Reporter ohne Grenzen ist erschĂŒttert, dass innerhalb von nur drei Wochen vier Medienschaffende in Mexiko ermordet wurden. Zwischen dem 10. und dem 31. Januar wurden in den Bundesstaaten Veracruz, Baja California und MichoacĂĄn eine Journalistin und drei Journalisten getötet. RSF fordert die mexikanischen Behörden auf, endlich die Mechanismen zum Schutz von Journalistinnen und Journalisten im Land zu stĂ€rken und die fast allgegenwĂ€rtige Straflosigkeit nach Gewaltverbrechen gegen Medienschaffende zu beenden.
âDas Jahr hat fĂŒr Medienschaffende in Mexiko mit einem Blutbad begonnen. Wir sind entsetzt, dass die mexikanischen Behörden trotzdem weder die Morde entschieden verurteilen noch die SchutzmaĂnahmen fĂŒr Journalistinnen und Journalisten verstĂ€rkenâ, sagte RSF-GeschĂ€ftsfĂŒhrer Christian Mihr. âWie viele mĂŒssen noch sterben, bevor die Behörden endlich handeln? Die Bundesbehörden wie auch die lokalen Behörden mĂŒssen alles daran setzen, die Verantwortlichen fĂŒr diese feigen Morde zu ermitteln und zur Rechenschaft zu ziehen, und die nationalen wie regionalen Schutzmechanismen fĂŒr Medienschaffende effektiv zu stĂ€rken.â
Der 55-jĂ€hrige Roberto Toledo, der in den vergangenen vier Jahren fĂŒr die Nachrichten-Website Monitor MichoacĂĄn gearbeitet hatte, wurde am Montag (31.01.) in ZitĂĄcuaro, einer Stadt im zentralen Bundesstaat MichoacĂĄn, ermordet. Monitor MichoacĂĄn ist eine meinungsstarke Nachrichtenseite, die regelmĂ€Ăig die Korruption in der Regierung des Bundesstaats und das hohe MaĂ an Gewalt dort anprangert. Als am Montag drei Personen an die TĂŒr des Medienunternehmens klopften, war es Toledo, der öffnete. Die Unbekannten eröffneten sofort das Feuer und zogen dann ab. Toledo erlag seinen Schussverletzungen noch im Krankenwagen.
Chefredakteur Armando Linares erklĂ€rte gegenĂŒber RSF, dass nicht der einzelne Journalist, sondern das Medienunternehmen das Ziel war. âJeder, der die TĂŒr geöffnet hĂ€tte, wĂ€re getötet wordenâ, sagte er. Diese Ansicht wird durch die Tatsache untermauert, dass Toledo in den vergangenen zwei Jahren hauptsĂ€chlich als Fotograf gearbeitet und nur selten Namensartikel geschrieben hatte. âEr sammelte Informationen, machte Fotos und Videosâ, sagte Linares. âUm Probleme zu vermeiden, wollte er die Geschichten, die er schrieb, nicht mit seinem Namen versehen, also erschienen sie unter meinem Namen.â
Nachdem die Leitung der Website vor einigen Monaten anonyme Drohanrufe erhalten hatte, reichte ihr Anwalt einen Antrag auf Schutz beim Innenministerium ein, das fĂŒr den nationalen Schutzmechanismus fĂŒr Journalistinnen und Journalisten zustĂ€ndig ist. Laut Linares gab es jedoch keine Anzeichen dafĂŒr, dass die Bundesbehörden den Antrag erhalten oder bearbeitet hĂ€tten.
Kurz nach dem Mord an Toledo wurden in der NÀhe des Tatorts zwei Plakate mit Drohungen gegen die AnwÀlte von Monitor Michoacån gefunden. Sie waren vom Cartel Jalisco Nueva Generación unterzeichnet, dem einflussreichsten Drogenkartell der Region.
