eines Tages geradezu milde erscheinen würden – verglichen mit den zehn bis 15 Jahren, zu denen Frauen nach den Ereignissen von 2020 großzügig verurteilt wurden? Das sind Haftstrafen wie in den 1930er Jahren, der Zeit des stalinistischen Terrors. Ja, wir wurden nicht nach Sibirien verbannt, wir mussten uns keine Baracken in der Steppe selbst bauen und keinen Wald bei minus 50 Grad abholzen. Sollten wir Lukaschenko dafür danken? Oder liegt es vielleicht nur daran, dass es in Belarus keine Steppe und kein Sibirien gibt?

Frei, aber nicht zu Hause

Seit Dezember 2025 bin ich frei – vor allem dank der Bemühungen von US-amerikanischer Diplomatie. Genauer gesagt: ich bin frei, aber nicht zu Hause. Derzeit gibt es für uns nur zwei Möglichkeiten: „zu Hause, aber nicht in Freiheit“ und „frei, aber nicht zu Hause“. Über die Ukraine wurde unsere Gruppe politischer Gefangener aus den belarusischen Strafkolonien auf EU-Gebiet gebracht, und ich habe internationalen Schutzstatus in Polen erhalten. Meine Familie ist bei mir. Sollte ich also glücklich sein?

Nein.

Nein. Denn meine Kollegin und tut.by-Geschäftsführerin Ljudmila Tschekina befindet sich immer noch im Straflager. Sechs ihrer Geburtstage hat sie bereits hinter Gittern verbracht. Ljudmila gibt sich tapfer und strahlt Optimismus aus. Aber ich weiß, wie schwer es für sie ist.

Nein. Denn belarusische Journalist*innen werden weiterhin zu enormen Haftstrafen verurteilt. Ein Überblick über die bisherige Jahresbilanz für 2026: Die Medienmanager der legendären Regionalzeitung Intex-Press, Wladimir Janukewitsch und Andrej Pakalenka, wurden zu 14- bzw. elfjährigen Freiheitsstrafen verurteilt. Wladimir Janukewitsch ist 65 Jahre alt! Pawel Dobrowolski wurde zu neun Jahren verurteilt. Der Journalist Kiryl Pasnjak und seine 20-jährige Tochter Janina erhielten jeweils dreieinhalb Jahre. Im März wurde die Belsat-Reporterin Kazjaryna Andrejewa nach fünfeinhalb Jahren Haft freigelassen, aber ihr Ehemann, der Journalist Ihar Iljasch, wurde im vergangenen Herbst zu vier Jahren Haft in der Strafkolonie verurteilt. Reporter ohne Grenzen zählt aktuell insgesamt 20 inhaftierte Medienschaffende in Belarus.

Nein. Denn die Repressionen hören nicht auf. Nach Verhandlungen mit den USA ließen die belarusischen Behörden im Laufe eines Jahres mehr als 500 Menschen frei – oder schoben sie zwangsweise ins Ausland ab. Darunter sind bekannte Politiker*innen und zivilgesellschaftliche Aktivist*innen. Doch es werden weiterhin mehr und mehr Menschen ins Gefängnis geworfen. Die letzte massenhafte Freilassung fand im März 2026 statt; am 28. April wurde der Journalist Andrzej Poczobut aus der Haft entlassen. Nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen befanden sich Ende Juli 2026 noch mindestens 883 politische Gefangene in Haft. Viele von ihnen sind schwer krank oder im fortgeschrittenen Alter. Viele haben bereits fünf oder sogar sechs Jahre im Gefängnis verbracht.

Nein. Denn in Belarus ist der Journalistenberuf verboten. Es klingt unvorstellbar: Um weiterhin über die Ereignisse im Land berichten zu können, waren meine Kolleg*innen gezwungen, ins Ausland zu fliehen. Ihnen wird die Möglichkeit genommen, direkt vor Ort zu berichten. Sie können keine Interviews mit Personen führen, die sich in Belarus befinden. Von der Teilnahme an offiziellen Presseveranstaltungen ganz zu schweigen. Journalist*innen können nicht einmal ihren eigenen Namen unter ihre Artikel setzen. Die meisten unabhängigen Medien in Belarus gelten als „extremistische Vereinigungen”, was bedeutet, dass jegliche Zusammenarbeit mit ihnen strafrechtliche Konsequenzen zur Folge haben kann. Dennoch bleiben meine Kolleg*innen ihrer Sache treu. Das verdient Respekt und Bewunderung. Belarusische Journalist*innen waren gezwungen, ihre Arbeitsweise anzupassen. Es sind viele interessante investigative Projekte entstanden. Im Ausland ist es schwierig, den Überblick über die Ereignisse in Belarus zu behalten, aber meinen Kolleg*innen scheint das zu gelingen.

August 2020 als Schicksalsmonat für Belarus

Vor sechs Jahren kam es in Belarus zu schicksalhaften Ereignissen. Zu Beginn eines in der Geschichte des Landes einzigartigen Wahlkampfs nahmen die Behörden die beiden ernsthaftesten Gegner von Alexander Lukaschenko fest – Wiktor Babariko und Sergej Tichanowski (erster wurde zu 14 Jahren Haft verurteilt und im Dezember 2025 aus dem Land ausgewiesen, der zweite zu 18 Jahren verurteilt und im Juni 2025 ausgewiesen). Anstelle von Tichanowski trat seine Frau Swetlana entschlossen in den Wahlkampf ein und ließ sich als Präsidentschaftskandidatin registrieren. Zusammen mit Maria Kolesnikowa und Veronika Tsepkalo bildeten sie ein einzigartiges Frauentrio, zu dessen Wahlkampfveranstaltungen sich selbst in den kleinsten und unpolitischsten Ortschaften Tausende von Menschen versammelten. Noch nie zuvor war die belarusische Bevölkerung so begeistert und in den Wahlkampf involviert. Alexander Lukaschenko griff wie üblich zu groben Wahlfälschungen, die im digitalen Zeitalter unmöglich zu verbergen waren und für die wir in der tut.by-Redaktion zahlreiche Beweise erhielten. Empörte Wähler*innen gingen auf die Straße und sahen sich beispielloser Gewalt seitens der Polizei ausgesetzt. Die Gewalt und die Repressionen dauern bis heute an. Genau aus diesem Grund waren hunderttausende Belarus*innen gezwungen, ihr Land zu verlassen.

Viele sind derzeit enttäuscht und glauben, verloren zu haben. Ich sehe das anders: Das Jahr 2020 hat die Mündigkeit der belarusischen Bevölkerung bewiesen, wie auch ihre Eigenständigkeit und ihre Bereitschaft, die eigene Wahl entschlossen zu verteidigen und ihre Rechte auf friedliche und legale Weise durchzusetzen.

Anlässlich des Jahrestags dieser wichtigen Ereignisse möchte ich mich an meine Kolleg*innen auf der ganzen Welt wenden: Bitte vergesst Belarus nicht. Wir sind da. Wir sind 9 Millionen. Und Belarus ist nicht Lukaschenko. Hört auf unsere Stimme.