Türkei

Journalistin Tuğba Tekerek wegen ihrer Arbeit in Haft

Das Bild zeigt eine Demonstration für LGBTQ Rechte. Eine junge Frau steht im Mittelpunkt und blickt in Richtung Betrachter*in. Ihre Hände sind nach oben gestreckt: Sie hält eine LGBTQ-Flagge. Am Rand befinden sich Polizist*innen in Uniform.
© picture alliance / Middle East Images | Murat Kocabas
Demonstrierende mit Pride-Flaggen stehen am 27. Juni 2026 in Izmir vor der türkischen Bereitschaftspolizei.

Reporter ohne Grenzen (RSF) fordert die sofortige Freilassung der freien Journalistin Tuğba Tekerek. Sie wurde im Zuge der landesweiten „Ailem Güvende“ („Meine Familie ist in Sicherheit“)-Razzien gegen LGBTQIA+-Organisationen festgenommen und sitzt seit dem 15. September in Untersuchungshaft. Ausgangspunkt der Ermittlungen ist ein journalistischer Beitrag, den sie bereits 2024 über die Situation von queeren Menschen in Georgien veröffentlicht hatte. Auch Reporter*innen, die über Proteste gegen die Razzien berichteten, wurden vorübergehend festgenommen. RSF sieht darin eine weitere Verschärfung des Drucks auf unabhängigen Journalismus in der Türkei.

Die freie Journalistin und Autorin Tuğba Tekerek arbeitet unter anderem für DW Türkçe oder taz. Nach Angaben von DW, Bianet und DER SPIEGEL wurde sie in der Nacht zum 14. September in Istanbul festgenommen und anschließend nach Ankara gebracht.

Die Staatsanwaltschaft wirft ihr vor, die Instagram-Seite der LGBTQIA+-Organisation Kaos GL zu betreiben. Das ist jedoch vollkommen abwegig: Die Journalistin sagte aus, noch nie in dem Gebäude gewesen zu sein und nichts für die Organisation getan zu haben – abgesehen von einem einzelnen Artikel,  den sie im Oktober 2024 für das Nachrichtenportal von Kaos GL über die Lage queerer Menschen im Vorfeld der georgischen Parlamentswahl geschrieben hatte. Am 15. September ordnete ein Gericht Untersuchungshaft gegen Tekerek und sieben Mitglieder der Leitungsteams von Kaos GL an. Als Grundlage der Haftentscheidung werden unter anderem Verstöße gegen das Vereinsgesetz sowie Vorwürfe im Zusammenhang mit „obszönen“ Veröffentlichungen genannt. Tekerek bestreitet laut Gerichtsunterlagen zudem die Behauptung der Polizei, sie habe den Instagram-Auftritt von Kaos GL verwaltet; nach eigener Aussage bestand ihre Verbindung zur Organisation allein in diesem einen journalistischen Beitrag.

„Wo Minderheitenrechte unter Druck geraten, gerät häufig auch die Pressefreiheit unter Druck. Angriffe auf die LGBTQIA+-Community können zum Einfallstor für weitergehende staatliche Repression werden: Begriffe wie Moral, Obszönität oder der Schutz der Familie werden so weit ausgelegt, dass nicht nur Betroffene, sondern auch diejenigen ins Visier geraten, die über sie berichten“, sagt Christian Mihr, Geschäftsführer von Reporter ohne Grenzen. „Wenn journalistische Berichterstattung über gesellschaftliche Minderheiten kriminalisiert wird, betrifft das am Ende das Recht aller Menschen in der Türkei auf unabhängige Information.“

Nach Angaben des türkischen Justizministers Akın Gürlek gingen die Behörden in 15 Provinzen gegen 162 Verdächtige, neun Vereine und 13 Unternehmen vor. Die Websites von Kaos GL und dessen Nachrichtenangebot wurden inzwischen per Gerichtsbeschluss gesperrt. Die Razzien und Festnahmen lösten Proteste aus. Am 15. September griff die Polizei bei einem Protest vor dem Istanbuler Çağlayan-Gerichtsgebäude ein und nahm 109 Menschen vorübergehend fest. Dabei wurden auch Sarya Toprak, Reporterin der oppositionellen Tageszeitung BirGün, und Şener Azak, Kameramann des Istanbuler ARD-Büros, während ihrer Berichterstattung festgenommen. Azak kam kurze Zeit später frei; Toprak wurde am 16. September ebenfalls freigelassen.

Mehrere Journalist*innen binnen weniger Tage inhaftiert

Der Fall Tekerek steht nicht allein. Bereits am 4. September wurde die freie Journalistin Lale Arslan nach einer Durchsuchung ihrer Wohnung in Ankara in Untersuchungshaft genommen. Arslan veröffentlicht vor allem politische Beiträge und Interviews auf ihrem eigenen reichweitenstarken YouTube-Kanal und in sozialen Medien. Ihr werden unter anderem die „öffentliche Verbreitung irreführender Informationen“ und Terrorpropaganda vorgeworfen; Gegenstand ihrer Befragung waren frühere journalistische Sendungen. Am 10. September nahm die Polizei außerdem Selahattin Günday fest, einen früheren Fernsehreporter der inzwischen geschlossenen Nachrichtenagentur Doğan Haber Ajansı (DHA). Er wurde am 12. September in Untersuchungshaft genommen. Die Vorwürfe beziehen sich auf seine Berichterstattung aus dem Jahr 2011 über den damaligen Geheimdienstmitarbeiter Kaşif Kozinoğlu. Der damalige DHA-Kameramann İdris Tiftikçi wurde im selben Verfahren festgenommen, anschließend jedoch unter Auflagen freigelassen.

RSF dokumentiert seit Jahren den Einsatz von Untersuchungshaft und Strafverfahren gegen kritische Medienschaffende in der Türkei. Im Mai 2026 forderte RSF unter anderem die Freilassung der Journalisten Alican Uludağ und İsmail Arı, die wegen ihrer journalistischen Arbeit inhaftiert waren. Merdan Yanardağ sitzt weiterhin in Haft. Ebenfalls im Mai verlangte RSF die Freisprüche für Journalist*innen, die wegen ihrer Berichterstattung über die Massenproteste im März 2025 strafrechtlich verfolgt worden waren.

In der Rangliste der Pressefreiheit 2026 steht die Türkei auf Platz 163 von 180 Staaten.