Nachdem er die Ermordung Toledos in einem Tweet verurteilt hatte, behauptete der Sprecher von StaatsprĂ€sident AndrĂ©s Manuel LĂłpez Obrador, JesĂșs RamĂrez, in einem weiteren Tweet, Toledo habe als Assistent in einer Anwaltskanzlei und nicht als Journalist gearbeitet. Dies wurde von der Nachrichtenwebsite Aristegui Noticias widerlegt, die berichtete, dass seit Juli 2021 auf Monitor MichoacĂĄn zwei von Toledo verfasste Artikel veröffentlicht wurden, einer davon ĂŒber GĂŒnstlingswirtschaft innerhalb der örtlichen Polizei.
Die freiberufliche Journalistin Lourdes Maldonado LĂłpez wurde am 23. Januar in der Grenzstadt Tijuana im nordwestlichen Bundesstaat Baja California kaltblĂŒtig erschossen, als sie ihr Auto vor ihrem Haus parkte. Zwei Personen fuhren mit einem Taxi vor, eröffneten das Feuer auf sie und sammelten die verbrauchten PatronenhĂŒlsen ein, bevor sie wegfuhren.
Maldonado war eine erfahrene und sehr meinungsstarke Journalistin, die sich gegen Gewalt und Korruption einsetzte. Sie war die GrĂŒnderin und Moderatorin von Brebaje con Lourdes Maldonado, einem lokalen Nachrichtenprogramm auf Facebook. In der Vergangenheit hatte sie fĂŒr Medien wie Canal de Noticias de Rosarito und den Fernsehsender Televisa gearbeitet.
Maldonado war vor mehr als einem Jahr in den Schutzmechanismus des Bundesstaates Baja California aufgenommen worden. Ab Oktober 2021 wurde ihr Haus von Polizeistreifen ĂŒberwacht, und sie hatte einen Panikknopf erhalten, den sie zu Hause aufbewahrte, anstatt ihn auf ihrem Mobiltelefon zu installieren, da sie den örtlichen Behörden nicht vertraute. Sie hatte sich nicht an den nationalen Schutzmechanismus gewandt.
Seit fast neun Jahren lag sie im Streit mit dem GeschĂ€ftsmann und Lokalpolitiker Jaime Bonilla, der von 2019 bis 2021 Gouverneur von Baja California war. Wenige Tage vor ihrem Tod hatte sie einen Prozess gegen Primer Sistema de Noticias (PSN) gewonnen, ein lokales Medienkonsortium im Besitz von Bonilla, von dem sie vor Jahren vertragswidrig entlassen worden war. Auf einer der morgendlichen Pressekonferenzen von PrĂ€sident LĂłpez Obrador im Jahr 2019 sagte sie, sie fĂŒrchte im Zusammenhang mit diesem Fall um ihr Leben.
Der Fotojournalist Alfonso Margarito MartĂnez Esquivel, der sich auf KriminalitĂ€ts-Berichterstattung spezialisiert hatte, wurde am 17. Januar ebenfalls in Tijuana erschossen. Vor seinem Haus im Viertel Camino Verde wurde er von zwei SchĂŒssen getroffen, nachdem er in seinen Wagen gestiegen war, um ĂŒber einen anderen Mord zu berichten.
Der 49-jĂ€hrige MartĂnez arbeitete fĂŒr die Zeitschrift Semanario Zeta und berichtete hĂ€ufig auch fĂŒr die Zeitung Zeta und die Tageszeitung La Jornada de Baja California. âAlfonso hatte wegen seiner Artikel immer wieder Probleme mit der Polizeiâ, sagte Zeta-Chefredakteurin Adela Navarro gegenĂŒber RSF. â2019 hat die Polizei sogar versucht, seine AusrĂŒstung zu konfiszieren. Es gab mehrere VorfĂ€lle dieser Art.â
Laut Kollegen fĂŒhlte sich MartĂnez unter anderem von lokalen kriminellen Gruppen bedroht und fĂŒrchtete um sein Leben. Nachdem er im vergangenen Dezember auf der StraĂe bedroht und eingeschĂŒchtert worden war, bat er den Bundesstaat Baja California, ihm Schutz zu gewĂ€hren. Sein Antrag wurde wegen eines Regierungswechsels im Monat zuvor nicht bearbeitet. Daraufhin wandte er sich an den nationalen Mechanismus fĂŒr den Schutz von Journalistinnen und Journalisten, der zwar die Drohungen gegen ihn zur Kenntnis nahm, ihn aber nicht offiziell in das System aufnahm und ihm keinen Schutz gewĂ€hrte.
