Gezielt verhaftet, stundenlang verhört und anschließend misshandelt: Reporter ohne Grenzen (RSF) hat fünf palästinensische Journalisten aus dem Gazastreifen befragt, die nach dem 7. Oktober 2023 in Israel inhaftiert wurden. Alle berichten von brutaler Gewalt durch die israelische Armee, den militärischen Nachrichtendienst Aman und den Inlandsgeheimdienst Shin Bet. Den israelischen Stellen sei klar gewesen, dass es sich ihnen um Journalisten gehandelt habe. Die fünf sind mittlerweile in Freiheit; 19 weitere palästinensische Medienschaffe sind noch in israelischer Haft.
„Was uns diese Journalisten berichten, ist zutiefst verstörend“, sagt RSF-Nahostreferent Christopher Resch. „Ihre Aussagen über die menschenunwürdigen Haftbedingungen in den israelischen Haftanstalten decken sich mit den Berichten anderer Inhaftierter. Wir fordern ein Ende dieser inhumanen Praktiken. Und wir fordern weiterhin die sofortige Freilassung aller palästinensischen Journalisten, die zu Unrecht in israelischen Gefängnissen sitzen.“
Leben ohne Beruhigungsmittel nicht mehr möglich
Vor seiner Inhaftierung arbeitete Schadi Abu Sedo als Kameramann beim Fernsehsender Palestine Today. Am 18. März 2024 fuhr er zum Al-Schifa-Krankenhaus in Gaza, um Opfer israelischer Bombenangriffe zu interviewen. Nachdem er sich als Journalist ausgewiesen hatte, wurde er von Soldaten festgenommen und insgesamt 572 Tage lang festgehalten. Zunächst wurde er zum Militärstützpunkt Sde Teiman gebracht, der 30 Kilometer vom Gazastreifen entfernt in der Negev-Wüste liegt, anschließend in die Gefängnisse Ofer und Ketziot.
Am 11. Oktober 2025 kam er frei, aber die 19 Monate seiner Haft haben ihn schwer gezeichnet. „Nach dem, was ich gesehen habe, kann ich nicht mehr zu Hause zwischen vier Wänden bleiben und auch nicht mehr in den Himmel schauen, ohne einen Anfall zu bekommen“, sagt Abu Sedo. „Wenn ich keine Beruhigungsmittel nehme, fange ich plötzlich an zu schreien.“ Nach Schlägen eines Gefängniswärters ist er auf einem Auge blind. Als er nach der Haft nach Gaza zurückkommt, findet er anstelle seines Hauses nur noch eine Ruine.
Davon berichtet auch Alaa al-Sarradsch, Kameramann bei der Produktionsfirma Ain Media. „Ich habe mein Haus, mein Auto und meine gesamte Ausrüstung im Wert von über 50.000 Dollar verloren.“ Al-Sarradsch saß 692 Tage in Haft, vom 16. November 2023 bis zum 11. Oktober 2025.
Presseausweise: spielen keine Rolle
Diaa al-Kahlut, Leiter des Gaza-Büros der katarischen Zeitung Al-Arabi al-Dschadid, wurde am 7. Dezember 2023 von israelischen Soldaten in Beit Lahya festgenommen, im Norden des Gazastreifens. Sein Presseausweis „spielt keine Rolle“, soll einer der Soldaten gesagt haben. Anschließend musste sich al-Kahlut, wie hunderte weitere Gefangene, nackt ausziehen und wurde gefesselt.
Der damals 37-jährige Journalist wurde von Soldaten sowie von einem Offizier, der angab, dem Inlandsgeheimdienst Shin Bet anzugehören, geschlagen und verhört. Sie befragten ihn zu seinen Artikeln, seinen angeblichen Verbindungen zu Hamas-Mitgliedern und dem Eigentümer seines Medienunternehmens. Als er versuchte, sich zu erklären, knebelte ihn ein Soldat mit Klebeband. „Ich verlor jegliche Hoffnung“, erinnert er sich an diesen Moment. Anschließend wurde „in einen Lastwagen geworfen“ und gewaltsam auf israelisches Gebiet gebracht.
