China

Die Haft von Sophia Huang Xueqin endet am Freitag – frei ist sie trotzdem nicht

Die Haft von Sophia Huang Xueqin endet am Freitag – frei ist sie trotzdem nicht
©: picture alliance / newscom / Thomas Yau
Sophia Huang Xueqin war selbst Opfer von Machtmissbrauch und machte den Hashtag #metoo in China populär

Am Freitag, den 18. September 2026, wird die chinesische Journalistin und #MeToo-Aktivistin Sophia Huang Xueqin aus dem Gefängnis entlassen. Doch frei wird sie damit voraussichtlich nicht sein: Für weitere vier Jahre werden ihr sämtliche politischen Rechte entzogen, sie darf nicht als Journalistin arbeiten oder ins Ausland reisen und muss mit staatlicher Überwachung rechnen. Gemeinsam mit Amnesty International und insgesamt 60 Pressefreiheits- und Menschenrechtsorganisationen fordert Reporter ohne Grenzen (RSF) die chinesischen Behörden auf, Huang ihre vollständige Freiheit zurückzugeben.

Sophia Huang Xueqin sitzt seit September 2021 im Gefängnis. Sie wurde einen Tag vor ihrer geplanten Abreise nach Großbritannien festgenommen, wo sie ein Studium aufnehmen wollte. Offiziell war nicht ihre journalistische Arbeit die Begründung für die Festnahme, sondern die Behörden warfen ihr „Anstiftung zur Untergrabung der Staatsgewalt“ vor. Im Juni 2024, erst drei Jahre nach ihrer Inhaftierung, wurde sie zu fünf Jahren Haft sowie zum Entzug ihrer politischen Rechte für weitere vier Jahre verurteilt. Eine Berufung scheiterte.

Diese zusätzlichen Einschränkungen gelten auch nach ihrer Entlassung. Das bedeutet für Huang, sie darf weder journalistisch arbeiten noch China verlassen. Zudem befürchten Freund*innen und Menschenrechtsorganisationen, dass die Behörden sie weiterhin überwachen und unter Druck setzen werden, so wie es in anderen ähnlichen Fällen passiert. Eine enge Freundin der Journalistin sagte RSF unter der Bedingung der Anonymität, sie rechne nach der Freilassung mit „unerbittlichem Druck, Überwachung und Zensur“. Befürchtet wird, dass sich Behörden in Huangs Privatleben einmischen und versuchen, ihre sozialen Bindungen zu beeinflussen.

„Nach Jahren der Schikanen sollten die chinesischen Behörden Sophia Huang Xueqin endlich ihre vollständige Freiheit zurückgeben“, sagt Sören Kittel, Pressereferent für Asien & Pazifik bei RSF. „Dazu gehört selbstverständlich auch das Recht, wieder als Journalistin zu arbeiten. Wir rufen die internationale Gemeinschaft dazu auf, ihre Situation weiterhin genau zu beobachten und ihre Sicherheit bei Gesprächen mit Peking zum Thema zu machen. In anderen Ländern wäre die Journalistin für ihre Arbeit mit Preisen ausgezeichnet worden, in China wurde sie eingesperrt und verfolgt.“

Journalistin berichtete über sexualisierte Gewalt

Die 1988 geborene Huang begann ihre Karriere bei der staatlichen Nachrichtenagentur China News Service, bevor sie sich dem unabhängigen Journalismus zuwandte. Im Jahr 2015 wechselte sie als Investigativjournalistin zur Zeitung Southern Metropolis Weekly, die für ihre Berichterstattung über politische und gesellschaftliche Missstände bekannt war, etwas, das im heutigen China immer mit Risiken verbunden ist.

Im Jahr 2018 veröffentlichte Huang eine viel beachtete Recherche über sexualisierte Gewalt und Belästigung in der chinesischen Medienbranche, sie hatte mit zahlreichen Betroffenen gesprochen, die erstmals in die Öffentlichkeit traten mit ihren Geschichten. Die Recherche trug maßgeblich dazu bei, die chinesische #MeToo-Bewegung voranzutreiben. Huang wurde zu einer ihrer bekanntesten Stimmen.

Die Haftbedingungen machten ihr sehr zu schaffen: Nach ihrer Festnahme im Jahr 2021 ist bei ihr nach Angaben von Freund*innen der sogenannte Tigerstuhl angewandt worden – ein Fixierungsstuhl, der zu langfristigen Schäden führt und als Folterinstrument bekannt ist. Zudem verbrachte Huang fünf Monate in Isolationshaft ohne Zugang zu Anwält*innen. Sie verlor stark an Gewicht und leidet noch heute unter erheblichen gesundheitlichen Mangelerscheinungen.

In China endet die Repression nicht mit der Haft

Der Fall Sophia Huang Xueqin zeigt, dass die Verfolgung unabhängiger Journalist*innen in China mit dem Ende einer Haftstrafe nicht zwangsläufig vorbei ist. Ein weiteres Beispiel ist die Journalistin Zhang Zhan, die über den Beginn der Covid-19-Pandemie in Wuhan berichtet hatte. Nach einer ersten vierjährigen Haftstrafe kam sie im Mai 2024 frei. Nur wenige Monate später, im August 2024, wurde sie erneut festgenommen und später zu weiteren vier Jahren Gefängnis verurteilt.

RSF und Amnesty International fordern deshalb gemeinsam mit insgesamt 60 Pressefreiheits- und Menschenrechtsorganisationen, dass Huang am 18. September tatsächlich freikommt und anschließend ohne Überwachung, Schikanen oder andere Repressalien leben und arbeiten kann. Zu den NGO's, die diese Forderung unterzeichnet haben, gehören neben RSF und Amnesty International: Commitee to Protect Journalists (CPJ), PEN America, Freedom House und viele mehr. Mehr zu dem Papier hier.

In China sind derzeit 119 Medienschaffende inhaftiert – mehr als in jedem anderen Land der Welt. Auf der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen des Jahres 2026 belegt die Volksrepublik Platz 178 von 180 Staaten und Territorien. Hongkong steht derzeit auf Platz 140; vor zwei Jahrzehnten belegte die Sonderverwaltungsregion noch Platz 18.