Russland/Ukraine

Vier Jahre Krieg gegen die Pressefreiheit

Vier Jahre Krieg gegen die Pressefreiheit
© picture alliance / abaca | Smoliyenko Dmytro/Ukrinform/ABACA
Zwei Journalist*innen interviewen einen Soldaten in der Ukraine.

Russlands Aggression gegen Informationsfreiheit und kritischen Journalismus hält unvermindert an: Seit vier Jahren werden Medienschaffende in der Ukraine gezielt angegriffen, Redaktionsgebäude zerstört und unabhängige Berichterstattung in besetzten Gebieten systematisch unterdrückt. Zum vierten Jahrestag zeichnet Reporter ohne Grenzen (RSF) die gefährlichsten Dimensionen des Angriffskrieges für Journalist*innen auf – und verweist zugleich auf die bemerkenswerte Resilienz der Medienlandschaft: Seit 2022 ist das Land auf der Rangliste der Pressefreiheit um 45 Plätze gestiegen.

“Ukrainische und internationale Medienschaffende riskieren täglich ihr Leben, um unabhängig über das Kriegsgeschehen zu informieren und russischer Desinformation entgegenzutreten – im Dunklen, bei Frost, unter Drohnenbeschuss”, sagt RSF-Osteuropareferentin Alena Struzh. “Europäische Staaten müssen deutlich mehr tun, um diese überlebenswichtige journalistische Arbeit und die Medienvielfalt in der Ukraine zu schützen. Ein konsequenter Einsatz für die Freilassung von inhaftierten Journalist*innen und für die Aufklärung von gezielten Tötungen und Ermordungen von Medienschaffenden ist essenziell, damit Straflosigkeit im vierten Kriegsjahr nicht zum Grundsatz wird.”

   1. Alle ukrainischen Journalist*innen sind Kriegsreporter*innen.

Am Morgen des 24. Februars 2022 wurden alle Medienschaffenden in der Ukraine zu Kriegsreporter*innen. Seitdem berichten sie unter ständiger Lebensgefahr. RSF dokumentierte im vierten Kriegsjahr insgesamt 175 Angriffe auf Medienschaffende.

Zu den größten Bedrohungen zählen Drohnenattacken. Am dritten Oktober 2025 wurde der französische Fotojournalist Antoni Lallican im ostukrainischen Dorf Komyschuwacha rund 20 Kilometer von der Frontlinie entfernt von einer Drohne tödlich getroffen – sein Begleiter und Kollege Heorhij Iwantschenko verlor ein Bein. Nur zwanzig Tage später starben die ukrainischen Medienschaffenden Aliona Hramowa und Jewhen Karmasin vom ukrainischen Staatssender Freedom bei einem Drohnenangriff auf ihr Fahrzeug in der ostukrainischen Stadt Kramatorsk. Im selben Monat überlebte der deutsche Journalist Ibrahim Naber gemeinsam mit seinem Team leicht verletzt einen Angriff. Die Medienschaffenden waren klar als Presse gekennzeichnet.

Die Herausforderungen gehen über Sicherheitsrisiken hinaus: In den vergangenen vier Jahren mussten mindestens 333 Redaktionen in der Ukraine ihre Arbeit einstellen. Doch trotz des wirtschaftlichen Drucks auf die Medienlandschaft entstehen neue, innovative unabhängige Medien: Projekte wie Kordon.Media in der Grenzregion Sumy berichten über das Leben im Krieg, dokumentieren Angriffe und liefern Faktenchecks zu lokalen Entwicklungen. Das in den ersten Kriegstagen gegründete Projekt Grunt, zunächst auf Telegram gestartet, erreicht inzwischen mehr als 150.000 Abonnent*innen.

   2. Besetzte Gebiete drohen zur Black Box zu werden.

In russisch besetzten Gebieten werden unabhängige Informationsquellen systematisch ausgelöscht. Anwohner*innen haben kaum mehr die Möglichkeit, sich unabhängig von russischer Propaganda zu informieren. Für die ukrainische und internationale Öffentlichkeit wird es zunehmend unmöglich zu erfahren, was dort geschieht.

“Wenn die Russen ein Gebiet besetzen, schirmen sie umgehend ukrainisches Fernsehen und Radiosender ab und ersetzen diese mit ihrer Propaganda,” erklärt Wiktorija Jermolajewa, Chefredakteurin des Hromadske Radio, dessen Sendestationen im Donbass auch in Frontgebiete senden. Sendeinfrastruktur wie Transmitter würden von russischen Streitkräften gezielt zerstört. So entsteht wenige Kilometer von den besetzten Zonen entfernt ein ständiger Kampf um die technische Ausstattung, damit das Signal bis zu Menschen jenseits der Frontlinie durchdringt.

