Vorgehen gegen Corona-Berichterstattung | Reporter ohne Grenzen für Informationsfreiheit
Ägypten 19.03.2020

Vorgehen gegen Corona-Berichterstattung

Passanten am Bahnhof in Kairo tragen Atemmasken.
Passanten am Bahnhof in Kairo © picture alliance / Photoshot

Reporter ohne Grenzen (RSF) verurteilt das Vorgehen der ägyptischen Behörden gegen Medienschaffende, die die offiziellen Darstellungen zur Coronavirus-Epidemie im Land in Frage stellen. Einer Journalistin der britischen Tageszeitung The Guardian ist die Akkreditierung entzogen worden. Ein Mitarbeiter der New York Times wurde verwarnt.

„Die ägyptischen Behörden benutzen die Corona-Pandemie als einen Vorwand, kritische und missliebige Berichterstattung mundtot zu machen“, sagte der Geschäftsführer von Reporter ohne Grenzen, Christian Mihr. „Eine freie Berichterstattung und Zugang zu Informationen aus vielfältigen Quellen sind für die Eindämmung des Coronavirus essentiell.“

Der Guardian-Korrespondentin Ruth Michaelson war am 16. März die Presseakkreditierung entzogen worden, weil sie angeblich "übertriebene" Schätzungen der Zahl der Covid-19-Fälle in Ägypten genannt hatte. Michaelson hatte in einem Artikel kanadische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zitiert, die die Zahl der Fälle in Ägypten auf wahrscheinlich mehr als 19.000 und damit auf das etwa 15-fache der offiziellen Zahlen bezifferten.

Die staatliche Informationsbehörde (SIS), die die Presseakkreditierungen ausstellt, verlangte eine formelle Entschuldigung des Guardian. Michaelsons Artikel stelle eine "Verletzung aller in Ägypten und international anerkannten Gesetze über journalistische Arbeit" und eine "absichtliche Irreführung bei einem ernsten Thema" dar. In der Antwort des Guardian heißt es, dass Michaelson lediglich über die wissenschaftlichen Erkenntnisse glaubwürdiger Expertinnen und Experten für Infektionskrankheiten berichtet und den ägyptischen Behörden Gelegenheit zur Stellungnahme gegeben habe.

Ebenfalls am 16. März sprach die Informationsbehörde eine Warnung gegen den irischen Journalisten und Leiter des Büros der New York Times in Kairo, Declan Walsh, aus, weil dieser in einem Tweet dieselben kanadischen Forscherinnen und Forscher zitiert hatte, auf die sich auch Michaelson in ihrem Artikel berufen hatte. Walsh löschte den Tweet anschließend.

Auch ägyptische Journalistinnen und Journalisten werden daran gehindert, ausführlich über die Coronavirus-Epidemie zu berichten. Der Hohe Rat für die Medienaufsicht hat mehrere Nachrichten-Webseiten wegen der "Verbreitung falscher Nachrichten" für sechs Monate sperren lassen und Anklage gegen ihre Betreiberinnen und Betreiber erhoben. Er hat außerdem eine Telefonhotline erstellt, über die Internet-Inhalte gemeldet werden können, die "geeignet sind, die Öffentlichkeit zu beunruhigen". Bereits im vergangenen September blockierte der Hohe Rat für die Medienaufsicht die Webseiten der BBC und des von der US-Regierung finanzierten Fernsehsenders Alhurra wegen der "Veröffentlichung falscher Informationen" über regierungsfeindliche Proteste, die schnell erstickt wurden.

Auf der Rangliste der Pressefreiheit steht Ägypten auf Platz 163 von 180 Staaten. Aktuell befinden sich dort 28 Medienschaffende in Haft. Unter Präsident Abdel Fattah al-Sisi ist Ägypten eines der Länder mit den meisten inhaftierten Journalistinnen und Journalisten geworden.



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