Indien nach den Wahlen 05.06.2024

Journalisten besser schützen

Ein Mann in Kolkata liest die Ergebnisse der Parlamentswahl in der Zeitung © picture alliance / NurPhoto | Sudipta Das

Sie recherchieren zu illegalem Bergbau und Landnahmen und bezahlen mit ihrem Leben: Mindestens 28 Journalistinnen und Journalisten wurden seit dem Amtsantritt von Premier Narendra Modi 2014 in Indien ermordet. Fast die Hälfte von ihnen hat über Umweltthemen berichtet. Bei der jüngsten Parlamentswahl hat Modis Bharatiya Janata Party (BJP) laut Medienberichten trotz deutlicher Verluste gewonnen. Reporter ohne Grenzen (RSF) fordert die künftige Regierung auf, Medienschaffende besser zu schützen und die Straflosigkeit zu bekämpfen.

„Die Zahl macht uns fassungslos: Von den 28 Medienschaffenden, die in den vergangenen zehn Jahren ermordet wurden, haben mindestens 13 zu Umweltthemen recherchiert. Dabei ging es oft um die Machenschaften krimineller Gruppen, die Journalistinnen und Journalisten angreifen, um ihre finanziellen Interessen zu schützen. Sie kommen viel zu häufig straffrei davon“, sagte RSF-Geschäftsführerin Anja Osterhaus. „Die Behörden müssen Medienschaffende besser schützen und die Straflosigkeit beenden. Alle Morde an Journalistinnen und Journalisten müssen unabhängig und gründlich untersucht werden.“

Indien gehört zu den gefährlichsten Ländern für Medienschaffende. Journalistinnen und Journalisten, die vor Ort über die Ausbeutung natürlicher Ressourcen durch kriminelle Gruppen berichten, sind in den vergangenen zehn Jahren oft ins Visier geraten. Insbesondere die sogenannte Sandmafia versucht, kritische Recherchen zu verhindern. Dahinter steckt ein Netzwerk organisierter Kriminalität, das illegal Sand abbaut – ein weltweit begehrter Rohstoff, auch für die boomende Bauindustrie in Indien.

Einer der ersten Opfer war Jagendra Singh. Der freiberufliche Journalist hatte zu einem Fall von illegalem Sandabbau recherchiert, in den der Chief Minister des nördlichen Bundesstaates Uttar Pradesh verwickelt gewesen sein soll. Im Juni 2015 erlag er Brandverletzungen, die er sich bei einer Polizeirazzia in seiner Wohnung zugezogen hatte. Singh hatte damals der Polizei vorgeworfen, den Brand absichtlich ausgelöst zu haben. Augenzeugen bestätigten seine Aussage.

Im Jahr 2016 erschossen Angreifer auf Motorrädern bei getrennten Angriffen den Reporter Karun Misr in Uttar Pradesh und den Journalisten Ranjan Rajdev im östlichen Bundesstaat Bihar. Beide hatten zu illegalem Bergbau recherchiert.

Der Reporter Sandeep Sharma berichtete für den lokalen Fernsehsender News World im zentralen Bundesstaat Madhya Pradesh über die Sandmafia. Im März 2018 wurde er absichtlich mit einem Kipplaster überfahren. Sharma hatte zuvor Todesdrohungen erhalten und einen Polizisten der Komplizenschaft mit der örtlichen Sandmafia beschuldigt.

Im Juni 2020 wurde der Zeitungsreporter Shubham Mani Tripathi in Lucknow erschossen, der Hauptstadt des Bundesstaates Uttar Pradesh. In einem Facebook-Post kurz vor seinem Tod hatte er geschrieben, er befürchte, getötet zu werden, weil er über Landenteignungen für den illegalen Sandabbau berichtet habe.

Auch der 26-jährige freiberufliche Reporter Subhash Kumar Mahto recherchierte zur Sandmafia. Im Mai 2022 wurde er auf dem Rückweg von einer Hochzeitsfeier im Bundesstaat Bihar erschossen. Laut seinem Vater hatte Mahto sechs Monate zuvor Todesdrohungen erhalten und der Polizei gemeldet.

Im Februar 2023 erlag der Investigativjournalist Shashikant Warishe im westlichen Bundesstaat Maharashtra seinen Verletzungen, kurz nachdem er von einem SUV überfahren worden war. Am Steuer saß ein Geschäftsmann, der sich für den Bau einer Öl-Raffinerie eingesetzt hatte. Warishe hatte über illegale Landnahme im Zusammenhang mit der geplanten Raffinerie berichtet. Nur Stunden vor seiner Ermordung war ein Artikel von Warishe erschienen, in dem der Geschäftsmann namentlich genannt wurde.

Neben den 13 Journalisten, die zu Umweltthemen recherchierten, wurden seit 2014 in Indien mindestens 15 weitere Medienschaffende wegen ihrer Arbeit ermordet. Sie berichteten über Themen wie Korruption, organisiertes Verbrechen und Wahlen. Unter ihnen ist eine Journalistin: Gauri Lankesh wurde im September 2017 vor ihrem Haus im südindischen Bangalore erschossen. Die 55-jährige Herausgeberin der Wochenzeitung Lankesh Patrike trat für Frauenrechte ein und kritisierte sowohl das Kastensystem als auch den Hindu-Nationalismus im Land. Lankesh erhielt vor allem im Internet Todesdrohungen; Anhänger der BJP hatten sie dort oft kritisiert.

RSF hat im Vorfeld der jüngsten Parlamentswahl mehrere Einschränkungen der Pressefreiheit dokumentiert. Auf der Rangliste der Pressefreiheit steht Indien auf Platz 159 von 180 Staaten. Die sogenannte Sandmafia schränkt die Pressefreiheit auch in anderen Ländern ein. In einem Themenbericht hat RSF untersucht, wie die organisierte Kriminalität unter anderem beim illegalen Bergbau Journalistinnen und Journalisten bedroht.



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