Wo ist die Journalistin Minnie Chan? Das ist die Frage, die sich gerade jetzt, zum Start des Xiangshan-Sicherheitsforums in Peking, viele stellen sollten. Die langjährige Reporterin der Hongkonger Zeitung South China Morning Post (SCMP) wurde zuletzt im Herbst 2023 gesehen, als sie über genau dieses Sicherheitsforum berichten wollte. Seitdem fehlt von der Verteidigungsexpertin jede Spur. Mehrere RSF-Quellen gehen davon aus, dass Minnie Chan von chinesischen Behörden festgehalten wird. RSF fordert die chinesische Regierung auf, unverzüglich Auskunft über ihren Aufenthaltsort zu geben.
Minnie Chan hat 18 Jahre lang für die South China Morning Post gearbeitet, nachdem sie vorher für die inzwischen verbotene Zeitung Apple Daily berichtet hatte. Deren Gründer Jimmy Lai sitzt seit fünf Jahren ebenfalls in Haft. Im Oktober 2023 reiste Minnie Chan nach Peking, um über das dreitägige Xiangshan-Forum zu berichten. Ihr letzter Artikel behandelte Chinas mögliche Rolle bei der Vermittlung von Gesprächen zwischen Hamas und Israel. Der Text erschien am 1. November 2023.
Seither gibt es keine bestätigten Informationen über ihren Aufenthaltsort. Auch Freund*innen der Journalistin äußerten öffentlich die Sorge, sie könne festgehalten werden. Mehrere Quellen in China berichten RSF, dass Chan von chinesischen Behörden inhaftiert wurde. Nach ihren Angaben könnten Vorwürfe im Zusammenhang mit der „nationalen Sicherheit“ gegen sie erhoben worden sein, eine häufig genutzte Möglichkeit, um Journalist*innen in China festzusetzen. Ihr droht demnach eine Haftstrafe von mindestens zehn Jahren. RSF konnte keine dieser Angaben bislang unabhängig bestätigen.
„Seit fast drei Jahren weiß weder ihre Familie noch die Öffentlichkeit, wo Minnie Chan ist und was mit ihr geschehen ist“, sagt Sören Kittel, Pressereferent Asien & Pazifik bei Reporter ohne Grenzen. „Nach unseren Quellen und unserer Erfahrung mit chinesischen Behörden gibt es kaum Zweifel daran, dass die Journalistin gegen ihren Willen festgehalten wird.“ RSF fordert die chinesische Regierung auf, einen Menschen nicht einfach verschwinden zu lassen und diesen unerhörten Vorgang aufzuklären. „Die Regierung muss offenlegen, wo sich die Journalistin befindet. Sollte sie in Haft sein, muss sie freigelassen werden.“
RSF hat die South China Morning Post um Informationen gebeten, unter anderem zu Chans aktuellem Beschäftigungsstatus, einer möglichen Inhaftierung und etwaigen Vorwürfen gegen sie sowie dazu, welche Unterstützung die Zeitung ihrer Mitarbeiterin gegebenenfalls zukommen lässt. Bis zur Veröffentlichung dieser Mitteilung erhielt RSF keine Antwort. Die größte englisch-sprachige Zeitung Hongkongs gehört inzwischen zum chinesischen Konglomerat Alibaba.
Journalist*innen verschwinden in chinesischer Haft
Immer wieder werden Medienschaffende in China ohne Kontakt zur Außenwelt festgehalten. Dabei kommt auch die sogenannte „Residential Surveillance at a Designated Location“ (RSDL) zum Einsatz, eine Form der Isolationshaft an einem von den Behörden bestimmten Ort. Die chinesische Bloomberg-Journalistin Haze Fan verschwand im Jahr 2020 und wurde 2021 gegen Kaution freigelassen. Die australische Journalistin Cheng Lei wurde ebenfalls im Jahr 2020 zunächst unter RSDL festgehalten und kam auf Druck der australischen Regierung nach drei Jahren frei.
Auch außerhalb Chinas wurden Medienschaffende verschleppt, ein Vorgehen, was „transnationale Repression“ genannt wird. Der schwedisch-chinesische Verleger Gui Minhai wurde im Jahr 2015 während eines Aufenthalts in Thailand entführt. Der Journalist Yang Zewei verschwand im Mai 2023 in Laos und tauchte später in chinesischem Gewahrsam wieder auf.
In China sind derzeit 119 Medienschaffende inhaftiert – mehr als in jedem anderen Land der Welt. Auf der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen des Jahres 2026 belegt die Volksrepublik Platz 178 von 180 Staaten und Territorien. Hongkong steht derzeit auf Platz 140; vor zwei Jahrzehnten belegte die Sonderverwaltungsregion noch Platz 18.
