Seit Jahrzehnten war Thailand der wichtigste Ort in Südostasien für Exil-Journalist*innen aus Myanmar, China oder Kambodscha. Nach dem Militärputsch in Myanmar 2021 flohen zahlreiche Medienschaffende nach Bangkok oder in die Grenzregionen des Landes. Aber Thailand hat gleichzeitig die Genfer Flüchtlingskonvention nie unterzeichnet. Geflohene Journalist*innen leben bis heute deshalb oft in einem rechtlichen Graubereich und müssen – das zeigt ein aktueller Fall – jederzeit mit Festnahmen oder Abschiebungen rechnen.
Reporter ohne Grenzen (RSF) fordert zusammen mit der Menschenrechtsorganisation Safeguard Defenders die thailändischen Behörden auf, den chinesischen Investigativjournalisten Bai Zhaodong nicht nach China abzuschieben. Nach Informationen beider Organisationen droht dem Journalisten die Auslieferung an die Volksrepublik auf Druck der chinesischen Regierung. Sollte Bai nach China zurückkehren müssen, drohen ihm politische Verfolgung, Inhaftierung und Folter.
Bai Zhaodong arbeitete seit mehr als 25 Jahren als Investigativjournalist in China, zuletzt für das renommierte Wirtschaftsmagazin Caijing. Seine Recherchen deckten Korruptions- und Finanznetzwerke auf, in die lokale Funktionäre ebenso verwickelt gewesen sein sollen wie hochrangige Mitglieder der Kommunistischen Partei Chinas. Nach Angaben von RSF war Bai in den vergangenen Jahren wiederholt Ziel staatlicher Repressionen, Verhöre und Strafverfahren. Im November 2023 gelang ihm die Flucht nach Thailand. Seit Januar 2026 befindet er sich im Suan-Phlu-Abschiebegefängnis in Bangkok.
„Thailands Ruf als einer der wenigen Orte in Asien, an denen verfolgte Journalist*innen aus Nachbarstaaten zumindest vorübergehend Schutz und Ruhe vor Verfolgung finden konnten, steht auf dem Spiel“, sagt Sören Kittel, Pressereferent für die Region Asien und Pazifik bei Reporter ohne Grenzen. „Wenn Bangkok beginnt, dem Druck autoritärer Regierungen nachzugeben, verliert das Land einen wichtigen Teil seiner internationalen Glaubwürdigkeit. Die drohende Abschiebung von Bai Zhaodong wäre deshalb mehr als ein Einzelfall – ein Signal an verfolgte Journalist*innen in ganz Asien.“
Eine Quelle, die inzwischen aus Angst vor Verfolgung von Thailand nach Europa geflüchtet ist, beschreibt es im Rückblick als „einen Ort zum Überleben, aber niemals einen Ort der Sicherheit“. Journalist*innen befänden sich dort in einem „legalen Vakuum“. „Sie müssen mit der Angst leben, dass jeden Tag jemand an die Tür klopfen könnte, um sie an das heimische Regime auszuliefern.“ Bereits im vergangenen Jahr hatte Thailand 40 Uigur*innen nach China zurückgeführt. Menschenrechtsorganisationen warnten damals vor schwerwiegenden Folgen für die Betroffenen.
RSF und Safeguard Defenders fordern die thailändischen Behörden auf, Bai Zhaodong die Ausreise in ein sicheres Drittland zu ermöglichen und ihren internationalen Verpflichtungen zum Schutz vor Folter und politischer Verfolgung nachzukommen. Erst vor wenigen Tagen hat RSF einen Bericht über die Verwendung von nationalen Sicherheitsgesetzen veröffentlicht.
In China sitzen nach RSF-Daten derzeit mindestens 113 Medienschaffende in Haft, meist auf Grundlage vage formulierter Anklagen wie „Spionage“ oder „Provokation von Streit“.
Auf der Rangliste der Pressefreiheit belegt das Land den 178. Platz von 180. Thailand belegt den 92. Platz.
