Nahostberichterstattung

Selbstzensur, Druck und Anfeindungen: Neue Studie bestätigt Warnsignale

Selbstzensur, Druck und Anfeindungen: Neue Studie bestätigt Warnsignale
© picture alliance / ZUMAPRESS.com | Michael Kuenne

Wie frei können Journalist*innen in Deutschland über Israel und Palästina berichten? Eine neue Studie der Freien Universität Berlin zeichnet ein besorgniserregendes Bild: Zwei Drittel der Befragten geben an, dass sich die Pressefreiheit in diesem Themenfeld seit dem 7. Oktober 2023 verschlechtert habe. Fast drei Viertel nehmen eine gestiegene Bedrohungslage wahr. Wir von Reporter ohne Grenzen (RSF) haben die Studie organisatorisch unterstützt.

Für die Untersuchung „Unter Druck. Journalistische Handlungsspielräume in der deutschen Nahostberichterstattung“ wurden im Mai und Juni 2026 fast 600 Medienschaffende kontaktiert; rund 30 Prozent nahmen an der anonymen Befragung teil. Die Ergebnisse sind nicht repräsentativ für den gesamten deutschen Journalismus, liefern aber erstmals umfangreiche quantitative Daten zu einem zuvor vor allem qualitativ beschriebenen Problem.

RSF beobachtet die Entwicklung seit Jahren

Die Ergebnisse knüpfen unmittelbar an unsere Arbeit bei Reporter ohne Grenzen an. Bereits Ende 2024 haben wir vor Selbstzensur und einem Klima der Angst rund um die Nahostberichterstattung gewarnt. Für die Nahaufnahme 2025 haben wir mehr als 60 qualitative Gespräche mit Medienschaffenden geführt. Viele schilderten einen verengten Meinungskorridor, Druck innerhalb von Redaktionen sowie Hass und Angriffe von außen. Auch in unserer Nahaufnahme 2026 haben wir ein weiterhin angespanntes Klima und persönliche Diffamierungen im Kampf um die Deutungshoheit über den Krieg in Gaza beschrieben.

Dass die FU-Studie diese Muster nun auch quantitativ sichtbar macht, ist ein bedeutender Beitrag zum kritischen Diskurs der deutschen Medienlandschaft. Pressefreiheit bedeutet nicht nur Schutz vor staatlicher Zensur. Sie setzt auch voraus, dass Journalist*innen recherchieren und unterschiedliche Perspektiven abbilden können, ohne Gewalt, Kampagnen oder berufliche Nachteile fürchten zu müssen.

Selbstzensur, Bedrohungen und Druck aus Redaktionen

Besonders alarmierend war auch für uns der Befund, dass 35 Prozent der Befragten beim Thema Nahost ein Bedürfnis nach Selbstzensur verspüren. Weitere 19 Prozent antworteten mit „teils/teils“. Unter freien Journalist*innen liegt der Anteil bei 52 Prozent, unter Medienschaffenden mit Migrationsgeschichte bei 47 Prozent. Als Gründe nennen die Befragten öffentliche Anfeindungen, die Sorge vor Missverständnissen und vor allem mögliche berufliche Nachteile. 71 Prozent berichten von eigenen Bedrohungserfahrungen im Zusammenhang mit ihrer Nahostberichterstattung.

Die Studie verweist zudem auf Konflikte und Hierarchien innerhalb von Redaktionen. Die Autor*innen Prof. Dr. Carola Richter, Dr. Jannis Julien Grimm und Nina Moya Schreieder empfehlen, Entscheidungen über Themen, Quellen und Formulierungen fachlich nachvollziehbar zu begründen, Widerspruch zuzulassen und externe Interventionen zu dokumentieren. Gerade freie Journalist*innen und Medienschaffende mit Migrationsgeschichte bräuchten besseren rechtlichen und psychosozialen Schutz.

„Damit bestätigen sich nun wissenschaftlich ebenfalls die zahlreichen und fortlaufenden Gespräche mit Journalisten und Journalistinnen sowohl im öffentlich-rechtlichen als auch im privatwirtschaftlichen Mediensystem Deutschlands, die von eben diesen Dynamiken, Bedrohungen und Einschränkungen ihrer Arbeit berichten“, sagt die Kommunikationswissenschaftlerin und Medienkritikerin Nadia Zaboura. „Eine wichtige, zentrale Studie mit klarem Auftrag an die Entscheidungs- und Verantwortungsträger in deutschen Medienhäusern.“