Der Tod von MartĂnez löste Proteste in mehr als 40 StĂ€dten in ganz Mexiko und zahlreiche UnterstĂŒtzungsbekundungen in den sozialen Medien unter den Hashtags #NiSilencioNiOlvido, #PeriodismoEnRiesgo und #NoSeMataLaVerdad aus. SolidaritĂ€tsbekundungen in einem solchen AusmaĂ hatte es seit der Ermordung von Javier Valdez im Jahr 2017 nicht mehr gegeben. Die neue Gouverneurin von Baja California, Marina del Pilar Ăvila Olmedo, kĂŒndigte die Einsetzung eines Sonderstaatsanwalts an, der die Morde an Maldonado und MartĂnez untersuchen soll.
Bereits am 10. Januar war der freiberufliche Journalist JosĂ© Luis Gamboa Arenas in Veracruz, der gröĂten Stadt im sĂŒdöstlichen Bundesstaat Veracruz, tot aufgefunden worden, etwa 15 Meter von seinem Haus im Stadtteil Floresta entfernt. Auf ihn war mehrfach eingestochen worden, seine Familie identifizierte die Leiche erst am 13. Januar.
Gamboa, der die Website Inforegio-Netword und die Wochenzeitung El Regional del Norte leitete, schrieb hauptsĂ€chlich Meinungsartikel und unabhĂ€ngige investigative Berichte. In den sozialen Medien kritisierte er Korruption in der Lokalpolitik und deren Verbindungen zum organisierten Verbrechen. Am Tag seiner Ermordung hatte er ein Video mit dem Titel âDer Krieg um die Narkopolitikâ und einen Artikel veröffentlicht, in dem er die Zunahme von hinrichtungsartigen Morden im Hafenviertel der Stadt anprangerte.
Der Gouverneur von Veracruz, CuitlĂĄhuac GarcĂa, teilte am 17. Januar mit, dass die Ermittlungen der örtlichen Staatsanwaltschaft Fortschritte gemacht hĂ€tten und dass die Theorie eines Zusammenhangs mit der Arbeit von Gamboa ernsthaft in Betracht gezogen werde. Die Journalistenschutzorganisation CEAPP in Veracruz teilte unterdessen mit, dass Gamboa keinen besonderen Schutz genossen habe und nicht als Ziel eines âfrĂŒheren Angriffsâ oder einer âBedrohungâ registriert worden sei.
Nach ZĂ€hlung von RSF wurden 2021 in Mexiko mindestens sieben Medienschaffende in Zusammenhang mit ihrer Arbeit ermordet, was das Land zum gefĂ€hrlichsten der Welt fĂŒr Journalistinnen und Journalisten macht. Seit LĂłpez Obrador im Dezember 2018 PrĂ€sident wurde, sind mindestens 28 Journalistinnen und Journalisten im Zusammenhang mit ihrer Berichterstattung getötet worden.
Um dieses Problem anzugehen, fĂŒhrt RSF eine umfassende Untersuchung der Mechanismen zum Schutz von Journalistinnen und Journalisten in Mexiko und sowie in Brasilien, Kolumbien und Honduras durch. RSF hofft, die detaillierten Ergebnisse und Empfehlungen der Studie bis Ende Februar veröffentlichen zu können.