Zugleich wird die digitale Informationsabschottung durch den russischen Staats-Messenger Max ausgebaut: Die App blockiert die Kommunikation mit der freien Ukraine, überwacht Nutzer*innen und dient als wichtiges Propagandainstrument. Menschen in besetzten Gebieten werden zur Nutzung gezwungen, während Telegram- und WhatsApp-Kommunikation seit Sommer 2025 umfassend blockiert wird. Max ist nur mit russischer oder belarusischer SIM-Karte verfügbar – eine weitere Form der Informationssperre.

Wer dennoch den Mut aufbringt, aus den besetzten Gebieten zu berichten, riskiert Verhaftung oder sogar sein Leben. Im Oktober 2025 wurde Jana Suworowa, Administratorin eines Telegram-Channels im besetzten Melitopol, von einem russischen Militärgericht zu 14 Jahren Haft verurteilt. Die Journalistin Wiktorija Roschtschyna starb 2024 in russischer Gefangenschaft, nachdem sie bei einer Recherche zu Gefängnissen in besetzten Gebieten festgesetzt wurde.

Die besetzten Gebiete dienen zudem als Ausbildungsorte für Propaganda-Akteure. So berichtet das russische Exilmedium Moscow Times über Medienschulen, die in mehreren besetzten Städten Jugendliche anwerben, um in der Ausbildung zu “echten Journalisten” zu werden. So werden junge Menschen mit Propaganda-Inhalten indoktriniert und zu loyalen Bloggern ausgebildet.

   3. Ukrainische Redaktionen arbeiten im Dunklen und Kalten weiter.

Im laufenden außergewöhnlich kalten Winter mit Temperaturen von bis zu minus 20 Grad greifen russische Streitkräfte ukrainische Energieinfrastruktur besonders heftig an, und Redaktionen sind direkt davon betroffen. Trotzdem arbeiten Medienschaffende weiter – denn gerade wenn russische Attacken ganze Städte von der Stromversorgung abschneiden, werden unabhängige Informationen überlebenswichtig.

„Wir arbeiten derzeit im Energiesparmodus. Bei einem vollständigen Stromausfall können wir nur maximal sechs Stunden lang auf Sendung bleiben“, erklärt Ruslana Brjanska, Direktorin von Hromadske Radio in Kyjiw. Auch die Investigativredaktion des englischsprachigen Onlinemediums Kyiv Independent arbeitet in Redaktionsräumen mit Temperaturen von 11 bis 13 Grad – es sei schwer, sich zu konzentrieren, berichtet die Investigativteam-Leiterin Jewhenija Motorewska. Alle Redaktionsmitglieder seien erschöpft.

Gezielte Angriffe auf Medieninfrastruktur gehören seit Kriegsbeginn zur Strategie der russischen Kriegsführung. Recherchen von RSF und der ukrainischen NGO Truth Hounds dokumentierten Angriffe, die über Redaktionen und Fernsehtürme hinausgehen, und auch auf von Medienschaffenden genutzte zivile Infrastruktur wie Hotels abzielen.

   4. 26 ukrainische Medienschaffende sind in russischer Haft.

Aktuell befinden sich mehr ukrainische Journalist*innen in russischen Gefängnissen als russische Medienschaffende. Viele sitzen seit Jahren in Untersuchungshaft, oft ohne Kontakt zur Außenwelt – der gewaltsame Tod von Wiktorija Roschtschyna in Haft zeigt, dass russische Gefangenschaft tödlich enden kann. Andere Medienschaffende wurden in dubiosen Verfahren zu ungewöhnlich langen Haftstrafen wegen angeblicher “terroristischer Aktivitäten” verurteilt.

RSF-Unterstützung für Medienschaffende in der Ukraine

Seit dem 24. Februar 2022 haben mehr als 2.100 Journalist*innen und 230 Medienunternehmen Unterstützung von RSF erhalten – in Zusammenarbeit mit lokalen Organisationen wie IMI und dem Lviv Media Forum. Im Kyjiwer Press Freedom Center stellt RSF Schutzausrüstung, Schulungen, psychologische Unterstützung und Nothilfe-Zuschüsse bereit. Gleichzeitig arbeitet RSF im Rahmen des IFRUM-Programms an Wiederaufbau-Strategien für die ukrainische Medienlandschaft nach Kriegsende.

Die Ukraine belegt auf der aktuellen Rangliste der Pressefreiheit den 62. Platz. Russland belegt den 171. Platz.