Mexiko

Verschwundene Journalist*innen: UN muss Druck auf mexikanische Regierung erhöhen

Verschwundene Journalist*innen: UN muss Druck auf mexikanische Regierung erhöhen
© RSF
Antoine Bernard (Advocacy-Direktor RSF International), Sara Mendiola (Direktorin Propuesta Cívica) und Nube Álvarez (RSF-Projektkoordinatorin "Defending Voices Program" Mexiko) in Genf

Ihre Familien warten seit fast 20 Jahren auf Antworten: Die mexikanischen Journalist*innen José Antonio García Apac, Mauricio Estrada Zamora, María Esther Aguilar Cansimbe und Ramón Ángeles Zalpa sind zwischen 2006 und 2010 von Unbekannten verschleppt worden und seitdem verschwunden. Anlässlich der 145. Sitzung des Menschenrechtsausschusses fordern Reporter ohne Grenzen (RSF) und die mexikanische Organisation Propuesta Cívica die Vereinten Nationen (UN) auf, die mexikanische Regierung zur Verantwortung zu ziehen. Der Ausschuss untersucht aktuell die vier Verbrechen, die bis heute nicht geklärt sind. 

Vergangene Woche reiste eine Delegation von RSF und Propuesta Cívica nach Genf und traf dort zentrale Vertreter*innen des Menschenrechtsausschusses der UN, unter anderem die Sonderberichterstatterin für Meinungsfreiheit sowie die Arbeitsgruppe gegen gewaltsames und unfreiwilliges Verschwindenlassen. Bei den Gesprächen setzte sich die Delegation dafür ein, dass der Ausschuss die Fälle der vier verschwundenen Journalist*innen mit Priorität behandelt. Gleichzeitig drängte sie darauf, dass die UN angesichts des Versagens des mexikanischen Staates entschlossener reagieren. 

Derzeit gelten in Mexiko 28 Journalist*innen als vermisst, einige davon seit 1995. Die Regierung toleriert systematische Gewalt gegen die Presse, die Staatsanwaltschaft bleibt angesichts interner Korruption völlig untätig.

„Dass Journalist*innen in Mexiko spurlos verschwinden und diese Verbrechen jahrzehntelang nicht aufgeklärt werden, ist schlicht nicht hinnehmbar”, sagt RSF-Geschäftsführer Christian Mihr. „Dieses erschütternde Ausmaß an Straflosigkeit zwingt die Betroffenen dazu, Gerechtigkeit außerhalb ihres eigenen Landes zu suchen. Wir sind überzeugt, dass internationaler Druck nicht nur dringend nötige Aufmerksamkeit schafft, sondern auch eine echte Chance auf Aufklärung und Gerechtigkeit. Die mexikanische Regierung muss den Familien der Verschwundenen endlich Antworten geben.“ 

Mission nach Genf: Vier symbolträchtige Fälle

In Genf richtete die Delegation den Blick auf vier besonders prägnante Fälle verschwundener Journalist*innen im Bundesstaat Michoacán. In diesen Fällen können RSF und Propuesta Cívica nachweisen, dass staatliche Akteure an den Verbrechen beteiligt waren oder dass Sicherheitskräfte, Staatsanwaltschaft und Justiz nachlässig ermittelt oder sogar ganz untätig geblieben sind. Die Verfahren liegen bei der UN in unterschiedlichen Prüfstadien.

José Antonio García Apac, Gründer und Redakteur der Wochenzeitung Eco de la Cuenca del Tepalcatepec, verschwand am 20. November 2006, nachdem er mutmaßlich von Sicherheitskräften in der Stadt Buenavista Tomatlán festgenommen wurde. Von María Esther Aguilar Cansimbe, 32 Jahre alt und zum Zeitpunkt ihres Verschwindens Mutter von zwei Mädchen im Alter von sieben und neun Jahren, gibt es seit dem 11. November 2009 kein Lebenszeichen mehr. Sie berichtete für die Lokalmedien El Diario de Zamora und El Cambio de Michoacán über Menschenrechte und staatliche Gewalt. Beide Fälle wurden im August 2025 beim Menschenrechtsausschuss eingereicht. RSF und Propuesta Cívica warten auf die offizielle Annahme durch den Ausschuss.

Von Ramón Ángeles Zalpa fehlt seit 2010 jede Spur. Der 46-Jährige war Dozent an einer Universität und schrieb für die Zeitung Cambio de Michoacán. Er brach am frühen Nachmittag des 6. April von seiner Wohnung in Paracho, Michoacán, aus auf, um zur Universität zu fahren. Dort kam er jedoch nie an. Mauricio Estrada Zamora, 38-jähriger Reporter bei der Tageszeitung La Opinión de Apatzingán, verließ am 12. Februar 2008 gegen 23 Uhr die Redaktion seiner Zeitung, um nach Hause zu seiner Frau und seinem kleinen Sohn zu fahren. Dort tauchte er nie auf. 

Im November 2022 reichten RSF und Propuesta Cívica in Genf Beschwerden zu den beiden verschwundenen Journalist*innen ein. Im Fall von Ángeles Zalpa wies die mexikanische Regierung in einer im April 2025 veröffentlichten Stellungnahme jede Verantwortung für das Verschwinden des Journalisten zurück. Auch im Fall Zamora legte die Regierung eine Stellungnahme vor. Darin behauptet sie zwar, Maßnahmen zur Suche nach dem Verschwundenen ergriffen zu haben, tatsächlich scheinen ernsthafte Schritte jedoch erst erfolgt zu sein, nachdem RSF und Propuesta Cívica die Fälle bei der UN eingebracht hatten. Der Ausschuss prüft die beiden Fälle nun abschließend.

Die Beschwerden wurden im Namen der Familien der Journalist*innen eingereicht. Die Beschwerdeführer argumentieren, dass Mexiko aufgrund erheblicher Versäumnisse bei den Ermittlungen gegen seine völkerrechtlichen Verpflichtungen verstoßen hat. Sie fordern den Menschenrechtsausschuss deshalb auf, an die mexikanische Regierung zu appellieren, effizient und lückenlos zu ermitteln, die Familien für ihr jahrelang erlittenes Leid zu entschädigen sowie dafür zu sorgen, dass solche Fälle sich nicht wiederholen.

Auf der Rangliste der Pressefreiheit belegt Mexiko Platz 124 von 180 Ländern. 

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