Schwere sexuelle Misshandlungen
Emad al-Ifrandschi, Lokalredakteur der palästinensischen Tageszeitung Al-Quds, berichtet von schweren Misshandlungen im Militärstützpunkt Sde Teiman. Israelische und internationale Menschenrechtsorganisationen prangern Sde Teiman als Folterlager an. „Von da an verliert man seinen Namen und wird zu einer bloßen Nummer“, sagte al-Ifrandschi. Er war 572 Tage lang inhaftiert.
Alle fünf Journalisten, mit denen RSF gesprochen hat, berichten, ihre Zeit in Sde Teiman sei von Gewalt, Demütigungen und Entbehrungen geprägt gewesen, von dauerhaft verbundenen Augen, Beleidigungen und willkürlichen Schlägen. Die daraus resultierenden Knochenbrüche seien systematisch unbehandelt geblieben. Die wenigen Mahlzeiten und der spärliche Schlaf hätten gerade dazu ausgereicht, um unter den Schlägen während der brutalen Verhöre nicht zusammenzubrechen. Es sei auch wiederholt zu schweren sexuellen Misshandlungen gekommen.
In Sde Teiman herrsche ein „System, das darauf ausgelegt ist, Menschen zu unterwerfen“, sagt einer der fünf Journalisten. Schadi Abu Sedo etwa sei stundenlang an den sogenannten „Kühlschrank“ gefesselt gewesen, eine zwei Quadratmeter große Zelle mit Klimaanlage, die „einen bis auf die Knochen durchfriert“. Anschließend sei er von einem Offizier des Militärgeheimdienstes Aman gezielt zu seiner Arbeit befragt worden: Hatte er im nördlichen Gazastreifen gefilmt? War er am 7. Oktober 2023 dort, um zu berichten? Kannte er Journalisten, die über die Angriffe von Hamas-Kämpfern berichtet hatten?
Inhaftierungen auf dürrer rechtlicher Grundlage
Ein Gericht in Beʾer Scheva hat der Inhaftierung von Zivilist*innen, die vom israelischen Geheimdienst als Medienschaffende identifiziert wurden, einen Anschein von Rechtmäßigkeit verliehen. Das dortige Bezirksgericht ist seit 2002 für „illegale Kämpfer“ zuständig; nach dem 7. Oktober 2023 gelten als solche auch die tausenden Inhaftierten aus Gaza. Die Richter*innen genehmigten in beschleunigten Anhörungen, per Videokonferenz oder Telefon und ohne anwaltliche Vertretung, die unbefristete Inhaftierung von Journalist*innen.
RSF hat mit einem weiteren palästinensischen Journalisten gesprochen, der in Israel inhaftiert war. Er möchte aus Angst vor den dortigen Behörden anonym bleiben. Keiner der fünf kann nach der Haft weiter journalistisch arbeiten. Die israelische Armee erklärte auf RSF-Anfrage, sie weise „Vorwürfe bezüglich systematischer Misshandlung von Inhaftierten, darunter auch Journalisten, zurück“. Der Shin Bet reagierte nicht.
Weitere willkürliche Festnahmen
Nach RSF-Angaben werden derzeit 19 palästinensische Medienschaffende willkürlich von den israelischen Behörden festgehalten. Zwei von ihnen wurden nach dem 7. Oktober 2023 im Gazastreifen festgenommen: Hani Issa, Chefredakteur von Quds Net, und Amdschad Arafat, Reporter der Produktionsfirma Ain Media. Ali Samudi, ein führender palästinensischer Journalist und erfahrener Reporter mit Sitz in Jenin im nördlichen Teil des besetzten Westjordanlands, wurde am 30. April 2026 nach einem Jahr unrechtmäßiger Haft freigelassen. Am Tag seiner Freilassung berichtete er, dass er während seiner Haft fast 60 Kilo abgenommen habe, und machte dafür die Misshandlungen verantwortlich, denen er durch die israelischen Behörden ausgesetzt war.
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