Palästinensische Gebiete

Westjordanland: Israelische Armee eskaliert Gewalt gegen Journalist*innen

Westjordanland: Israelische Armee eskaliert Gewalt gegen Journalist*innen
© picture alliance / Sipa USA / JNA PRESS
25. Juli in der Region um Nablus: Ein israelischer Soldat zielt in Richtung einer Gruppe von Palästinenser*innen, darunter auch Medien.

Tränengas, Blendgranaten, Blockaden: Reporter ohne Grenzen (RSF) hat in den vergangenen drei Monaten mehrere Fälle dokumentiert, in denen die israelische Armee palästinensische Journalist*innen gezielt an der Arbeit im besetzten Westjordanland gehindert hat. RSF verurteilt diese Angriffe und fordert die mit Israel alliierten Regierungen auf, Druck auf die Behörden des Landes auszuüben, damit diese Gewalt ein Ende hat. 

Seit Anfang Mai hat RSF folgende Vorfälle dokumentiert:

  • 11. Mai: Gewalt im Flüchtlingslager Qalandiya

Israelische Streitkräfte gingen mit Tränengas und Blendgranaten gegen eine Gruppe von Journalist*innen vor, während diese über eine Razzia in Qalandiya berichteten. Das Flüchtlingslager liegt zwischen Jerusalem und Ramallah im besetzten palästinensischen Gebiet. Der Angriff richtete sich gezielt gegen ein Team des katarischen TV-Senders Al Araby.

  • 16. Mai: Zugang zum Flüchtlingslager Dschenin verwehrt

Israelische Streitkräfte hinderten palästinensische Journalisten am Zugang zum Flüchtlingslager Dschenin im Norden des Westjordanlands. Die Medienschaffenden wollten über Militäroperationen und Abrissarbeiten berichten. Laut Reporter*innen vor Ort hatten israelische Soldaten das Gebiet abgeriegelt.

  • 27. Mai: Journalist verhört und mit Zutrittsverbot belegt

Saif al-Qawasmi, ein 25-jähriger freiberuflicher Journalist, wurde von der Polizei auf dem Weg zum Gelände der Al-Aqsa-Moschee in Jerusalem festgenommen. Er sollte im Auftrag des katarischen Nachrichtensenders Al Jazeera Mubasher (al-Dschasira) berichten. Anschließend wurde er mehrere Stunden lang von den Strafverfolgungsbehörden und dem israelischen Geheimdienst zu seiner Arbeit befragt. Aus nicht nachvollziehbaren Gründen wurde ihm zunächst für eine Woche, später für sechs Monate der Zutritt zum Gelände der Moschee untersagt – eine regelmäßige Strafmaßnahme gegen palästinensische Journalist*innen. Al-Qawasmi war bereits im Juni 2024 von ultranationalistischen Israelis schwer attackiert worden.

  • 7. Juni: Schüsse im Flüchtlingslager Balata

Mehrere Medienschaffende berichteten im Flüchtlingslager Balata östlich von Nablus über eine groß angelegte Razzia der israelischen Armee. Laut Madschdi Mohammed Schteya, Fotograf der US-Nachrichtenagentur Associated Press, und Sidki Ajjub Rajjan, Freelancer für die Nachrichtenseite Noon Post, hat die israelische Armee Blendgranaten in ihre Richtung gefeuert und anschließend auf sie geschossen.

  • 16. Juni: Angriffe in Nablus und Deir Abu Maschal

Eine Gruppe von etwa zehn Journalist*innen wollte in den frühen Nachtstunden über einen Konvoi extremistischer jüdischer Siedler berichten. Die israelische Armee schützte die Siedler, die auf dem Weg zum Josephsgrab östlich von Nablus illegal in palästinensisches Gebiet eingedrungen waren, und vertrieb die Journalist*innen mit Blendgranaten. Sie arbeiteten unter anderem für den katarischen Sender Al Jazeera und Roya News aus Jordanien.

Am selben Tag wurde Motassem Saqf al-Hayt, ein Korrespondent der unabhängigen Nachrichtenseite Quds News Network, verletzt. Die israelische Armee hatte Tränengasgranaten abgefeuert, während er aus Deir Abu Maschal berichtete. In dem Dorf westlich von Ramallah hatten Siedler versucht, einen Außenposten zu errichten.

  • 22. Juli, 10. August: Haaretz-Team bei Nablus behindert

Die israelische Armee blockierte südlich von Nablus ein Fahrzeug eines Teams der israelischen Zeitung Haaretz – angeblich, um Zusammenstöße mit Siedlern zu verhindern. Knapp drei Wochen später wurde dasselbe Haaretz-Team in der Nähe eines benachbarten Dorfes von Siedlern blockiert und angegriffen. Laut Berichten weigerten sich die vor Ort anwesenden israelischen Soldaten diesmal, einzugreifen und die Journalist*innen zu schützen.

19 palästinensische Medienschaffende in Haft

Die Zahl der Festnahmen von Journalist*innen im besetzten Westjordanland ist seit dem 7. Oktober 2023 sprunghaft angestiegen. 15 palästinensische Medienschaffende wurden seitdem festgenommen, insgesamt sitzen derzeit 19 in israelischer Haft.

Zuletzt, am Morgen des 12. August 2026, verhafteten israelische Streitkräfte den freiberuflichen Journalisten Mohammed Awad, der Videomaterial für die Agence France-Presse (AFP) und den katarischen Sender Al Jazeera produziert. Die Streitkräfte verhafteten Awad in seinem Haus im Dorf Baituniya westlich von Ramallah und warfen ihm „Terrorismus“ vor. Bis zur Veröffentlichung dieses Artikels lieferte die israelische Armee gegenüber RSF keine weiteren Belege für diesen Vorwurf.

Auch internationale Reporter*innen bekommen die härtere Haltung der israelischen Behörden zu spüren. Die französische Journalistin Alice Froussard, die für Radio France Internationale (RFI) arbeitet, wurde am 10. Juni bei ihrer Ankunft am Ben-Gurion-Flughafen in Tel Aviv abgewiesen und deportiert. Zuvor waren bereits Einreiseverbote gegen die Journalisten Queralt Castillo aus Spanien, Khadija Toufik aus Frankreich und Alessandro Stefanelli aus Italien verhängt worden.

RSF setzt sich mit Unterstützung seines lokalen Partners Watan Academy weiterhin vor Ort für die Sicherheit von Medienschaffenden ein. Erst jüngst, im August, hat die Organisation ein auf die lokalen Gegebenheiten zugeschnittenes „Hostile Environment Awareness Training“ (HEAT) für 20 palästinensische Journalist*innen angeboten.